Gottesdienst am 1. August 2021 – Neunter Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Philipper 3,(4b-6)7-14

7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. 10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Evangelium: Matthäus 13, 44-46

44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker. 45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, 46 und da er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Predigttext: Matthäus 7,24-27

24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. 26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

 

Liebe Gemeinde!

Beim Lesen des Predigttextes stehen einem wieder die Bilder der vergangenen Wochen vor Augen: fürchterliche Zerstörungen durch Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, in geringerem Maße im Berchtesgadener Land und auch hier in Franken. Tote und verlorene Sachwerte in Milliardenhöhe. Niemand hat mit derartigen Naturgewalten rechnen können, mit Flutwellen weit über den Berechnungen eines hundertjährigen Ereignisses. Der Schreck sitzt tief, denn anscheinend kommen solche Katastrophen immer öfter und heftiger, und niemand kann davor sicher sein. Langjährige Erfahrungswerte gelten immer öfter nicht mehr. Selbst die Vernünftigen, die Vorausschauenden können Schutz von Eigentum und Leben nicht mehr sicherstellen. Alle Handwerkskunst, Bauvorschriften und Sicherheitskonzepte, alle Normen und bürokratischen Verfahren konnten angesichts der Wassermassen nichts ausrichten.

Das macht es schwer, mit unbefangenem Blick auf unseren heutigen Predigttext zu blicken. Denn hier ist es gerade der Kontrast zwischen dem klugen, aus Erfahrung klug gewordenen und dem leichtfertigen Menschen, auf den Jesus seine Zuhörer – die Hörer der Bergpredigt – hinweisen will. Ein Stück Weisheitsliteratur steckt in diesem Gleichnis – ein Vergleich soll uns auf den Weg der Klugheit bringen. Denn zweimal wird beinahe wörtlich dieselbe Geschichte erzählt: Ein Haus ist dem Platzregen, dem Wasser und dem Wind ausgesetzt – einmal hält es stand, einmal fällt es in sich zusammen. Der Grund liegt im Untergrund, unsichtbar verborgen: Einmal reicht das Mauerwerk bis auf den felsigen Grund, einmal ist das Haus sprichwörtlich auf Sand gebaut. Der Fehler, einmal geschehen, lässt sich im Nachhinein nicht mehr ändern.

Es ist verständlich, dass die Zuhörer Jesu mit Erschrecken reagieren. Die Mahnung steht klar im Raum: Worauf hast du dein Lebenshaus aufgebaut? Wird es allen Widrigkeiten trotzen? Und – wird es vor Gott bestehen können?

Ungewöhnlich ist, dass Jesus seine Worte – die vorangegangene Bergpredigt – zum Maßstab macht. Jeder andere Rabbi hätte an die Tora angeknüpft: Wenn ihr die Worte des Gesetzes haltet und tut – und wie viele haben es getan bis an die Schwelle des Todes! Nun aber gelten Feindesliebe und Gottvertrauen als Maßstab, die paradoxen Sätze der Seligpreisungen, die Gesetzesverschärfungen, als das, was uns heute schon beim Lesen Mühe macht, es als sinnvoll anzusehen – wie soll man danach auch noch leben? Oder verlangt Jesus schlicht Unmögliches von uns?

Die Sätze der Bergpredigt sind für ein ruhiges, beschauliches Leben nicht gemacht. Sie fordern heraus, sein Verhalten immer wieder zu überprüfen. Sie stellen die selbstverständlichen Gewohnheiten radikal in Frage, um sich einer neuen Art des Miteinanders zuzuwenden. Und vielleicht passte dies gerade in die Zeit, in der das Matthäusevangelium entstand. Nach der Niederlage im jüdischen Krieg, nach der Abspaltung von der jüdischen Gemeinde waren zu viele Gewissheiten weggebrochen. Da schien es womöglich sogar logisch, etwas ganz Neues zu wagen, nicht die althergebrachten Gebote, sondern Jesu Sichtweise und Interpretation dem Test der Wirklichkeit auszusetzen. Welche der Worte sind so stark, dass sie den Lebensstürmen trotzen, dass sie Dürren und Fluten überstehen? Die Fragestellung ist durchaus modern: Heute wird erforscht, warum bestimmte Menschen, obwohl sie Schrecklichstes durchleben mussten, eine innere Widerstandskraft entwickeln konnten, eine Sicherheit und ein Vertrauen zu sich selbst. Wie konnten sie an den Schwierigkeiten des Lebens wachsen – und andere nicht? Zu dieser Widerstandskraft gehört, sich nicht allein als Opfer zu verstehen, sondern sich als aktiven, handlungsfähigen Menschen zu begreifen, der sein Schicksal aktiv beeinflussen kann. Dies ist eine Grundfertigkeit des Lebens, die, wo sie eingeübt ist, hilft, wenn es hart auf hart geht. Es ist immer gut, einen „Plan B“ zu haben, sich innerlich auch auf mögliche Rückschläge und Zusammenbrüche einzustellen, die hoffentlich nie eintreten. Und wenn doch – dann ist Mitgefühl und Solidarität gefragt, aber auch Klugheit in kurz- und langfristiger Perspektive. In welchem Geist kann der Wiederaufbau gelingen?Welche Fehler der Vergangenheit sind zu vermeiden? Und wie soll die Welt von Morgen aussehen? Dazu genügt es nicht, nur für sich und sein eigenes Lebenshaus zu sorgen. Heute ist unser Haus die ganze Erde, der Planet, der uns alles zum Leben gibt, Fundament unseres Daseins. Wer damit fahrlässig umgeht, handelt nicht töricht, wie der, der auf Sand gebaut hat, sondern nimmt den Zusammenbruch wissentlich in Kauf. Grund unseres Lebens- und Welthauses ist nicht nur die Ehrfurcht vor Gott, sondern genauso vor dem Leben, das uns umgibt und dessen Teil wir sind. Dies zu bewahren ist überlebenswichtig! Möge Gott uns dazu Weisheit, Kraft und Klarheit geben!