Gottesdienst am 19. September 2021 - 16. Sonntag nach Trinitatis

Epistel: 2. Timotheus 1,7-10

7 Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Evangelium: Johannes 11,1(2)3.17-27(28-38a)38b-45

1 Es lag einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. 
[2 Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank.] 3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank. 
17 Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. 18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 19 Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. 20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen. 21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. 23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. 25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; 26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? 27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.
[28 Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria und sprach heimlich zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich. 29 Als Maria das hörte, stand sie eilends auf und kam zu ihm. 30 Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war noch dort, wo ihm Marta begegnet war. 31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilends aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen. 32 Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und erbebte 34 und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und sieh! 35 Und Jesus gingen die Augen über. 36 Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt! 37 Einige aber unter ihnen sprachen: Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, dass dieser nicht sterben musste? 38 Da ergrimmte Jesus abermals und  kommt zum Grab.]
Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor. 39 Jesus spricht: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. 40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42 Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. 43 Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen! 45 Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn. 

Predigttext: Klagelieder 3,22-26.31-32

22 Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. 25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. 
31 Denn der HERR verstößt nicht ewig; 32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. 

Liebe Gemeinde!
Was ist Ihnen gerade noch gegenwärtig von diesem biblischen Abschnitt? Der Schauder und die Erleichterung, dass es mit uns noch nicht "gar aus" ist? Dabei hätte es leicht schon einmal so weit kommen können: eine Krankheit, eine Situation im Straßenverkehr, eine Reihe von mutlosen Tagen... Wir sind noch einmal davongekommen. Ist das schon Grund genug, Gott zu loben? Oder haben wir nicht besseres verdient, ein Leben in Wohlstand und Sicherheit, wie heute die meisten bei uns? Die Verfasser der Klagelieder hatten weiß Gott allen Grund, Gott Leid und Enttäuschung vorzuhalten. Ihr Glaube hatte sie nicht vor der Katastrophe bewahrt, dass Jerusalem von den Babyloniern erobert, die Mauern und der Tempel zerstört und die Oberschicht ins Exil gebracht wurde. Mag sein, dass man an den Ruinen des Tempels Klagefeiern abhielt, und dabei Gedichte vortrug, wie wir sie im alttestamentlichen Buch der Klagelieder finden. 
Klagen ist in der Öffentlichkeit nicht gut angesehen. Man verliert schnell die Geduld, man will sich nicht herunterziehen lassen. Vor allem, wenn es sich wiederholt, will man dem andern ins Wort fallen: "Das musst du mal positiv sehen." Dabei gibt weiß Gott genügend berechtigte Klagen, Enttäuschungen, vergebliche Mühe, ungelebtes Leben. Wie wäre es, sie einfach einmal zuzulassen, nicht dagegen- oder kleinzureden? Im Krankenhaus kommt es manchmal zu solchen Gesprächen. Eine halbe Stunde, eine Stunde kann damit vergehen, dass nur geklagt wird. Irgendwann kann aber der Punkt kommen, wo Stille einkehrt, wo alles ausgesprochen ist, wo die gewohnten Gedankenbahnen verlassen werden, wo Raum für Neues entsteht, wo so etwas wie Hoffnung aufkeimt. 
Genau an solch einem kostbaren Punkt scheint der Dichter des 3. Kapitels angekommen zu sein. Vorsichtig tastend erprobt er, welche Sätze sich für seine Gotteserfahrung eignen könnten. Er nimmt sie aus der Überlieferung, in der Form des Klagepsalms des Einzelnen. "Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimms Gottes", so beginnt das Kapitel. Die Worte sind sorgsam gewählt und angeordnet, jeweils drei Verse beginnen mit dem als nächsten folgenden Buchstaben des Alphabets. Hier wird, gegen den ersten Eindruck, nicht einfach dem Herzen freien Lauf gelassen, sondern die Klage höchst bewusst dichterisch gestaltet. Wo dies geschieht, ist es fast schon ein Sieg des Geistes über die trostlose Situation. Sie kennen die Gedichte Dietrich Bonhoeffers, die er im Gefängnis schrieb, vielleicht auch die "Moabiter Sonette" von Albrecht Haushofer, ebenfalls in NS-Haft entstanden. Ein sowjetischer Gefangener, der in den 1908er Jahren von Amnesty International betreut wurde, schickte aus dem Straflager, versteckt in einer Ladung Holz, ein Bündel Gedichte mit der Bemerkung "Das ist alles, was ich habe." Sie wurden übersetzt, und er erhielt mehrere Literaturpreise, ohne je ein Buch veröffentlicht zu haben.
Die Sätze über Gott, die unserem Predigttext eine vertrauensvolle Wende geben, sind nicht systematisch miteinander verbunden. Es wirkt eher so, als ob immer wieder ein neuer Anlauf genommen wird, so wie bei uns auch. "Seine Barmherzigkeit ist alle Morgen neu", jeder neue Tag birgt die Möglichkeit, Gott und seiner Treue begegnen, ohne die Schatten von gestern. Und dann werden mehrere Möglichkeiten erwogen, Gottes Ermutigung für sich festzuhalten: Die Erinnerung an seine Eigenschaften, Barmherzigkeit und Treue: Nur wenn man darauf achtet, kann man sie auch erfahren. Dazu kommt die innere Zwiesprache, die aufsteigenden Erinnerungen und Hoffnungssätze, die die Seele schon kennt: Der HERR ist mein Teil, darum will ich auf dich hoffen. Wo die äußere Bestätigung wegfällt, kann die innere Stimme Halt und Sicherheit geben. Und dann als Drittes die machtvollen, aber sanften Mittel, etwas zu erreichen: Freundlichkeit, Geduld, Beharrlichkeit, die Gott nutzt, uns nahezukommen. Es sind dieselben, die auch uns Menschen immer wieder weiterbringen. Sie führen aus der Klage heraus, in die Dankbarkeit, in die Güte, die Barmherzigkeit mit sich und anderen, die die Betrübnis annimmt, ernstnimmt und gleichzeitig überwindet.