Gottesdienst am 12.7.2020 – fünfter Sonntag nach Trinitatis

Epistel: 1. Korinther 1,18-25

 

18 Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.

19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«

20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.

22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,

23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;

24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

 

Evangelium, zugleich Predigttext: Lukas 5,1-11

 

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth.

2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.

6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.

7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.

8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,

10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

 

Liebe Gemeinde!

Am Anfang der Geschichte waren die Netze leer geblieben. Jesus predigte dem Volk, und die Fischer wuschen ihre Netze. Was sie wohl über die Predigt Jesu gedacht haben? Leere Worte angesichts leerer Netze? Inwiefern könnte sie das Kommen des Reiches Gottes berühren? Was deutet darauf hin? Es fehlt doch etwas Handfestes, Sichtbares, Unanzweifelbares! Nicht nur bei den Fischern wird der Erwartungsdruck spürbar gewesen sein, auch das versammelte Volk wollte seine Hoffnungen genährt und bestätigt wissen. Vielleicht ist es so nachvollziehbar, dass Jesus sich eine wenig Abstand schafft und aufs Boot umsteigt, das Boot, das Simon gehört. Und auf diesem schwankenden Grund, diesem kleinen schwimmenden Gebilde geschieht nun alles weitere. Vom Volk, von der Menge entfernt sich Jesus immer weiter, alles dreht sich um einen einzelnen: Den Fischer Simon aus Kapernaum, der später mit dem Beinamen Petrus, der Fels, bedacht wird. Er hat eine Familie, Frau und Schwiegermutter an Land, ihr kleiner Betrieb hält sie am Leben. Er hatte die nötige Erfahrung aus Jahren der Berufstätigkeit, er kannte den See und seine Launen, die Orte, wo es sich lohnte, die Netze auszuwerfen. Dennoch war das Fischen oft ein Glücksspiel, abhängig von Wetter, von Tages- und Jahreszeiten und den Launen der Fische. Er und seine Kollegen wussten, was zu tun ist, sie hatten gelernt, auch nach Fehlschlägen und Enttäuschungen hartnäckig, entschlossen und geduldig weiterzumachen.

Von daher wissen wir gar nicht, ob der Fischer Simon den Worten Jesu großen Widerstand entgegengesetzt hat, als er ihn noch einmal auf den See hinausschickte. Müde und enttäuscht wird er gewesen sein, aber ob er es ihn auch hat spüren lassen oder es nur ganz sachlich feststellen musste: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“- wie es einem als Fischer eben auch passieren kann, das wird nicht klar zu unterscheiden. Nur, dass nach der Predigt an alle Jesus das Wort nun an einen, ihn allein richtet: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Kein Versprechen ist damit verbunden, draußen auf dem See gibt es sowieso keine Sicherheit - außer dass Jesus mit dieser bestimmenden Macht spricht, mit der er wildfremden Menschen sagen konnte: „Komm und folge mir nach!“

Hier, auf dem Boot, kann von Nachfolge erst einmal keine Rede sein. Statt dessen kämpfen sie – anscheinend sind andere Boote dem Petrus gefolgt – mit dem unerwarteten, übergroßen Fischfang. Um ein Haar wäre das Unternehmen schon wieder gescheitert, wenn die Netze gerissen oder die Boote untergegangen wären. So aber ist es eine fast schon unheimliche Erfolgsgeschichte geworden.
Mit Jesus kommt der Erfolg, könnte man meinen. Die Netze sind jetzt voll, Jesus hat Recht behalten, ein Wunder vollbracht. sich als Prophet erwiesen, der überreichen Wohlstand und Segen verheißt. Seine Worte haben sich erfüllt. Vielen Menschen würde das genügen. Mit Jesus zu den Siegern gehören, bei den sich durch materiellen Güter Gottes Gnade erweist – so sehen sich manche in ihrem Glauben unmittelbar bestätigt.

Für uns ist es eher erstaunlich, wie Simon, der jetzt zum ersten Mal „Petrus“ genannt wird, nun reagiert: erschrocken, verunsichert, überwältigt, voller Zweifel am eigenen Wissen und Können: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch“. Muss er sich so klein machen? Zumal auf dem Boot keiner dem anderen ausweichen kann. Es muss jetzt und hier geklärt werden, wie sie zueinander stehen – oder in diesem Fall sitzen und knien. Mag sein, dass auch jetzt das Boot wieder schwankt. Es gibt nichts Festes, an das man sich halten kann, nur wieder ein wegweisendes, wirkmächtiges Wort Jesu: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“
Das Leben des Fischers Simon und seiner Gefährten wird auf den Kopf gestellt. All ihren Besitz, ihre Familien, aber auch ihr mühsam erworbenes Erfahrungswissen lassen sie hinter sich, den See und die Fische, und betreten absolutes Neuland. Was ihnen Jesus aufträgt, dafür haben sie weder Strategie noch Ausrüstung: Menschen fangen – was soll das sein? Sie ködern und dann überwältigen? Ihnen so nachstellen, dass sie in einem Moment der Unaufmerksamkeit ins Netz gehen? Oder geht es darum, sie von der „Sache Jesu“ zu überzeugen, ja zu begeistern? Simon Petrus war der erste Gefischte, der Jesus ins Netz ging. Seitdem, seit 2000 Jahren wird in der Kirche um die richtigen missionarischen Strategien gerungen – und berechenbare, systematisch erarbeitete Erfolge gibt es nicht. Wir fischen oft genug genauso im Trüben wie die Fischer am See Genezareth. Und zu Gemeinschaft im Glauben und Handeln zu gelangen ist mühsam geblieben. In den Gesprächen, die Ernesto Cardenal mit den Bauern und Fischern der Basisgemeinde am Nicaragua-See führte,ist es Olivia, die Auftrag und Ende der Geschichte auf den Punkt bringt: „Wir müssen uns das einmal klarmachen: alle diese Leute, die da versammelt waren, die waren jeder für sich in ihren Egoismus und Individualismus verstrickt, genauso schlüpfrig und scheu wie die Fische … Wir alle sind dieser wunderbare Fischfang."