Gottesdienst am 10. Mai 2020 – Sonntag Kantate

Epistel: Kolosser 3,12-17

12  Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;

13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

15 Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

 

Evangelium: Lukas 19,37-40

37 Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,

38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!

40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.
 

Predigttext: 2. Chronik 5,2-5.12-14

2 Salomo versammelte alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.

3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.

4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf

5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

12 Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn,

14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.


Liebe Gemeinde!

Alles ist bereit für den großen Auftritt. Acht Jahre haben die besten Handwerker gebaut, geschnitzt und gedrechselt, geschmiedet und gegossen – nun steht Salomos Tempel in Jerusalem, auf dem Berg Morija, dem Platz, den schon David ausgesucht hatte. Das Gebäude ist fertig, die prächtigen Säulen rechts und links, der Altar in der Mitte, die Leuchter und Kessel, alles vom Feinsten. Ringsum hört man das Muhen, Meckern und Scharren der Opfertiere, die Priester und die Leviten – Israeliten vom Stamm Levi, die ebenfalls Dienst im Tempel taten – halten ihre Instrumente bereit. Atemlos gespannt wartet das Volk. „Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf, lasset den Lobgesang hören.“ Der Gottesdienst, der erste im neugebauten Heiligtum, der kann beginnen.

Solche großen Auftritte sind im Moment selten. Einführungen von Pfarrern, sogar Dekanen, können nur im allerkleinsten Kreis gefeiert werden, geplante Gedenkfeiern zum Jahrestag des Kriegsendes müssen ohne Zeitzeugen auskommen, Auszeichnungen und Preise werden allenfalls in den Medien gewürdigt. Vieles ist auf das kleinstmögliche Maß heruntergeschrumpft, auch unsere Gottesdienste, wo sie überhaupt stattfinden können. Man wird es bedauern, was an Begegnung, Gemeinschaft und Erlebnisqualität verloren geht, aber nicht vermissen wird man wohl den Auftritt allein um der Selbstdarstellung willen, wie ihn manche Stars genussvoll zelebrieren. Ohne die große Verpackung achtet man vielleicht mehr auf den Inhalt.

Sicherlich war die Einweihung des Tempels ausführlich geplant, mit Fest und Spielen, großzügiger Verköstigung und Ehrengästen. Es war ja auch ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte Israels. Die Zeit der Wüstenwanderung war nun endgültig zu Ende, man hatte König, Hauptstadt und Palast, man hatte Frieden, die umliegenden Völker waren unterworfen und dem Reich eingegliedert. Mit Salomo stand das israelitische Königreich auf dem Höhepunkt seiner Macht, und davon sollte auch der Tempelbau weithin zeugen. Jetzt war es Zeit, das provisorische Zeltheiligtum, von Luther als „Stiftshütte“ übersetzt, aufzugeben. Was davon brauchbar war, wurde in den neuen Tempel überführt, wird dort aber, wegen der ganz anderen Dimensionen, wohl kaum zur Geltung gekommen sein.

Man hatte sich also eingerichtet, und wie immer, wenn sich Bewegungen zu Institutionen verfestigen, droht Erstarrung. Die Bücher der Propheten sind voll kritischer Bemerkungen und Warnungen, wie die Menschen glaubten, sich durch Kult und Opfer zu versichern, dass Gott gnädig sein würde. Der Tempel schien Gottes Beistand und Nähe so sehr zu garantieren, dass alle Warnsignale ignoriert wurden.

Nun fehlte noch ein letztes Stück im Heiligtum, die Bundeslade. König David hatte sie von den Philistern zurückerobert und ihr tanzend und von Liedern und Musik begleitet an einen Platz in Jerusalem, in der Davidsstadt, gegeben. Nun, zum Höhepunkt der Feierlichkeiten, sollte sie für alle Zeiten im Allerheiligsten des Tempels aufbewahrt werden. Aber – wie um allzu großen Pomp abzuwehren – heißt es (V. 10) „Es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.“ Nicht auf die Verpackung, wörtlich eine „Holzkiste“, sondern auf den Inhalt kommt es an. Vom der prächtigen Feier gehen die Gedanken zurück zu den Anfängen eines geknechteten Volks. Die Tafeln der Gebote sind die Gründungsurkunde für eine gerechte Gesellschaft freier und gleicher Menschen.

Als die Priester nun die Bundeslade ins Heiligtum gebracht hatten, folgt – und diese Szene findet sich nur im 2. Chronikbuch – der große Auftritt der Leviten, der Sänger, auch der Priester mit ihren hundertzwanzig Trompeten. Man hat sicher aus einem reichen Repertoire schöpfen können, die Psalmen zeigen, welche Vielfalt unterschiedlichster Dichtungen man kannte. Umso bedauerlicher ist es, dass es keine Notenschrift gab, um die traditionellen Melodien festzuhalten. Aber vielleicht liegt darin auch ein Gutes: so hat jede Generation wieder neu Kompositionsideen gefunden. Bestimmt hatte es auch Proben gegeben – eine solch große Schar von Musikern ist auch heute nicht leicht zu dirigieren. Umso schöner, wenn dann – und das ist bei keiner Aufführung vorhersehbar – tatsächlich Wohlklang, ja Einklang entsteht. Alle stimmen ein, stimmen zu, als man Gott lobt und preist: „ Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“.

Und mitten in den Auftritt der Musiker platzt der große Auftritt Gottes. Ungeplant und auch nicht planbar nimmt er Besitz von seinem Haus. Ein Wolke füllt den Raum, erinnernd an die Wolken- und Feuersäule, die dem Volk Israel den Weg wies, „sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten“ – vielleicht eine kleine ironische Spitze der Leviten gegen die den Vorrang beanspruchenden Priester, aber auch ein Hinweis, dass jetzt geschieht, was man von jedem Gottesdienst, gestaltet mit Musik und Wort, erhofft: dass Gott den Gottesdienst selbst zu seiner Sache macht, dass ein Erkenntnis- und Begeisterungsfunke überspringt, dass Herz und Gemüt ergriffen werden. Priester, Vermittler und Erklärer, sind dann nicht mehr nötig, wenn geschieht, was auch die Christenheit im letzten Buch der Bibel erhofft: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein“. (Offb. 21,3)

Amen.


Musik, auch das eigene Singen hat eine bewegende und belebende Kraft. So beginnen viele Psalmen mit der Aufforderung an die eigene Seele, sich doch aufmuntern, mitreißen zu lassen. Nehmen wir Paul Gerhardts Lied (EG 302) mit der schönen, steil aufsteigenden Melodie und den Worten:

1. Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd;
ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

2. Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig ungetrübt.

4. Hier sind die treuen Sinnen, die niemand Unrecht tun,
all denen Gutes gönnen, die in der Treu beruhn.
Gott hält sein Wort mit Freuden, und was er spricht, geschicht;
und wer Gewalt muss leiden, den schützt er im Gericht.