Gottesdienst am 10. Januar 2021 – Erster Sonntag nach Epiphanias

Epistel, zugleich Predigttext: Römer 12,1-8

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. 4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. 6 Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7 Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. 8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

 

Evangelium: Matthäus 3,13-17

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

 

Liebe Gemeinde!

Mit unserem Predigttext setzt Paulus hohe Maßstäbe. Wie soll sich das Leben als Christ, als christliche Gemeinde gestalten? Der Römerbrief nimmt alle Erfahrungen aus den Gemeinden, die er begründet und begleitet hat, auf und sendet sie – als ein Vorgeschmack auf sein persönliches Kommen – an eine Gemeinde von Christen, die er bisher nur vom Hörensagen kennt: Eine kleine, verschworene und wohl auch verfolgte Gruppe in der Hauptstadt des Reichs. Brauchen sie noch Ratschläge eines Außenstehenden, der als Apostel auftritt, obwohl er den irdischen Jesus selbst gar nicht erlebt hat? Und brauchen wir solche Ratschläge, wo wir doch im Moment darum kämpfen, überhaupt kirchliches Leben aufrecht zu erhalten? Oder sind dort doch Impulse zu finden, einer lahmen Christenheit auf die Sprünge zu helfen?

Schon der erste Satz macht stutzig: „eure Leiber hingeben als Opfer...“ Ein Schicksal als Märtyrer ist uns weder vorstellbar noch erstrebenswert. Was kann das also noch bedeuten? Eine ganzheitliche Herangehensweise. Glaube ist nicht nur eine Sache des Kopfes, der intellektuellen Anstrengung, er hat damit zu tun, das Gedanken und Geglaubtes wirksam und wirklich werden, dass tatsächlich, und nicht nur in der Vorstellung, etwas in Bewegung kommt. Im Moment wird wieder viel diskutiert über „hätte, könnte, würde“, ohne dass es die tatsächliche Lage entscheidend ändert. Gottesdienst soll nicht Ersatz für Handeln sein, sondern das Tun anleiten und motivieren: ein „vernünftiger“ Gottesdienst, bei also dem die gründlich nachdenkende Vernunft zum Zug kommen darf, die kritisch den Glauben und die scheinbaren Selbstverständlichkeiten hinterfragt, aber nicht daran hindert, das Nötige zu tun. Und nötig ist Veränderung, Infragestellung des Bestehenden, Üblichen, im Lichte Gottes: wenn er das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene will, dann sollen wir das auch wollen. Oder in einem Zitat von Mahatma Gandhi so ausgedrückt: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.“ Gottesdienst ist also kein Abseitsstehen und Abwarten, sondern auch körperlich hineingehen, hineinwerfen in die Aufgaben, die sich uns stellen. Gottesdienst ist 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Konkreter wird Paulus später, wenn man die folgenden Kapitel liest.

Nun aber weicht Paulus scheinbar auf ein anderes Thema aus: die Gemeinde. Es scheint zuerst nur eine begriffliche Berührung zu sein, wenn Paulus vom der „Darbringung der Leiber“ zum „Leib Christi“ kommt. Es gab damals noch keine „Kirche“ in unserem Sinn, keine Gebäude und keine geregelte Institution, sondern Menschen, die mit der Verkündigung über Jesus als den gekreuzigten und auferstandenen Christus in Berührung gekommen waren und in seinem Geist leben wollten. Am Anfang standen also nicht Amt und Macht, sondern das Charisma, die von Gott aus Gnade gegebene Begabung. So schön diese für sich sein mögen, so sehr können sie sich auch gegenseitig in die Quere kommen. Es gibt immer Menschen, die mehr oder weniger Raum einnehmen, die mehr oder weniger von sich überzeugt sind, die ihre Talente in aller Öffentlichkeit ausleben oder vor sich und anderen versteckt halten – biblisch gesprochen: ihr Licht „unter den Scheffel stellen.“ Hinzu kommt, dass sie wohl sehr verschiedene Vorgeschichten hatten: Arme und Reiche, Juden und Heiden, Männer und Frauen – wie sollten sie nun alle „eins“ sein? Sie sollten nicht, sie waren es schon: „Christus als Gemeinde existierend“, wie es Dietrich Bonhoeffer formuliert hat. Das Bild vom Leib war an sich schon lange aus der Politik bekannt: Die Staats“organe“, die Klassen und Gruppen sind so aufeinander bezogen und voneinander abhängig, dass keines sich entziehen kann und darf ohne Schaden für das Ganze. Dieser Druck fehlt hier bei Paulus, ebenso die Diskussion, wer wohl das Haupt, der Anführer des Ganzen ist. Wie von selbst ergibt sich das Ganze der Gemeinde, indem jeder und jede seine Stärken, seine Begabungen mit einbringt. Interessanterweise fehlt hier die in Korinth so umstrittene Zungenrede – ob Paulus annimmt, dass sie in Rom nicht vorkommt, oder ob er hier die Vernunft stärker betont, wissen wir nicht. Bei den anderen Aufgaben wird nicht gewichtet, nur nebeneinandergestellt: Prophetie, Lehre, Leitung, Fürsorge, Seelsorge, Geben und Teilen. Alles ist aufeinander bezogen, Teil des neuen Lebens in und durch Christus. Gott ist der Befähiger; „nach der Gnade, die uns gegeben ist“ hat jede und jeder Anteil am Ganzen. Im Sprachgebrauch unserer Kirche ist das Bild noch verankert, wenn wir von den „Gemeindegliedern“ sprechen. Wenn es aber um die Begabungen geht, wird es schon viel schwieriger. Die meisten würden, um eine aktivere Rolle in der Gemeinde gebeten, wohl erst einmal antworten: „Das kann ich nicht“, „Passe ich überhaupt dazu?“ Und hat die Kirche nicht auch manchmal recht undankbare Aufgaben zu verteilen? Aber dabei muss es nicht bleiben! Mir geht die Frage der kenianischen Pfarrerin nicht aus dem Kopf: „Was tut ihr für euer Empowerment“, für eure Befähigung, eure Weiterbildung, eure Kompetenz und Durchsetzungskraft? Gäbe es so etwas wie ein „Trainingslager“ für uns Christen, um dem Leib Christi, also uns gegenseitig, etwas „Leibesertüchtigung“ zukommen zu lassen? Und könnte das ein Teil unseres „vernünftigen Gottesdienstes“ sein, in einer Zeit, wo die Gemeinden kleiner werden und die finanziellen Mittel schwinden?

Von diesen äußeren Voraussetzungen spricht Paulus nicht. Die erste und einzige Voraussetzung ist für ihn die Barmherzigkeit Gottes, die sich in den Gaben, den groß sichtbaren und den bescheidenen, ausdrückt und die weitergegeben werden will. Nicht zufällig schließt sich hier der Kreis: „Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern.“ Und vielleicht muss man sie, wie so vieles andere, wirklich oft und bewusst üben, bis sie in Fleisch und Blut übergeht und unser oft so kleinliches Urteilen und Konkurrieren überwindet. Genau so ist auch unsere Jahreslosung gleichzeitig eine ständige Hausaufgabe: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36)