Gottesdienst am 1. Juni 2020 – Pfingstmontag

Epistel: 1. Korinther 12,4-11


Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.

Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.

Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.

7 Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.

8 Dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben; dem andern ein Wort der Erkenntnis durch denselben Geist;

9 einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist;

10 einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen.

11 Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will.

 

Evangelium und Predigttext: Johannes 20,19-23


19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!

23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

 

Liebe Gemeinde,

mit dieser Geschichte aus dem Johannesevangelium rücken wir wieder dicht an Ostern heran. Es ist der Abend des Auferstehungstages. In der Frühe des Morgens war Jesus vor Maria Magdalena erschienen, nun, am Abend hatten sich die verbliebenen Jünger versammelt. Immerhin – sie waren nicht mehr zerstreut, vereinzelt. Sie waren zusammengekommen, zögerlich und furchtsam vielleicht, aber sie wollten sich austauschen, an das Vergangene anknüpfen, neue Hoffnung schöpfen womöglich, denn sie hatten wohl von den Auferstehungsberichten gehört. Diese Versammlung war sozusagen das Vorbild und Urbild unserer sonntäglichen Gottesdienste.

Es war eine geschlossene Gesellschaft. Was hier zur Sprache kommen sollte, war noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Der neue Glaube war, wenn überhaupt vorhanden, noch so zart, angreifbar und verletzlich, dass man fürchtete, er könne kritischen Nachfragen nicht standhalten – bis heute der Grund, warum christliche Theologie so ausdauernd und systematisch betrieben wird. Für die Jünger hatte sich nur der erste Teil des letzten Wortes Jesu in den Abschiedsreden erfüllt: „In der Welt habt ihr Angst“. Der Rest blieb zu hoffen: „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Und nun tritt Jesus, der Auferstandene, herein. Verschlossene Türen sind ihm kein Hindernis. Wir würden sicherlich nach einer Erklärung suchen, wie dies möglich ist. Aber der Evangelist spart diese Frage ganz aus. Jesus erscheint, er schafft sich seinen Raum, ist einfach da. „Friede sei mit euch“ - der gewöhnliche jüdische Gruß schafft sich seine Wirklichkeit. Angst und Sorge, alles Bedrohliche weicht, ein Raum des Vertrauens entsteht. Dann zeigt Jesus Hände und Seite, die verwundeten Stellen seines Körpers. Er ist derselbe, der den Kreuzestod erlitten hat, auch die Auferstehung hat dies nicht auslöschen wollen. Für den Verstand sind alle diese Beschreibungen schwer nachzuvollziehen. Mir scheint es besser, in dieser Geschichte den Emotionen zu folgen: die anfänglich überwältigende Angst ist verschwunden, nur noch Freude erfüllt die Jünger, und Jesus bestärkt sie, indem er wiederholt: „Friede sei mit euch“.

Von hier aus folgt die Berufung und Sendung. Es ist ganz wichtig, dass die Mission der Jünger aus Frieden heraus geschieht und Frieden bringen soll. Boten der Verzeihung und der Barmherzigkeit sollen die Jünger sein, nicht dem eigenen Ehrgeiz folgen, sondern der Liebe zur Welt: „Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Was Gott begonnen hat, sollen die Jüngerinnen und Jünger fortführen: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Dazu nun wird der Heilige Geist gegeben, ein Hauch nur, etwas, so scheint es, nur im Moment Gegenwärtiges. Dagegen steht, wie die Abschiedsreden ihn beschreiben: der Tröster, der sie in alle Wahrheit führen wird, der sie an Jesu Worte erinnert, der ihnen wie ein Anwalt zur Seite steht. Kein flüchtiger Hauch, sondern Gottes Kraft in Gedanken und Sinn, versammelnd und bestärkend, auf Dauer angelegt, damit die Gemeinde auch in schwierigen Zeiten überdauern kann. Er wirkt beständig wie der belebende Hauch, mit dem Gott aus einem Gebilde aus Lehm den ersten lebendigen Menschen schuf.

Und gleich darauf folgt der einzige konkrete Auftrag:Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Kein „gehet hin in alle Welt“, sondern erst einmal ein In-Sich-Gehen. Was trübt die Freude? Was verhindert unser Vertrauen? In welchen alten Verletzungen sind wir gefangen, welche Rechnungen sind noch offen, welche Wunden noch nicht verheilt? Hier hinein soll Gottes Liebe strömen, Gottes Friede sich ausbreiten, Gottes Geist versöhnen, einen Neuanfang möglich machen. Auf Gottes Vergebung soll Vergebung folgen, wie auch im Vaterunser beschrieben, das Evangelium soll sich als froh und frei machende Botschaft erweisen. So ist es gedacht und gewollt, aber eben kein Automatismus: Das Angebot kann angenommen oder verweigert werden. Das Evangelium nimmt ernst, wie widerständig unser menschliches Herz oft ist. Versöhnung kann nur aus freien Stücken, großherzig gewährt, nie aber erzwungen werden. Es ist ein Geschenk des Geistes Jesu, wo es geschieht. Die Kirche kann allenfalls den Raum dafür schaffen. Dazu ein Beispiel zum Schluss. In drei abgelegenen Alpentälern westlich von Turin leben seit Jahrhunderten evangelische Christen, die Waldenser. Nach dem zweiten Weltkrieg überlegten sie, wie ein Neuanfang in Friedenszeiten aussehen könnte. Sie beschlossen, oberhalb des Ortes Torre Pellice ein Tagungs- und Versöhnungszentrum aufzubauen: "Agape", d.h. griechisch "Liebe". Gebaut wurde es von Jugendlichen aus allen am Krieg beteiligten Ländern. Moderne, einfach eingerichtete Häuser entstanden in der klaren Bergluft. Der einzige Luxus ist eine Anlage für simultane Übersetzungen, damit auch internationale Tagungen leicht möglich sind. Man kann sich dort anmelden, die Tagungsbeiträge sind nicht fest, sondern bemessen sich nach dem Einkommen der Teilnehmer. Und vor allem: man versucht dort, aus dem Gist der Bergpredigt heraus genau die Themen zu bearbeiten, die unsere Gesellschaften spalten und umtreiben – um sich zu verständigen und neu aufeinander zuzugehen. Ich glaube, wir bräuchten viel mehr solche Orte.

 

Immer wieder neu sind wir aufgerufen, für das Kommen und Wirken des Heiligen Geistes zu bitten. Ein solches Bittlied ist zum Beispiel EG 131 "O Heiliger Geist, o heiliger Gott":

 

1. O Heiliger Geist, o heiliger Gott,
du Tröster wert in aller Not,
du bist gesandt vons Himmels Thron
von Gott dem Vater und dem Sohn.
O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

 

2. O Heiliger Geist, o heiliger Gott,
gib uns die Lieb zu deinem Wort;
zünd an in uns der Liebe Flamm,
danach zu lieben allesamt.
O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

 

3. O Heiliger Geist, o heiliger Gott,
mehr' unsern Glauben immerfort;
an Christus niemand glauben kann,
es sei denn durch dein Hilf getan.
O Heiliger Geist, o heiliger Gott!