Gottesdienst am 12. April 2020 - Ostersonntag

Epistel für die Osternacht: Kolosser 3,1-4

1 Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.
2 Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.
3 Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.
4 Wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.

Evangelium für die Osternacht: Matthäus 28,1-10

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Predigttext für die Osternacht: 2. Timotheus 2,8-13

8 Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium,
9 für welches ich leide bis dahin, dass ich gebunden bin wie ein Übeltäter; aber Gottes Wort ist nicht gebunden.
10 Darum dulde ich alles um der Auserwählten willen, auf dass auch sie die Seligkeit erlangen in Christus Jesus mit ewiger Herrlichkeit.
11 Das ist gewisslich wahr: Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben;
12 dulden wir, so werden wir mit herrschen; verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen;
13 sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.

Liebe Gemeinde!
„Halt im Gedächtnis Jesus Christ“ - sogar ein Lied gibt es dazu in unserem Gesangbuch (EG 405), eine Art Glaubensbekenntnis, das die wesentlichen Stationen des Lebensweges Jesu eindringlich beschreibt. Es soll sich mit Reim und Melodie besser einprägen als das bloße Wort.
Was hilft unserem Gedächtnis auf die Sprünge? Wie unterscheidet es Wichtiges vom Unwichtigen, und was verhindert, dass Wichtiges in vergessen wird, was uns dummerweise trotz aller Bemühung passieren kann? Dies ist nicht nur ein Problem unserer Tage, auch schon zur Zeit des zweiten Timotheusbriefs, etwa eine Generation nach Paulus. Ostern feiern – dass man sich daran erinnert, hat viel mit unseren Bräuchen zu tun. Schon Wochen zuvor findet man die Ostereier in den Geschäften, es kommen die Osterferien, eine Häufung von Feiertagen, die man vielleicht für  Besuche oder einen Kurzurlaub nutzt. All dies gehört zum Jahresrhythmus auch für die, die nicht in die Kirchen gehen. Dort findet man dann Gleichgesinnte, die die Gottesdienste mitfeiern, vom gemeinsamen Glaubensbekenntnis und Vaterunser, von den Liedern, Lesungen und Traditionen ihr Gedächtnis auffrischen und ihren Glauben ermuntern lassen. Die Erfahrung lehrt: Was nicht erinnert wird, gerät leicht in Vergessenheit.

Dieses Jahr ist Ostern anders. Die Kirchen müssen leer bleiben, der Faktor Gemeinschaft wird nur im kleinsten Kreis wirksam. Mehr als sonst bleibt es den Einzelnen überlassen, ob und wie sie sich an Ostern erinnern lassen wollen, ob und wie sie der Auferstehung Jesu gedenken. Denn diese steht im Predigttext aus dem 2. Timotheusbrief an erster Stelle, wie eine Überschrift über allem Folgenden: „Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten“. Dazu nimmt der Verfasser Bezug auf die Gefängnishaft des Paulus als Beispiel für eine existentielle Bedrohung, eine Bewährungsprobe des Glaubens. Beim ersten Lesen fühlt man sich in die Passionsgeschichte Jesu zurückversetzt. Von Leiden, von Fesseln, vom Aushalten und Ausharren ist hier die Rede. Es ist eine Extremsituation, wie sie zum Glück kaum einer oder eine von uns erleben musste. Dagegen sind die derzeitigen Einschränkungen lästig und fordern Geduld und Umsicht, sind aber nicht lebensbedrohlich – im Gegenteil, sie sollen ja Leben retten. Wenn wir aber – um auf das Gedächtnis zurückzukommen – überlegen, welche Geschehnisse im Leben sich besonders fest eingeprägt haben, so sind es meist die Höhe- und die Tiefpunkte unseres Lebens. Höhepunkte, wo alles gelang und sich Träume erfüllten, und Tiefpunkte, die uns an unsere Grenzen gebracht haben. Und besonders dort zeigt sich, welche Überzeugungen und Werte dem äußeren Druck standhalten konnten, was sich in der Krise bewährt. Es fasziniert die psychologische Forschung, wie manche Menschen aus Krisen nicht nur scheinbar unbeschadet, sondern sogar gestärkt und gereift hervorgehen können.

