Gottesdienst am 11. April 2021 – Quasimodogeniti

Epistel: 1. Petrus 1,3-9

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen
Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.

6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. 8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.
 

Evangelium: Johannes 20,19-29

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

24 Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich’s nicht glauben.

26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!
27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!


 

Predigttext: Johannes 21,1-14

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See.
8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

9 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. 12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch.

14 Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

 

Liebe Gemeinde!

 

Es ist dasselbe und doch nicht dasselbe: Die Jünger Jesu sind zurückgekehrt, in ihre alte Heimat, in ihren alten Beruf. Äußerlich ist alles gleich geblieben: die nächtliche Ausfahrt auf den See, das Hoffen und Bangen, wie der Fang wohl ausfällt, die Rückfahrt an Land, das Verkaufen der Fische, das Pflegen der Boote und der Netze. Was in ihnen vorgeht, was vorgegangen ist, seit jener Zeit in der Nachfolge Jesu, seit der Kreuzigung und seinen Erscheinungen als Lebendiger, ist von außen schwer zu beurteilen. „Ich will fischen gehen“ - „So wollen wir mit dir gehen“ - das sind alltägliche Gesprächsfetzen über Alltagsthemen. „Irgendwie muss es ja wieder weitergehen...“ - solche Sätze sagt man zu sich selbst, nachdem Einschneidendes im Leben passiert ist. Die Erwartungen sind heruntergeschraubt, nur der Moment zählt, bloß nicht weiter nachdenken!

Nur der Evangelist – genauer der- oder diejenige, die dies Kapitel dem schon fertigen Evangelium angefügt haben – weiß schon mehr: „Danach offenbarte sich Jesus“ - diesem Satz hecheln die Jünger in der Geschichte immer hinterher, während für den Leser, die Leserin das Geheimnis schon gelüftet ist, und so wirken die Aktionen immer etwas unbeholfen. Aber dieses überlegene Wissen des Erzählers soll ja die Wirklichkeit und Wirksamkeit des auferstandenen Jesus verdeutlichen: während äußerlich alles beim alten ist, ist Jesus doch da, und, so wie der Erzähler, dem Geschehen immer einen Schritt voraus.

Sieben Jünger haben sich also zum Fischfang zusammengetan. Ist gegenüber dem Zwölferkreis schon ein Abbröckeln festzustellen, oder steht die Zahl für die Vollkommenheit? Das Johannesevangelium hat nie auf einem zahlenmäßig festgelegten Jüngerkreis bestanden. Die Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, tauchen hier zum ersten und einzigen Mal auf, und unter den zwei namenlosen Jüngern verbirgt sich wohl der geheimnisvolle Lieblingsjünger, der am Ende des Kapitels noch einmal eine Rolle spielt, als Zeuge und Garant für die Wahrheit des Evangeliums. Petrus ist es, der die Initiative ergreift: „Ich gehe fischen“. Das Naheliegendste muss zuerst getan werden, keine großen Pläne und Visionen, sondern nur das Über-Wasser-halten, die Existenzsicherung steht im Vordergrund. Und, wie so oft im Leben, ist der Erfolg überschaubar: Diesmal sind keine Fische ins Netz gegangen. Wie vielen Menschen geht es in diesen Tagen ähnlich: Die Sorgen, wovon man leben soll, wann sich endlich neue Perspektiven auftun, überschatten alles. Das Gefühl von Vergeblichkeit lähmt.

So bricht der Morgen an, und im ersten Licht sehen sie eine Gestalt – noch unwissend, wer es ist – am Ufer stehen. Indem er sie anspricht, müssen sie ihren Mangel, ihre Enttäuschung, ihre leeren Hände offen zeigen: „Ihr habt wohl keinen Fisch?“ - „Nein“. Dabei war hier, am Ufer des Sees Tiberias, einst die Brotvermehrung gewesen, die auch mit dem Mangel begann: Wo kaufen wir Brot, dass diese zu essen haben? Ein Kind, das fünf Gerstenbrote und zwei Fische dabei hat, machte damals den Anfang beim Verteilen. Und an diesen Punkt scheinen die Jünger, nach allen Erfahrungen mit Jesus, wieder zurückgeworfen. „Kinder“ redet der Fremde am Ufer sie an. Er lässt sie aber nicht mit ihrem Misserfolg allein, jetzt übernimmt er die Initiative: „Werft das Netz an der rechten Seite aus.“ Sofort wird es getan, mit überwältigendem Erfolg. Das Netz muss ans Ufer gerudert werden, es ist zu schwer, es ins Boot zu leeren. Und mit dem riesigen Fang blitzt die Erkenntnis auf: „Es ist der Herr!“, so wie schon bei den vorangehenden Erscheinungen in Jerusalem. Die undurchschaubare Situation wird plötzlich transparent. Der eine, der Lieblingsjünger, sieht als erster, was den andern noch verborgen bleibt. Und Petrus wirft sich – impulsiv, wie er ist - mit dem hastig noch übergestreiften Kleid ins Wasser, während die anderen das Boot mit dem Fang ans Ufer bringen. Und wieder ist Jesus auf geheimnisvolle Weise seinen Jüngern voraus. Jetzt haben sie ja Fische, aber sie müssten erst noch ausgenommen und gebraten werden. Aber am Ufer brennt schon das Feuer, schmoren Fische, liegt Brot bereit. Vor der Mahlzeit wird noch das Netz geleert. Einhundertdreiundfünfzig Fische befanden sich darin. Das Netz war nicht zerrissen. Die Befürchtungen waren nicht eingetreten, das Vertrauen war bestätigt worden. Vielleicht geht es in dieser Geschichte genau um diese Veränderung in der Haltung: Ein Vorhaben gelangt zum Ziel, die Jünger schaffen, was sie sich vorgenommen haben, mit Hilfe des am Ufer wartenden und beobachtenden Jesus. Sie sind nicht allein, es darf und soll gelingen, auch wenn Jesus nicht mehr unmittelbar in der Nähe ist, sondern ein Stück weit weg. Aber seine Worte wirken immer noch – in die entstehende Kirche hinein: Die Botschaft von Jesus soll Menschen zusammenführen und trotz ihrer Unterschiedlichkeit verbinden, das Netz der Beziehungen und des Zusammenhalts reißt nicht. Und nun erst, nach Arbeit und sichtbarem, zählbarem Ertrag, ist es Zeit, sich stärken zu lassen. Das Mahl am Ufer wartet, der Herr lädt ein. Dazu muss auch nicht mehr gefragt werden, der feierliche, heilige Moment wäre sonst zerstört. Nach so viel Zweifel und Suchen nach Halt im Glauben tut jetzt das fraglose Einverständnis einfach gut. Nicht problematisieren – wie es dem Abendmahl in der Kirchengeschichte so oft ergangen ist- , sondern einfach nehmen und spüren, dass sie Gäste beim auferweckten Herrn sein dürfen. Er zeigt sich, er bestimmt das Geschehen, er bestimmt die Wirklichkeit auf eine zurückhaltende, hintergründige Weise. Und darum ist – obwohl das äußerliche Leben scheinbar gleich geblieben ist – die Welt doch eine andere, weil Jesus war und ist, weil er immer wieder uns voraus ist.