Gottesdienst am 19. April 2020 – Sonntag Quasimodogeniti

Dieser Gottesdienst wurde Sonntag um 19. April in Castell als Videogottesdienst aufgenommen und ist im Internet abrufbar unter

https://www.youtube.com/channel/UCErwfQMTIuLNhkGkuM_XKtQ

Epistel: 1. Petrus 1,3-9

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.


Evangelium: Johannes 20,19-20.24-29

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
24 Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben.
26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!
27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!


Predigttext: Jes 40,26-31

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;
31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde!
Was macht müde Männer munter? Wer diese Frage beantworten und ein Produkt dazu entwickeln könnte, der hätte vermutlich ausgesorgt. Alle kennen wir doch die Dinge, die uns ermüden: endlose Debatten und Wiederholungen, ausbleibender Erfolg und fehlende Anerkennung, Überforderung, Angst und Sorgen, die lähmen, Ohnmachtsgefühl und Fremdbestimmung, nicht zuletzt fehlender Schlaf – und auch lange Aufzählungen wie diese. Jeder von uns könnte diese Liste gewiss noch weiterführen. Manche Rezepte kennt man auch, der Müdigkeit zu trotzen: Die berühmten Streichhölzer in den Augen helfen wohl nicht, eher schon, sich Ruhezeiten und genügen Schlaf zu gönnen, sich seine Kräfte realistisch einzuteilen und die normalen Widrigkeiten des Lebens nicht zu unterschätzen. Dann ist man mit der nötigen Aufmerksamkeit in der Gegenwart angekommen – wach und präsent. Es gibt nämlich auch eine Munterkeit, die des Guten Zuviel sein kann, zum Beispiel im Gute-Laune-Morgenprogramm mit dem aufgedrehten Moderator und seinen Muntermacher-Hits – auf die Dauer wäre das für mich nicht zu ertragen. Und grenzenlos muntere Wachheit wäre sicher auch riskant: Mühsam erkämpfte Pausen-, Arbeitszeit- und Urlaubsregeln würden in Frage stehen, unablässige, grenzenlose Arbeitskraft würde zur Norm und könnte uns selbst und unseren Planeten zerstören.  
Aber das, was der Prophet Jesaja hier anspricht, sicher mehr als ein Gute-Laune- oder ein Fitness-Problem: „Jünglinge werden müde und matt“ – das ist eher ungewöhnlich. Jugendliche haben meistens Energie ohne Ende und wissen eher nicht, wohin damit. Es wäre gut, wenn etwas von dieser Energie auch in den Gemeinden spürbar werden könnte. Und dann: „Männer straucheln und fallen“ – das ist ein schwerer Schlag gegen das Selbstbild vom Mann, der unerschütterlich seinen Weg geht und keine Schwäche zulässt. Da muss es schon weit gekommen sein, bis man „straucheln und fallen“ zugibt oder es offen sichtbar wird. Das zeigt dann eher in Richtung einer grenzenloses Enttäuschung und Vergeblichkeit, einer Erschöpfungsdepression oder eines Burn-Out. Auch unter Menschen, die Gott vertrauen, kann es dazu kommen. Beispiel ist der Prophet Elia, der unter dem Ginsterbusch, von sich enttäuscht, nur noch sterben wollte.
Nun aber soll genau denen geholfen, sie getröstet und aufgerichtet werden. Die Bibel ist weniger ein Muntermach- als ein Mutmachbuch. „Tröstet, tröstet mein Volk!“, so beginnt das Kapitel 40 bei Jesaja, und es wird tatsächlich ein neues Kapitel aufgeschlagen in der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Woher soll der Mut kommen, die erneuerte Schaffenskraft? Sie kommt von dem schöpferischen Gott, und springt über zu den erschöpften Menschen. Der Grund-Satz, der alle anderen Gedanken in sich trägt, heißt: „Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“ Unerschöpflich und unermüdlich hat er das Ganze der Welt im Blick, und darin eingeschlossen alle Erschöpften und an ihre Grenzen Gekommenen: „Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.