Gottesdienst am 13. Dezember 2020 - Dritter Advent

Epistel: 1. Korinther 4,1-5

1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. 3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. 4 Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. 5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

 

Evangelium, zugleich Predigttext: Lukas 1,67-79

67 Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:

68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
69 und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils
im Hause seines Dieners David
70 – wie er vorzeiten geredet hat
durch den Mund seiner heiligen Propheten –,
71 dass er uns errettete von unsern Feinden
und aus der Hand aller, die uns hassen,
72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern
und gedächte an seinen heiligen Bund,
73 an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham,
uns zu geben, 74 dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde,
ihm dienten ohne Furcht 75 unser Leben lang
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
76 Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest
77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden,
78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
79 auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Liebe Gemeinde!

„Benedictus“  heißt  dieser biblische Hymnus, den wir heute aufnehmen als Lobpreis unseres empfangenen Heils.  „Bene diciere“ heißt wörtlich „gut sagen“. Im Alltag fällt das manchmal schwer. Die Fehler des anderen, die Enttäuschungen und Missverständnisse fallen einem oft schneller ein. Manchmal hilft es ja auch, einmal ganz für sich zu lästern, zu schimpfen. Aber es wäre ein lohnendes Experiment, einmal ganz bewusst das Gute hervorzukehren, es in den Vordergrund zu stellen,  also zu loben. Was geschieht dann mit den Beziehungen? Zu Weihnachten wird oft der Film „Der kleine Lord“ gezeigt. Ein ganz unbefangener Junge wird zu seinem griesgrämigen, verbitterten Verwandten geschickt, und nur weil dieser nicht aufhört, ihn als großzügig und gütig zu behandeln, ändert sich langsam sein Wesen. Ist das sentimental? Oder eine Möglichkeit, im Kleinen die Welt zu verändern?

Ob dasselbe auch bei Gott wirkt? Was ändert sich, wenn man ihn lobt, ja womöglich jubelt, über ihn Gutes sagt? In den Tageszeitengebeten erscheint das „Benedictus“ im Morgengebet. Kann es sein, dass es bei der Einstimmung auf den neuen Tag sich die Gefühlslage verändert, wenn ein positives Vorzeichen gesetzt wird?

Das Gotteslob des Zacharias greift zunächst weit in die Vergangenheit zurück. Mag sein, dass es gestern nichts zu loben gab, vorgestern vielleicht auch nicht – aber der Bund mit dem Volk Israel, die Reden der Propheten, die geschehene und zukünftig erwartete Erlösung wird vergegenwärtigt. So bleibt es nicht geschehene Geschichte, sondern spricht in meine Gegenwart hinein, bietet sich an als Halt für meinen Glauben, als Ermutigung für den Alltag des Lebens.

Der erste Teil spricht vom Gleichbleibenden, vom Durchgehenden in der Glaubensgeschichte, von Gottes Beständigkeit und Treue. Er hält, was er verspricht, er beruft Könige und Propheten, er zeigt seine Barmherzigkeit an den Vätern. Und er vergisst nicht, er gedenkt an den Bund, er hat den langen Atem, er hält an seinen Verheißungen fest. Ist dies nicht genug Grund zum Loben?

Dieser Abschnitt bietet auf den ersten Blick nichts Neues. Vieles ist aus dem Alten Testament übernommen. Das Bleibend Wichtige im Leben muss nicht immer originell und sensationell sein, es kann sich auf Erfahrung und Tradition berufen.

Erst im zweiten Teil ändert sich das Empfinden:  mit der Anrede  „Und du, Kindlein“ ändert sich die ganze Stimmung. War zuvor vom Gottesvolk in seiner ganzen Breite die Rede, konzentriert sich jetzt der Blick auf einen Punkt: Der neu geborene Johannes, das unwahrscheinliche Wunschkind, der Wegebereiter des Herrn, der Vorläufer des verheißenen Messias, der die Barmherzigkeit Gottes in Worte und Zeichen umsetzt: der Täufer, dessen Botschaft die Sünde und die notwendige Umkehr proklamiert. Gott setzt einen neuen Anfang – erst recht, wenn Jesus sich in die Schar der zu Taufenden einreiht. Die Wende wird in ein poetisches Bild gekleidet: die, „die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“, wird besuchen „das aufgehende Licht aus der Höhe“.

Was kann man nun praktisch mit diesem Gebet anfangen? Vielleicht sind es diese drei Punkte:

1.    Bene dicere: versuchen, das Gute, das Gelungene hervorzuheben. Mag sein, dass sich im Sinn einer Self-Fullfilling-Prophecy dann auch Dinge zum Guten wenden, dass Segen, den ich gebe, über die Ermutigung der anderen wieder zurückkommt.
2. Wir sind im Glauben Erben einer langen Geschichte. „Religion“ im Sinne von „Rückbindung“ greift weit das eigene Leben hinaus , führt dazu, dass man in die Geschichte eintaucht und den Verheißungen vertraut, auch wenn ihre Erfüllung noch aussteht. Es gehört zum Wesen des Glaubens, über das Erfahrbare und Erwartbare hinausfragen und sich hinauszuwagen.
3. Die Barmherzigkeit, die hier so eindringlich als Gottes Wirken hinein in die Welt geschildert wird, die Ausrichtung auf den Weg des Friedens wird von der Gabe zur Aufgabe. Gottes Willen und Wesen wird uns ans Herz gelegt. Das ist kein Sonderauftrag, der das Leben zusätzlich belastet.  Es kann in, mit und unter unseren alltäglichen Lebensaufgaben geschehen,  dass wir Barmherzigkeit und Frieden weitergeben, als die Tiefendimension unseres Handelns, als bleibende Motivation, wenn uns Zweifel und Rückschläge treffen. Denn das „aufgehende Licht aus der Höhe“ ist auch in meine Finsternisse versprochen. Versprochen!