Gottesdienst am 13. September 2020 – 14. Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Römer 8,14-17

14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.

 

Evangelium: Lukas 17,11-19

11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet zwischen Samarien und Galiläa zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 14 Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.

15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

 

Predigttext: Lukas 19,1-10

1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.


Liebe Gemeinde!

Wo in der Geschichte ist der Punkt, von dem an sich alles ändert?

Ist es schon, als Zachäus seine Rolle als Zolleinnehmer verlässt und auf den Baum steigt? Das würde man von einem wohlhabenden, wenn auch aus zwielichtigen Quellen reich gewordenen Menschen kaum erwarten. Wer klettert denn auf Bäume? Kinder, oder die absoluten Fans, die ihr Idol von Nahem sehen wollen. An Begeisterungsfähigkeit und Experimentierfreude scheint es dem Zachäus nicht gemangelt zu haben. Er wählt eine andere Perspektive, einen ungewohnten Blick „von oben“ auf sein Leben – vielleicht war schon einiges in Bewegung in ihm, bevor ihm Jesus begegnete.

Oder war es der Moment, als ihn Jesus im Baum entdeckte? Auge in Auge, vom Meister erkannt. Jetzt gibt es kein Verstecken, kein Ausweichen mehr, kein Zurück. Mit seinem Namen wird er angesprochen – woher mag er das wohl wissen -, und schnell soll es auf einmal gehen. Das Warten ist vorüber, jetzt werden Fakten geschaffen. Sie gehen miteinander in sein Haus, eine andere Möglichkeit ist gar nicht vorgesehen. Es gibt keine Schnuppermitgliedschaft bei der Jesusbewegung, sondern es geht gleich aufs Ganze. Immer wieder stolpere ich beim Lesen über das „muss“: „Ich muss heute in deinem Haus einkehren“. Was wie Zwangsläufigkeit klingt, muss eine Befreiung gewesen sein: „er nahm ihn auf mit Freuden“. Es ist, wie wenn die Schleusen des Glücks geöffnet werden, wie wenn mit einem Mal die Freude explodiert, die Begegnung mit Jesus alle Sorgen und Zweifel beiseite schiebt.

Hier könnte die Geschichte schon zu Ende sein. Bewegend ist sie in jedem Fall. Die meisten der Jünger Jesu gehören zu den kleinen Leuten, sind Fischer, Bauern, Handwerker. Vielleicht Ausnahmen sind Johanna, die Frau eines Hofbeamten, und der Zöllner Levi, der ohne irgendeine Vorwarnung von seiner Zollstation weg berufen wird. Hat sich Jesus vorher Gedanken gemacht, ob Zachäus in die Schar der Jünger hineinpasst? Das scheint keine Rolle zu spielen. Urplötzlich wird dem Zachäus Vertrauen angeboten, und er nimmt es ohne Zögern an. Jesus dagegen setzt sich einmal mehr der Kritik aus: Weiß er denn nicht, mit was für einem Menschen er sich da umgibt?

Genau diese Seite wird jetzt vernehmlich: sie „murren“, „sie alle“, anscheinend ohne Ausnahme. Der Oberzöllner ist in den Blickpunkt gerückt, Jesus hat Zachäus aus seinem Abseits ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt. Und dort haben sie natürlich alle eine Meinung über ihn. Sie kennen seine Geschichte. Mit seinem Namen verbindet sich – schon lange unverrückbar feststehend – ein einstimmiges Urteil: „Sünder“. „Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“

Von Sünde war bisher noch gar nicht die Rede, nur von Freude. Nun kommt Moral ins Spiel, das Bild, das wir uns von einem Menschen machen, der Abgleich an den geltenden Normen und Gesetzen. So schwindet die Freude. Aber wer hat diese „alle“ denn zum Richter berufen? Warum haben sie das und nicht mehr oder anderes zu sagen? Ist das Urteil nicht zuallererst überheblich? Sünder sind wir doch alle! Spricht daraus der Neid, dass Jesus sich genau diesem Menschen zugewandt hat? Oder kommen in diesem Moment all die Ungerechtigkeiten zum Ausdruck, die sie unter der römischen Herrschaft ertragen mussten und für die sie schon lange einen Schuldigen gefunden haben?

Und wieder finden wir hier einen Wendepunkt in der Geschichte. Jesus hätte ja seine Kritiker zurechtweisen und zum Festmahl übergehen können. Statt dessen ergreift Zachäus die Initiative und das Wort gegenüber Jesus, indem er unumwunden einräumt, was seine Kritiker vor der Tür ihm vorwerfen. Er hat sich über die Maßen bereichert, sogar betrogen. Allein dies Eingeständnis offenbart Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit und menschliche Größe! Die Meisten reagieren anders: Man beharrt darauf, dass man nichts falsch gemacht hat, alles vollkommen legal war und man alle Vorwürfe zurückweist. Für Zachäus dagegen wird mit seinen Worten aus Schuldbewusstsein Schuld, ganz objektiv und materiell verstanden. Sein bisheriges Handeln summiert sich auf Heller und Denar, die er zwar hat, die ihm aber nicht gehören. Und so startet er eine große Wiedergutmachungsaktion. „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Ich finde das nicht naiv, sondern atemberaubend mutig. Er lässt den Worten Taten folgen. Im Anfang eines neuen Lebens wächst die Bereitschaft abzugeben und zu teilen, weit über das bei Schadenersatz übliche Maß hinaus. Hier ist noch einmal so ein Punkt, wo sich die ganze Geschichte ändert, weil etwas an menschlichen Möglichkeiten sichtbar wird, was alle Erwartungen übersteigt, was in seiner Radikalität irritiert. Soll dieser der Geldgier verfallene Mensch plötzlich zum Vorbild werden?

Und noch ein letzter Wendepunkt ist in der Geschichte eingebaut: eine Seligpreisung und Heilszusage, Zachäus, aber auch seinen Kritikern gesagt: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.“ Festgehalten wird: Das Heil ist da, kommt mit Jesus, aber wie ein unverfügbares Geschenk, und es ist von vornherein darauf angelegt, größer zu werden. Zachäus und sein ganzes Haus, das Haus Israel, ja alle Kinder Abrahams über Zeit und Raum hinweg. In diese Gemeinschaft darf er sich eingegliedert fühlen, trotz der gegenteiligen Empfindung aller anderen. Die letzte Wendung ist eine Wendung zueinander, miteinander, füreinander. Und Jesus macht es vor, er leitet dazu an.