“ Das heißt nun auch, dass diese Kraft eine uns geliehene ist, über die nicht wir verfügen, sondern Gott, die auch nicht unendlich, sondern wie das „tägliche Brot“ „nur“ genug ist,. „Ich glaube, dass uns Gott so viel Widerstandskraft gibt, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern ganz auf ihn verlassen“, schrieb Dietrich Bonhoeffer 1943. Daher gibt es nun auch kein Rezept oder eine Handlungsanweisung, wieder zu Kraft zu kommen, sondern nur ein Wort: „harren“. Das heißt nun nicht einfach „abwarten und Tee trinken“ oder „kommt Zeit, kommt Rat“, sondern es wurde einmal so übersetzt: „Wie ein Spinnennetz in gespannter Erwartung ausgebreitet sein.“ Die Wachheit, die noch gesammelte Kraft ist da schon vorhanden, sie wird nur noch nicht in Aktion umgesetzt. Und auch nicht alle werden sich daraufhin in die Lüfte erheben – auch wenn Hoffnung Flügel verleiht, sind Abstürze nicht ausgeschlossen -, andere bleiben schön am Boden und machen dort ruhig und ausdauernd ihren Weg.
Was aber die Veränderung ausmacht, ist vielleicht eine andere Haltung – ja, bis ins körperliche hinein: „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ – also: „Kopf hoch“ – eine vollkommen unterschätzte Ermunterung. Schon mit einer anderen Körperspannung kann sich das Befinden ändern. Und dann „Augen auf!“ – genau hinsehen und Veränderungen bemerken, auch wenn ich meine, alles schon tausendmal gesehen zu haben. Beides zusammen hat mir einen Moment geschenkt, den ich nie vergessen werde: Eine Leiterrunde der evangelischen Jugend hatte sich auf einer Berghütte zur Tagung getroffen. Der Tag war mit Diskussionen vergangen, es war draußen Dunkel geworden, und ich musste zurück, um am nächsten Morgen den Gottesdienst zu halten. Ich hatte keine Taschenlampe, aber die Jugendlichen wussten Rat: „Warte, wenn du vor die Tür gehst, erst ein bisschen, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Dann schau nach oben, rechts und links siehst du den Wald als dunklen Schatten, aber in der Mitte die Sterne. Da ist dein Weg!“ So habe ich es gemacht, und mit dem Blick nach oben, mich mit den Füßen vorsichtig vorantastend, kam ich sicher und von wunderbarem Staunen erfüllt an.
Wie werden Sie wach? Sind es die Piepstöne, das Schrillen eines Weckers, das Gezwitscher der Vögel oder freundliche Stimme eines anderen Menschen? Wieviel Energie gibt dies für den Tag, wenn die Müdigkeit noch streitet mit den Gedanken an die Vorhaben für den Tag? Lassen Sie eher den Adler kreisen, um sich einen Überblick zu verschaffen und das nächste Ziel ins Auge zu fassen, oder laufen sie einfach los, hoffentlich nicht zu schnell müde? Der Tagesbeginn ist immer so etwas wie eine kleine Auferstehung, ein Sinnbild für das, was an Ostern begann: Leben, Lebendigkeit im Licht Gottes. Der Name des Sonntags drückt das aus: Quasimodogeniti, wie die neugeborenen Kinder – so enthält jeder Tag im Licht von Ostern Glanz und Verheißung.
Und wie gehen Sie schlafen, am Ende eines langen Tages? Können Sie Gott den Tag anvertrauen und sich der Müdigkeit hingeben? Keine Antworten auf Fragen mehr suchen müssen, sondern dies ganz seiner Güte überlassen, dass nichts und niemand verloren geht, sondern der nächste Tag wieder neu aus seiner schöpferischen Kraft hervorbricht, wie am ersten Ostermorgen?
Amen.

Ein Kinderlied (EG 511) macht es vor, wie man sich vertrauensvoll auf Gottes Wege und Güte verlassen kann. Wir können damit auch unsere Fragen und Sorgen getrost in Gottes Hand geben, von der Frage aus, die uns der Predigttext stellt: „Wer hat dies geschaffen?“, und der Prophet antwortet: „Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass ihm nicht eins von ihnen fehlt“:
1. Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen weithin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet,
an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.
2. Weißt du, wieviel Mücklein spielen in der heißen Sommerglut,
Wieviel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut.
Gott der Herr rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen,
dass sie nun so fröhlich sind, dass sie nun so fröhlich sind
3. Weißt du, wieviel Kindlein frühe stehn aus ihrem Bettlein auf?
Dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen;
kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.