Gottesdienst am 15. August 2021 – Elfter Sonntag nach Trinitatis

Epistel, zugleich Predigttext: Epheser 2,1-10

1 Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr früher gewandelt seid nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr gerettet –; 6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, 7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. 8 Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, 9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. 10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Evangelium: Lukas 18,9-14

9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Liebe Gemeinde!

Einst wart ihr – jetzt sind wir… Hier wird nichts weniger als eine Lebenswende in Worte gefasst: Ihr wart wie tot. Ihr wart vesunken in Übertretungen und Sünden, ihr wart wie ferngesteuert unter der Kontrolle fremder Mächte – für uns sind das auf den ersten Blick fremde Vorstellungen. Natürlich hat man gerne von der Kanzel aus ausgemalt, wie wohl die sittliche Verkommenheit unter den Heiden ausgesehen haben mag, um sich dann selbstsicher zurückzulehen: Das betrifft uns alles ja nicht mehr, wir sind schließlich Christen, und kann die Sätze ab Vers 4, beginnend mit dem „Aber“, als Bestätigung verstehen: „ Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht.“

Aber den Verfasser des Epheserbriefes, wohl ein Schüler des Apostels Paulus, hat durchaus umgetrieben, wes Geistes Kind wir sind, welches Bild wir von uns und von der Welt haben. Aus unserer Sicht ist sein Weltbild hoffnungslos veraltet: Da gibt es einen Herren der Geister der Lüfte, der die Welt regiert, der den Zugang zu Gott und Christus versperrt, der sozusagen im höchsten Himmel, noch eine Etage höher, zu Hause ist. Und wir Menschen sind Getriebene, Beeinflusste, in der Urteilskraft Benebelte, womöglich Fehlgeleitete? Menchen, denen der erstbeste persönliche Vorteil, die naheliegendste Bedürfnisbefriedigung wichtiger ist als – sagen wir einmal: Glaube, Liebe, Hoffnung? Große Ziele wie Gerechtigkeit und Frieden? Und schon bin ich mitten drin, was mich hier und heute so verwirrt, ja fast verrückt macht: Fake News, Querdenker und Spinner in ihrer Filterblase, mediale Dauererregung, die am Ende nur ermüdet, Hass, der in Shitstorms in den sozialen Medien in ungeahnter Weise zu Tage tritt, gewalttätiger religiöser und politischer Fanatismus – und man denkt sich: Was ist bloß mit den Menschen los? Sind sie, wie es der Epheserbiref behauptet, „tot“? Ja, da, wo das Mitgefühl verschwindet, wo man nicht mehr spürt, was dem anderen Wehtut und was er braucht – und das kann jedem von uns irgendwie passieren.

Und deswegen sind die folgenden Verse im Epheserbrief so wichtig. Sie markieren die Welt Gottes, die nicht unzugänglich über allem schwebt , sondern in unsere Welt hineinragt, ihr Antrieb und Hoffnung ist. Gleich mit den ersten Sätzen wird Gottes Barmherzigkeit, Gottes Liebe ins Spiel gebracht. Gegen das Totsein in Sünden wird die Auferstehung Jesu gesetzt. Alles in allem: Dem Leben wird ein neuer Rahmen gegeben, der überschwängliche Reichtum der Gnade Gottes. Es ist eine neue Sicht von Christus aus auf alle Beschwernisse des Lebens. Und das schönste daran: Es liegt so gar nicht an uns! „Nimm Gottes Gnade an, du brauchst dich nicht allein zu mühn, denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn“ … genau das versucht der Epheserbrief immer wieder auszuführen. In Christus sind wir mit-auferweckt, mit-genommen in den Himmel, mit-begnadigt und mit-geliebt. Der österliche Lebensatem, die von Gott neu geschenkte Lebendigkeit geht von ihm auf uns über. Gegenwart und Zukujft verschmelzen miteinander. Christi Auferstehung wirkt, nicht erst nach unserm Tod, sondern unmittelbar hier und jetzt – man muss nur darauf vertrauen.

Mich erstaunt dieser tief optimistische Grundton. Wahrscheinlich hätte der Verfasser des Epheserbrief auch Grund zur Klage gehabt. Dass der Schwung des Anfangs, der von Paulus ausgegangen war, dahin ist, dass sich in der Kirche schon manches verfestigt hat, und es schwer ist, im Schatten seiner Theologie wirklich neue Gedanken zu entwickeln. Aber er beschwert sich nicht, nein, Unbeschwertheit, Freude und Begeisterung scheint durch die Worte des Briefes hindurch. Gott hat die Initiative ergriffen zu uns hin, ohne Vorbedingung und ohne sich für Gott und den Glauben zuvor optimiert zu haben. Nein, sogar die guten Werke, all das, auf das man vielleicht mit Stolz blicken könnte, hat Gott schon zuvor für uns bereitgelegt, dass wir es nur ergreifen müssen. Alles, was wir uns zugute halten könnten, fällt immer zuletzt auf Gott zurück – ein Gott, der die letzte Wirklichkeit ist, weil er eben wirkt, nicht zuletzt an uns und in uns. „Denn wir sind sein Werk“, bekennen die Christen von Ephesus, weit entfernt von den negativen Bezeichnungen „Kinder des Ungehorsams“ oder „Kinder des Zorns“, mit denen unser Abschnitt beginnt. Wo Gott seiner Liebe Raum gibt, wo er sie wirken lässt, ist Rettung, ist Heil, ist Sicherheit und Frieden. Vertrauen wir darauf, dass seine schöpferische Kraft in uns und durch uns wirkt!