Gottesdienst am 16. Mai 2021 – Exaudi

Epistel: Epheser 3,14-21

 

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.

Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, 18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt. 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

Evangelium: Johannes 16,5-15

 

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. 7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der
Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. 8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; 9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; 11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

 

12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. 13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. 14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. 15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt es von dem Meinen und wird es euch verkündigen.

 

Predigttext: Johannes 7,37-39

 

37 Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wasser, klares, frisches Wasser ist ein Grundbedürfnis. Unzählige Menschen müssen ohne vernünftiges Trinkwasser auskommen, sind auf verschmutzte Brunnen, Versorgung durch Kanister oder Tankwagen oder auf teuer zu erwerbendes Wasser in Plastikflaschen angewiesen. Man kann sich Jesus sehr gut als Wasserverkäufer vorstellen: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Und in seiner Nachfolge werden auch immer wieder Wasserprojekte angestoßen, z.B. aus Spenden für „Brot für die Welt“. Wasser ist ein knappes Gut, kostbar und unersetzlich, und so ist es auch religiös von Bedeutung: Quellen wurden als Heiligtümer verehrt, Klöster an Wasservorkommen erbaut, die heilende Wirkung des Wassers von den Römern bis hin zu Pfarrer Kneipp gründlich erforscht. Und doch geht es in diesem Abschnitt nur auf den ersten Blick um das Wasser. Denn Jesus ist nach Jerusalem gekommen, um das dritte der großen Wallfahrtsfeste im Tempel zu feiern, das jüdische Erntedankfest Sukkot, das Laubhüttenfest. In Deutschland ist leider jüdisches Leben in der Öffentlichkeit nicht so präsent, aber in Rom beispielsweise waren im jüdischen Viertel vor den Restaurants im Freien Laubhütten aufgebaut, wo die Familien dieses Fest feiern können. Es dauert sieben Tage. An all den Tagen erinnert man sich an die Zeit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten, als die Israeliten in Zelten lebten. Am ersten der Feiertage betet man mit einem Bündel aus drei verschiedenen Zweigen in der einen und einer Zitrusfrucht in der anderen Hand. Diesen Beginn hatte Jesus verpasst. Da er Anfeindungen fürchtete, war er heimlich und nach seinen Brüdern in Jerusalem angekommen, und er beginnt, im Tempel zu lehren. Wie befürchtet, spalten sich die Zuhörer in Befürworter, die zum Glauben kommen, und den Gegnern, die nur wegen der Menge darauf verzichten, ihn schon jetzt zu verhaften.

So ist Jesu Rede vom Wasser nicht wörtlich, sondern symbolisch zu verstehen, wobei man die alttestamentlichen Verheißungsworte, wie sie aus Jesaja zu uns sprechen, im Hintergrund immer mit zu hören sind: „Und ihr werdet mit Freude schöpfen aus den Quellen des Heils“ (Jes 12,3), „Wohlan, die ihr durstig seid, auf zum Wasser“ (Jes 55,1), und auch das Bild des Hesekiel, der vom Tempel her Wasserströme nach Osten fließen sieht, die an den Ufern Leben bringen und selbst das Tote Meer zu einem Gewässer voller Fische machen. Noch wichtiger aber ist das Ritual zum Abschluss des Sukkotfestes: Man holt aus dem Teich Siloah einen Krug Wasser und bringt ihn voller Freude zum Tempel. Dabei ertönt das uns von Jesu Einzug vertraute: „Hosianna“, „Hilf, Herr, ach Herr, lass doch gelingen!“ Dabei wurde der Altar siebenmal umkreist; heutzutage umkreist man das Lesepult in der Synagoge.

Das Fest war also mit Freude, mit Wasser, mit der Dankbarkeit für das mit der Ernte erreichte, mit Gottes Bewahrung auf der langen Wüstenwanderung, mit der Feier des Lebens und des Überlebens und dem Lob von Gott gegebenen Lebensmittel verbunden.

Dies alles ist Hintergrund. Nun aber stellt Jesus sich ganz in die Mitte, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Nicht der körperlich erfahrbare Durst ist gemeint, sondern die Sehnsucht nach Glauben, nach Belebung und Erfrischung für das innerliche Leben des Menschen – und dass umgekehrt auch von dort wieder Ströme lebendigen

Wassers ausgehen. Man steht vor diesen Worten fast so unverständig wie die Samariterin am Jakobsbrunnen im Kapitel 4: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden. Es fließt bis ins ewige Leben.“ Nun aber, in den bereits lebensbedrohlichen Konflikt mit den jüdischen Autoritäten hinein gesprochen, kommt auch sein Tod in Sicht, am Kreuz fließen Wasser und Blut aus seinem Körper. Was in der erzählten Zeit noch in der Zukunft lag, die Verherrlichung Jesu, war für die Gemeinde, der das Johannesevangelium gewidmet war, bereits vergangenes Geschehen und Vorbedingung dafür, dass nun der nächste Schritt in der Geschichte des Heils eintritt: das Kommen des Geistes. Die Abschiedsreden dienen der Einweisung der Gemeinde in diese neue Wirklichkeit. Der Geist ist der Geist Jesu, der an seine Worte und Taten erinnert, der für zukünftige Auseinandersetzungen Kraft und Durchhaltevermögen gibt, es ist der Tröster, Gottes Anwalt an unserer Seite, Wegbereiter für den Glauben. Wie aber kommt man jetzt vom Wasser auf den Geist? Vielleicht, weil Wasser ebenso flüchtig, wenig festzuhalten ist wie der Geist. Es dringt überallhin vor, lässt sich nicht aufhalten, kann auch gehörige Macht entwickeln, eine Strömung, die mitreißt. Wasser ist lebenswichtig, ebenso aber auch der Geist, die freie Entfaltung der Gedanken, das Suchen und Hinterfragen. Es gibt aber auch noch eine Verbindung mit dem Fest Sukkot, das ja ein Freudenfest ist. Die Rabbiner brachten den Ritus des Wasserschöpfens mit einer Freude in Verbindung, „wie man sie sein Leben nicht gesehen hat.“ Und indem man Wasser schöpft, schöpft man „von dort den Heiligen Geist.“ Und dann ist – wie beim Quellwasser aus dem Teich Siloah, der Geist geheimnisvollen Ursprungs und unerschöpflich in seinem stetigen Fluss, ja, seinem Überfluss.