Zur Zeit des 2. Timotheusbriefs war im Hintergrund des Verfassers die Kirche in eine Krise geraten. Das Neue an der Botschaft Jesu war Tradition geworden, die Institution hatte sich verfestigt, dabei auch verengt. Abweichende Meinungen wurden als Irrlehren bewertet und an den Rand gedrängt, und Zukunftssorgen plagten wohl schon damals die Christen. So hielt man Ausschau nach Bewährendem und Bewährtem. Mit „das ist gewisslich wahr“ wurden solche Glaubenssätze erinnert und festgehalten: „Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir mit herrschen.“ Her wird, wie in den Seligpreisungen, einer belastenden Gegenwart eine ins Gegenteilige gewendete Zukunft gegenübergestellt. Aber war das ausschließlich nur Zukunftsmusik? Schließlich lebte man ja schon in mehreren Generationen als Christin oder Christ. Sollte da die Auferstehungsbotschaft nicht wenigstens Spuren von Hoffnung, Freude, innerer und äußerer Veränderung hinterlassen haben? Und wenn wieder Schwierigkeiten zu bewältigen waren, half da die Erinnerung an schon überwundene Krisen und Niederlagen?

Wenn die drei letzten Verse als Merksätze für Krisenzeiten dienen sollen, dann sagen sie zuerst ganz Grundsätzliches über unser Menschsein: wir sind sterblich, wir müssen manchmal viel aushalten – das haben wir nicht in der Hand. Und: Wir verleugnen oder vergessen auch mal unsere Überzeugungen, unseren Glauben, wir sind untreu und sorgen so für Enttäuschung gerade bei denen, die uns am meisten vertrauen. Da hätte wir im Nachhinein sicher Vieles anders gemacht, können es aber nicht mehr ungeschehen machen.

Aber: Der, dem wir mit diesen Glaubenssätze unser Vertrauen entgegenbringen, Gott, hat immer noch die Wahl und das Moment der Überraschung auf seiner Seite: er kann Gleiches mit Gleichem vergelten, auf verleugnen mit verleugnen begegnen, er kann aber auch ganz bei sich bleiben und auf menschliche Untreue mit seiner Treue antworten. „Er kann sich selbst“ – und seine Güte - „nicht verleugnen.“ Er kann alles noch einmal ganz anders machen: „Sterben wir mit, so werden wir mit ihm Leben.“ Das wäre so ein Moment, wo Auferstehung, das Unerwartete und Grenzen Sprengende, geschieht, wo sich Osterspuren im Alltag zeigen.

Diese neue Wirklichkeit bleibt für uns immer noch mit unseren alltäglichen, unhinterfragten Handlungsmustern, mit selbstverschuldeten Schwierigkeiten und schicksalhaften Geschehnissen unlösbar verstrickt. „Halt im Gedächtnis Jesus Christus“ hält die Erinnerung daran wach, dass die Schicksalsfrage im Glauben schon gelöst ist. Dietrich Bonhoeffer, auch er um seines Glaubens und Widerstands willen in Haft und vor 75 Jahren ermordet, schrieb in seinem Gedicht „Wer bin ich?“: „Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?“. Ist es möglich, dass die Entscheidung von Gott her schon längst für uns gefallen ist, nur dass dies innerlich noch gar nicht bei uns angekommen ist?

Stärken wir mit dem oben genannten Lied (EG 405) noch einmal unsere unsere Dankbarkeit und Erinnerung:

1. Halt im Gedächtnis Jesus Christ, o Mensch, der auf die Erden
vom Thron des Himmels kommen ist, dein Bruder da zu werden;
vergiss nicht, dass er dir zugut hat angenommen Fleisch und Blut,
dank ihm für diese Liebe!Halt im Gedächtnis Jesus Christ,

2. Halt im Gedächtnis Jesus Christ, der für dich hat gelitten,
ja gar am Kreuz gestorben ist und hat dadurch bestritten
Welt, Sünde, Teufel, Höll und Tod
und dich erlöst aus aller Not; dank ihm für diese Liebe!

3. Halt im Gedächtnis Jesus Christ, der auch am dritten Tage
siegreich vom Tod erstanden ist, befreit von Not und Plage.
Bedenke, dass er Fried gemacht,
sein Unschuld Leben wiederbracht; dank ihm für diese Liebe!