Gottesdienst am 17.5.2020 – Sonntag Rogate

Epistel: 1. Timotheus 2,1-6

 

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,

2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.

3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,

welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus,

der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle, als sein Zeugnis zur rechten Zeit.

 

Evangelium und Predigttext: Matthäus 6,5-15

 

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Liebe Gemeinde!

In der Mitte der Bergpredigt steht es, das Vaterunser, Jesu Gebet für alle Lebenslagen. Wie viele hundert, ja tausendmal haben wir es gebetet, laut im Gottesdienst oder still im Kämmerlein, draußen in der Natur, morgens oder abends, in Verzweiflung oder in Hoffnung. Ich erinnere mich an eine Begegnung im Krankenhaus. Ich besuchte eine schwerkranke, mir unbekannte Patientin, die kaum bei Bewusstsein schien. Als ich das Zimmer betrat, stellte ich mich vor, setzte mich neben sie, sprach leise mit ihr – ohne irgendeine Reaktion, dann saß ich gut eine Viertelstunde still an ihrem Bett. Aus einer Eingebung heraus, und auch um nicht unverrichteter Dinge wieder gehen zu müssen, begann ich mit dem Vaterunser, so leise, dass es für mich kaum hörbar war. Als ich ans Ende gelangte hörte ich plötzlich leise, aber deutlich, ihr „Amen“, danach kein Wort mehr. Etwas hatte tief ihre Seele berührt.

Dieses Gebet ist ein Geschenk Jesu an die Menschheit, selbst die iranischen Flüchtlinge, obwohl Moslems, kannten und schätzten es. Kurz und voll Intensität, führt es unweigerlich tief hinein in die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Es gründet in der jüdischen Gebetstradition, so dass Schalom Ben-Chorin in seinem Jesusbuch bemerken kann: „Ich habe es immer mitgebetet, ohne dabei eine Handbreit von meinem jüdischen Glauben abzuweichen.“

Schon die Anrede ist ohne Umschweife: „Vater unser!“. „Vater“, Abba, immer schon das wurde als Zusage besonderer Nähe und Fürsorge empfunden. Paulus greift es im Römerbrief (8,14) auf, er ermuntert die Gemeinde: „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, … sondern … einen kindlichen Geist..., durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Es ist ein zugewandter, verständnisvoller Vater, der seinen Kindern Gutes zukommen lässt, auch und gerade wenn die tatsächlichen Erfahrungen in der eigenen Familie dahinter zurückblieben – ist doch sein Kümmern und Nachsehen nicht nur vorstellbar, sondern als Erfahrung gegenwärtig.

Und dann noch: Vater unser! Wir sind nicht Gottes Einzelkinder, jede und jeder allein mit „seinem“ Gott, sondern schon in der Anrede auf eine von Haus aus nicht begrenzte Gemeinschaft bezogen: eine Gemeinschaft, in der Menschen um das tägliche Brot bangen, alte Verletzungen nachtragen, sich in Schuld verstricken, trotz guter Absichten dem Bösen verfallen. Es ist gerade keine heile Welt, in die hinein Jesus seine Worte spricht.

Beim genauen Hinhören fallen zwei Teile auf: Die ersten drei Bitten sind auf Gott konzentriert, wie bei den zehn Geboten. Name, Reich und Wille werden beschworen: Der Name ist nicht nur Äußerlichkeit, er beschreibt Gott selbst, sein Name ist ein Tätigkeitswort: „Ich bin, der ich bin“, hat er sich Mose und dem unter der Knechtschaft ächzenden Volk der Israeliten vorgestellt. Sein Reich beruht nicht auf Machtentfaltung und Ausbeutung, sondern auf Verbundenheit und Liebe! „Ich glaube fest, dass alles anders wird“ heißt es in einem Lied aus El Salvador. Eine andere Welt ist möglich. Und der Wille Gottes ist nicht Willkür, sondern seine schöpferische Fähigkeit, in Treue zu seinem Wesen alles zum Guten zu wenden. Nicht sich dem Schicksal gilt es, sich zu unterwerfen, sondern im Extremfall noch wie Hiob gegen Gott an Gott festzuhalten. Im Himmel mag seine Allmacht und Allgegenwart bestehen – auf der Erde ist nur der Ansatz, der Beginn im Kleinen zu erkennen. Es braucht die besondere Gabe Jesu, wie in den Gleichnissen im Kleinen schon die Vollendung erkennen zu können. Das Reich Gottes liegt nicht auf der Hand, nicht einmal in der Luft – daher muss es erbeten, erbetet werden. Dieses Gebet ist zukunftsoffen, es ist keine langatmige Beschreibung von Notlagen, die Gott doch ohnehin schon wüsste, es ist weder Klage noch Beschönigung, es enthält nur eine einzige Handlungsanweisung.

 

Nun wird es konkret. „Unser tägliches Brot gib uns heute“ - mit diesem „unser“ ist das Gebet noch nicht ans Ziel gekommen, solange auch nur einem einzigen dieses Brot fehlt. Hier steckt im Kern der Auftrag von „Brot für die Welt“. Umgekehrt aber gibt es auch keinen Grund, übertrieben viele Vorräte zu horten. Die folgende Worte Jesu über das Schätzesammeln und Sorgen machen das deutlich.

