Gottesdienst am 14. März 2021 – Laetare

Epistel: 2. Korinther 1,3-7

 

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6 Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil; werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

 

Evangelium, gleichzeitig Predigttext: Johannes 12,20-26

 

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

 

Liebe Gemeinde!

 

Es scheint eine ganz einfache Bitte zu sein, die an den Jünger Philippus herangetragen wird: Bring uns in die Nähe von Jesus, damit wir uns einen eigenen Eindruck verschaffen können, von Angesicht zu Angesicht. Ich finde solche Begegnungen aus der Nähe oft sehr aufschlussreich, weil sich Menschen dann doch ganz anders darstellen, als sie im Blick der Medien erscheinen – oft viel bescheidener, auf Augenhöhe, und mit einer charakteristischen Körpersprache. Der Wunsch scheint einfach zu erfüllen, dennoch wird Andreas, der Bruder von Simon Petrus, noch als Vermittler dazwischengeschaltet. Dabei hätte schon Philippus einiges zu erzählen gehabt über die Männer und Frauen um Jesus, schließlich sind aus seinem Heimatort Betsaida am See Genezareth allein drei Wunder mit Jesus zu berichten: Die Speisung der Fünftausend, den Seewandel Jesu und eine Blindenheilung. Jesus war also schon als der weit bekannte Wunderrabbi angesehen, dass selbst Griechen, die die Nähe zum jüdischen Glauben suchten, in seine Nähe drängten. Und fast hätten sie es geschafft: Der Wunsch war durch vereinte Bemühungen von Philippus und Andreas schon bis an seine Ohren gedrungen.
Aber knapp vor dem Ziel geschieht etwas anderes. Jesus holt zu einer Rede aus, die alle gespannten, freudigen Erwartungen jäh unterbricht und einen ganz anderen Ton anschlägt. Nicht die Stunde der gewährten kurzen Audienz, der Hinwendung zur erwartungsvollen Menge ist angebrochen, sondern die Stunde der Verherrlichung. Und diese Verherrlichung ist nicht die Verlängerung und Steigerung menschlicher Verehrung und menschlicher Wünsche, sondern der Durchgang durch Hingabe und Verlust. Die gelöste Stimmung der Festbesucher weicht wohl plötzlich nachdenklicher Betroffenheit: Was mutet sich Jesus zu, mit einer paradoxen Hass-Liebe zum Leben, mit einer grenzenlosen Bereitschaft zu Dienen, und was mutet er uns damit zu? Für kritiklosen Promi-Kult bleibt hier kein Platz – der Ernst des Lebens und des Leidens nimmt sich hier seinen Raum.

Das Bildwort vom Weizenkorn braucht keine langen Erklärungen. Mehrfach tauchen Saat und Ernte in den Evangelien auf. Im Markus-Evangelium findet man das grundoptimistische Gleichnis von der selbstwachsenden Saat, die der Bauer nur ausbringen muss, um nach Warten und Wachsen am Ende die reiche Ernte einzubringen. Problematischer sind da die anderen Wachstumsgleichnisse: das vierfache Ackerfeld, das Unkraut unter dem Weizen nennen Hindernisse und Rückschläge, die schließlich immer noch zu guter Ernte führen. Hier aber ist das Augenmerk ganz auf das einzelne Samenkorn gelegt, das erst einmal in der Erde verschwindet, um unsichtbar seinen Verwandlungsprozess durchzumachen. Vielleicht ist dies dann doch Jesu Antwort auf den Wunsch, ihn „zu sehen“: Da gibt es nichts an der Oberfläche, das Entscheidende geschieht in der Tiefe, im Verborgenen – das Geheimnis des sich erneuernden Lebens. Verbunden damit ist erst einmal Zerfall, Kontrollverlust, das, was wir in unserem Leben um jeden Preis vermeiden wollen: das Samenkorn vergeht, verliert seine Form, löst sich auf, und Jesus gibt es nun auch nicht mehr in der Weise, wie es seine Jünger gewohnt waren. Die zerstörerischen Kräfte gewannen die Oberhand, und das galt vielleicht auch für die Gemeinde, die sich womöglich im Untergrund, im Verborgenen zusammenfinden musste. Das geliebte, schöne Leben geht verloren.
Nun hat das Bild natürlich noch die andere, die Lebens-Seite: Aus dem Korn wächst der Keim, aus dem Keim der Halm, auf dem Halm schließlich die Frucht: neue, reife Weizenkörner. Die Hingabe des Lebens steht im Dienst des Lebens, das gilt nicht nur für Jesus, sondern auch für seine Nachfolgerinnen und Nachfolger. „Dienen“ ist sicher nicht der Traum an Lebensgestaltung, weil man dabei ja etwas von seiner Selbstbestimmung aufgibt. Aber nun finden wir uns ja zusammen zum Gottes-dienst, und werden dies zuhause auch nicht gleich ablegen. Was könnte dabei der Gewinn sein? Sich an unbequeme Orte führen lassen, vor ungewohnte Herausforderungen gestellt zu sein, an seine Grenzen zu stoßen, all das kann das Abenteuer „Nachfolge“ bedeuten, und dabei dem Herrn nahe zu sein. Vielleicht ist dies der Weg zum „sehen“, zum Erkennen, wer Jesus ist und wo er uns immer noch voraus ist. Erkennen in der Selbsterkenntnis, dass im Verlust ein Gewinn, im Leid eine tiefe Sehnsucht verborgen sein kann, dass es seine Arbeit an uns ist, immer wieder aus der Bedrückung in die Freude und Dankbarkeit zu gelangen. Dietrich Bonhoeffer schreibt im Vorwort zu seinem Buch „Nachfolge“ (S. 11): „Gott schenke uns in allem Ernst des Nachfolgens die Freude, in allem Nein zur Sünde das Ja zum Sünder, in aller Abwehr der Feinde das überwindende und gewinnende Wort des Evangeliums. „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Mt. 11,28 ff.).“

 

Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben. (WEN)