Gottesdienst am 10. April 2020 - Karfreitag

Kruzifix der Erlöserkirche
Bildrechte: Reiner Apel

Evangelium: Johannes 19,16-30

16 Pilatus überantwortete ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber,
17 und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.
18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König.
20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.
21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König.
22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
23 Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.
24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena.
26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!
27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.
29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund.
30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Epistel und Predigttext: 2. Korinther 5,14-21

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben, dass einer für alle gestorben ist und so alle gestorben sind.
15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.
16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.
17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Gemeinde!

Paulus träumt von einem neuen Bewusstseins- und Glaubenszustand: „In Christus sein“, nennt er es, ein versöhntes Miteinander, geheilte Beziehungen, geteilte Freude und geteiltes Leid. Dabei hätte er allen Grund, traurig und auch wütend zu sein auf diese Gemeinde, dass er ihr unter Tränen einen Brief schrieb und einen schon geplanten Besuch in Korinth verschob, weil die angespannte Stimmung nicht seiner Verkündigung der frohen Botschaft, im Weg stehen sollte. Es ehrt ihn, dass er hier nicht die Streitigkeiten und Missverständnisse im Einzelnen ausbreitet, sondern auf den gemeinsamen Grund des Glaubens zurückkommt. Nicht Enttäuschung oder Rechthaberei, sondern „die Liebe Christi“ drängt und treibt ihn, das Folgende zu Papier zu bringen, so dass es noch bis hin zu uns wirken kann. Es ist eine Liebe, die alles gibt, mit vollem Einsatz alles aufs Spiel setzt: „dass einer für alle gestorben ist“. Alle sind wir damit gleichermaßen Verschonte, Begnadete, stehen mit unserer Schuld in seiner Schuld. Damit ist allem Auftrumpfen und Wichtigtuen der Boden entzogen. Grundlage unseres Seins ist nicht mehr das eigene Leben und Streben, sondern die Zugehörigkeit zu Christus. Paulus bezieht sich nicht auf die Einzelheiten, etwa seines Todes am Kreuz, er bleibt konsequent beim Grundsätzlichen, nämlich wie sich das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu auf den Glaubenden auswirkt: Er lebt „hinfort nicht sich selbst“. Es sind unbequeme, schwere Gedanken, die Paulus uns da zumutet. Man spürt, wie er um Worte ringt, diesem „Sein in Christus“ in der Vorstellung Form und Gestalt zu geben, damit aus seinen Worten zuerst eine vage Ahnung, dann immer mehr eine ihnen entsprechende Wirklichkeit erwächst.
Als erstes bringt er den Gedanken der Schöpfung ins Spiel: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“, das heißt ein neues Geschöpf Gottes, „das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Wir alle gehen in der Regel davon aus, dass die Zukunft eine Fortsetzung der Vergangenheit ist, dass dieselben Spielregeln gelten werden. Nun beschwört Paulus das Neue, einen heilsamen Bruch mit der Vergangenheit. Wir sind es gewohnt, unseren langjährigen Denkmustern und Urteilen zu folgen, einem fraglosen „weiter so“, was richtig und falsch, Freund und Feind, den Kampf um Macht und Einfluss betrifft. Nun aber soll das nicht mehr gelten, die alten Urteile aufgehoben sein. „Ich kenne dich. Ich weiß, wie du bist“ oder  „Wie du mir, so ich dir“ - das kann von Christus her nicht mehr funktionieren. Wir „kennen von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch“, die alten Bilder voneinander können einem Blick weichen, der, vielleicht unsicher, vielleicht staunend und voll Entdeckerfreude sich von der allumfassenden Liebe Christi bestimmen lässt.
Ist das schon schwer vorstellbar, geht Paulus in den folgenden Versen noch weiter: von der Schöpfung, die ja einen spannenden, kreativen Neuansatz im Leben bedeuten kann, hin zum Stichwort „Versöhnung“. Dieser Begriff hat zwei Seiten: einerseits Versöhnung annehmen, sich versöhnen, sie an sich geschehen lassen, andererseits aktiv Versöhnung vermitteln, Frieden stiften. In unserem Tatendrang wollen wir meistens das zweite zuerst. Was für ein gutes Gefühl, Streit beigelegt, Kompromisse gefunden und Menschen zusammengeführt zu haben – wenn es wirklich von ganzem Herzen und aus freien Stücken gelingt, ist es ein wunderbares, aber seltenes Geschenk. Leider gibt es aber, gerade in der Kirche, manchmal einen Druck zur „Versöhnung“, ohne dass der Konflikt und seine Hintergründe wirklich geklärt und eine gemeinsame Basis gefunden wurde. Was nach außen hin als Versöhnung ausgegeben wird, ist dann oft nur ein widerwilliges Stillhalten, während die Meinungsverschiedenheiten unterschwellig weiter schwelen und bei nächster Gelegenheit wieder aufflammen.
Darum verwendet Paulus so viel Mühe darauf, erst einmal für die Tatsache der Versöhnung empfänglich zu machen. Es ist Christi Tat-Sache, und sie gehört mir ganz und gar, aber nur mit ihm und durch ihn, und ich muss sie mit allen anderen teilen: der ganzen „Welt“ nämlich. In knappen, wuchtigen Sätzen hat Paulus festgehalten: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ Vier Feststellungen, die allem gut gemeinten Tun vorangehen. Vier Sätze, die einem im Eifer des Anpackens wie auch in zaghafter Mutlosigkeit Halt geben.  Auch für dieses gilt: „er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu“ - Irrtümer, Versäumnisse und Fehler kommen bei Christus ans Licht, ins Licht der Gnade. So ist man endlich „in Christus“ angekommen, zieht seine Gerechtigkeit an wie ein Kleid, das alle Verfehlungen verdeckt. Und  erst so kann man dann ans Licht der Öffentlichkeit treten: „Botschafter an Christi Statt“, gegenüber einer Welt, die von Gott her schon versöhnt ist, nur dass sie es nicht weiß und vielleicht gar nicht wissen will. Das gibt allen unseren Versuchen, die Welt und sich selbst zu verbessern, eine positive Grundlage: Nicht wir müssen Erfolge vorweisen, sondern im Kern aller Dinge ist Versöhnung schon da. Lassen wir sie an uns wirken.     


„Versöhnung“ ist auch der Mittelpunkt des Liedes „Das Kreuz ist aufgerichtet“ von Kurt Ihlenfeld, 1967 (EG 94):

1. Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet.
Dass er das Heil der Welt
in diesem Zeichen gründe, gibt sich für ihre Sünde
der Schöpfer selber zum Entgelt.

2. Er wollte, dass die Erde zum Stern des Kreuzes werde,
und der am Kreuz verblich,
der sollte wiederbringen, die sonst verloren gingen,
dafür gab er zum Opfer sich.

4. So hat es Gott gefallen, so gibt er sich uns allen,
Das Ja erscheint im Nein,
der Sieg im Unterliegen, der Segen im Versiegen,
die Liebe will verborgen sein.

5. Wir sind nicht mehr die Knechte der alten Todesmächte
und ihrer Tyrannei.
Der Sohn, der es erduldet, hat uns am Kreuz entschuldet
Auch wir sind Söhne und sind frei.