Es folgt die einzige Bitte mit einer konkreten Handlungsanweisung, die am Ende des Predigttextes noch einmal unterstrichen wird: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Es gibt einen Zusammenhang zwischen Gottes Vergebung und der Vergebung der Menschen. Was wir von Gott erbitten, kostet uns in unserem kleinen Alltag oft unendlich viel Mühe: zu vergeben. Es kann ein langer, schmerzvoller Prozess sein, schwere seelische Arbeit, bei der man immer wieder ganz am Anfang steht. Auf die Frage des Petrus antwortet Jesus: siebenmal reicht nicht, eher siebzig mal siebenmal. Dann wird auch klar, dass Gottes Vergebung auch keine leichtfertige Sache sein kann. Auch hier ist das „Wir“ hilfreich. Wo der eine, unversöhnliche eingebettet ist in eine Gruppe, in der Versöhnung zu spüren ist, kann es leichter fallen, eigene Verletzungen loszulassen und so wieder Freiheit zu gewinnen.

Die letzte Bitte hat es kürzlich sogar in die Schlagzeiten geschafft. In der französischen und italienischen Übersetzung wurde der Wortlaut – mit ausdrücklicher Billigung von Papst Franziskus – geändert: „überlasse uns nicht der Versuchung“ - so etwa lautet der veränderte Text. Sollte es möglich sein, dass Gott in Versuchung führt? Es geht hier um eine Grenzerfahrung des Glaubens, um eine letzte Zerreiß- und Bewährungsprobe, die wohl niemand sich wünscht, aber die prinzipiell doch nicht ausgeschlossen ist. Doch am Ende zählt weniger die jeweilige Übersetzung, es geht mehr um die Übersetzung in das eigene Leben.

Unter den Bekannten im Krankenhaus war auch ein junger Syrer, Jakob, Christ aus der äramäisch sprechenden Minderheit. Er war als Flüchtling noch vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland gekommen. Von Haus aus KFZ-Mechaniker, hatte er eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen, und wenn alles gut gegangen ist, gehört wohl jetzt mit zu den gefeierten „Helden“ der Corona-Zeit. Bei einer Musikveranstaltung war es: eine Vertonung des aramäischen Vaterunsers stand auf dem Programm, und während der Pause ging er auf die Musiker zu, und begann, in seiner Muttersprache, der Sprache Jesu, das Vaterunser zu rezitieren. Näher kann man wohl dem Vaterunser heute wohl nicht kommen.

 

Amen

 

 

Fürbitten (mit dem Antwortruf: „Vater, erhöre unser Gebet“)

Vater im Himmel, lehre uns beten, unbefangen und ehrlich, vertrauensvoll, den Menschen liebevoll zugewandt, wie du es tust.

Wir legen unsere Sorgen in Deine Hand. Sorgen um unsere Lieben, um die Gesundheit, um die wirtschaftliche Existenz. Spüre, wie wir Deine Ermutigung brauchen, gib den Trost und die Kraft deines Heilgen Geistes! Wir bitten dich um Geduld, die notwendigen Einschränkungen durchzuhalten und dabei nicht leichtsinnig oder aggressiv zu werden. Lass uns zum Wohl der Gemeinschaft alles tun, um die Schwächsten zu schützen.

> Vater, erhöre unser Gebet

Gebet braucht Vertrauen. Wenn sich etwas ändern soll, können wir die Hände nicht in den Schoß legen. Hilf uns, dass unserem Gebet entsprechende Taten folgen, so weit es unsere Möglichkeiten zulassen, und tröste uns, wo wir an unsere Grenzen stoßen: Wenigstens können wir beten!

> Vater, erhöre unser Gebet

Das Beten schafft Verbindungen über Länder und Kontinente hinweg. Wir denken an unsere Partner in Neuguinea, wo ein neuer Leiter im Senior-Flierl-Seminar seine Arbeit begonnen hat. Segne Pastor Joseph Benson und seine Familie. Wir denken an die Menschen in Syrien und anderen Kriegsgebieten, an Christen, Muslime und all die, die an keinen Gott mehr glauben können. Mach der Verfolgung und dem unmenschlichen Töten ein Ende.

> Vater, erhöre unser Gebet

Dass dein Reich kommt, eröffnet neue Perspektiven. Du willst, dass sich schon in kleinen Anfängen deine Größe zeigt, dass wir an Menschlichkeit und Friedensfähigkeit wachsen, dass deine Liebe sich Raum schafft in unserer Welt. Lass so deinen Willen geschehen!

> Vater, erhöre unser Gebet

So legen wir Dir in der Stille unsere persönlichen Anliegen ans Herz und bitten voll Vertrauen:

> Vater, erhöre unser Gebet

 

Wir singen gemeinsam das Gebet Jesu, das Vaterunser, mit einer Melodie aus der Karibik mit dem Kehrvers: Geheiligt werde dein Name, EG Nr. 188