Gottesdienst am 19.7.2020 – Sechster Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Römer 6,3-8

3 Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?

4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.

5 Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.

6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.

7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.

8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden,

9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod wird hinfort nicht über ihn herrschen.

10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.

11 So auch ihr: Haltet euch für Menschen, die der Sünde gestorben sind und für Gott leben in Christus Jesus.

 

Evangelium: Matthäus 28,16-20

 

16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.

17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Predigttext: 5. Mose 7,6-12

 

6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern die auf Erden sind.

7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -

8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebot halten,

10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

11 So haltet nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

 

Liebe von Gott Erwählte!

Wie schön, so angeredet zu werden. Vielleicht scheint Ihnen diese Anrede auch zu dick aufgetragen. Was ist an mir Besonderes, außer, dass ich mich heute zum Gottesdienst aufgemacht habe? Ich denke, dies ist auch die normale Reaktion, wenn uns Gott zu etwas Besonderem machen will – erst einmal abwehren. Die Propheten haben sich meistens gegen ihre Berufung gewahrt, weil das Besondere auch mit einer besonderen Verpflichtung, mit Nachteilen und mit Neid verbunden sein kann.

Erwählt oder auch gewählt zu sein ist etwas, was dem Selbstbewusstsein schmeichelt. Man steht im Blickpunkt, man kann sich sehen lassen, man wird aber auch gesehen. In der Erwählung liegt eine große Verantwortung und das Potential für Konflikte. Ein Ja zu dem Einen ist eben doch ein Nein zu anderen. Ein Beispiel kann dies deutlich machen: Als junger Pfarrer erzählte mir ein Kollege ganz stolz, er sei jetzt stellvertretender Delegierter für die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen. Nun musste ich ihm sagen, dass ich ebenso einen Brief von der Landeskirche erhalten habe, dass ich als Delegierter benannt bin und er damit mein Stellvertreter. Man merkte deutlich, wie sehr ihm das missfiel, und dass nah seiner Meinung die Reihenfolge genau umgekehrt sein sollte, er an erster Stelle, der immer schon gesagt hat, dass er ein kirchenleitendes Amt anstrebt. Nun war das Verhältnis belastet. Ähnlich ist es wohl in einer Familie, wenn ein Kind den anderen immer vorgezogen wird. „Du bist der oder die Zweitliebste“ ist nicht das, wonach sich das Herz sehnt.

Und doch ist das die Situation von uns Christen. Uns voran geht die Erwählung des Gottesvolkes Israel, der ungekündigte Bund bis zum heutigen Tag. Dies war immer wieder schwer zu akzeptieren. Warum die Juden? Unser Predigttext spiegelt selbst die Ratlosigkeit wider: nicht Größe, nicht Tüchtigkeit und überzeugenden moralische Leistungen. Von sich aus könnte man eher eine Geschichte des Versagens schreiben, wie es dann mit den biblischen Geschichtsbüchern von Josua bis 2. Könige geschehen ist. Aber das macht die Zusage Gottes nicht rückgängig, er hält an ihr fest.

Die Bezeichnung „auserwähltes Volk“ wird von Juden selbst selten gebraucht. Zum einen gibt es ja auch nicht „die Juden“, sondern sehr verschiedene, mehr oder weniger gläubige Menschen, die sich dieser Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Es klingt ja wie eine Verführung zum Hochmut, von Gott zum „Heilgen Volk“, zum „Volk des Eigentums“ erwählt zu sein. Ein Akt göttlicher Willkür scheint es, und ist gleichzeitig ein Akt der Liebe Gottes.

Wir bewegen uns auf widersprüchlichem gefährlichem Terrain. Wie leicht kann der Gedanke der Erwählung missbraucht werden als Stoff für individuelle oder nationale Größenphantasien. Schon der Zusammenhang im 5. Buch Mose ist problematisch: Der Einzug in das von Gott gegebene Land ist mit ethnischen Säuberungen verbunden. Sieben Völker sollen nicht nur vertrieben, sondern ausgelöscht werden. In den Händen von Fundamentalisten oder Nationalreligiösen sind solche Stellen aus der Heilgen Schrift wie eine Anleitung zum Völkermord. Nun passt aber die Entstehungzeit des 5. Mosebuches nicht zu solchen Ausrottungsphantasien: Das Königtum war zusammengebrochen, das Land von den Babyloniern erobert, nicht die geringsten Machtmittel waren mehr vorhanden. In solchen Ohnmachtsmomenten kann es sein, dass man die eigene Größe in der Vorstellung phantastisch aufbläst und übersteigert. Sobald der Gedanke der Erwählung Raum gewinnt, ist Missbrauch und Hybris nicht weit – von „God's own contry“ zur angeblichen Herrenrasse, die das jüdisch Volk beseitigen wollte – und heute all die nationalistschen Regenten, die durch Wahl an die Macht gekommen diese nicht mehr abgeben wollen.

Nüchtern betrachtet bringt die „Erwählung“ vor allem Verantwortung, und das über das eigene Volk hinaus für die ganze Menschheit. Schon Abraham ist für die Einwohner von Sodom eingetreten, die Gebote vom Sinai sind wegweisend für Gerechtigkeit unter den Menschen, der jüdische Glaube hat unterwegs zwei weitere monotheistische Religionen hervorgebracht. Immer wird die Vorbildfunktion angemahnt, werden Fehler und Schwächen noch kritischer hervorgehoben.

Dabei ist die Erwählung nichts selbst Gesuchtes. Am Volk der Israeliten soll die Treue Gottes sichtbar werden, beendet der befreiende Gott die Unterdrückung, setzt er Regeln für einen der Menschenwürde entsprechenden Umgang miteinander. Und auch wenn dies exklusiv klingt: Dabei sind die vielen, die Völker schon mitgedacht, der Glaube über die Grenzen des eigenen Volkes offen.

Und so macht es doch Sinn, diesen – gerade in den Sätzen von der Vergeltung schroffen – alttestamentlichen Abschnitt auch im christlichen Gottesdienst zu bedenken. Denn die Frage der Erwählung, der Berufung trifft uns als Christen – wenn auch an zweiter Stelle – doch ebenso heftig: „Wie kamst du gerade auf mich!“ heißt es in einem der Gedichte von Kurt Marti. Nicht wir selbst haben zumeist Gott gesucht, sondern er hat uns ergriffen, uns in seine Geschichte mit den Menschen verwickelt, uns in seinen Dienst genommen ohne klare Arbeitsplatzbeschreibung mit Ausstiegsklauseln. Und auch die Wahrnehmung von außen wird wohl immer wichtiger werden: Wenn du von deinem Glauben überzeugt bist, wie lebst du ihn? Was spiegelt sich wieder? Seine Güte und Barmherzigkeit, der Vorschuss an Treue und der lange Atem der Geduld? Kannst du zu deinem Wort stehen wie er zu dem seinen. Unsere Berufung verändert sich, wenn es zwar noch heißt „geht hin in alle Welt“, gleichzeitig aber auch „alle Welt“ schon bei uns ist und manchmal unsere Antworten erwartet und die Ernsthaftigkeit unseres Christseins hinterfragt – wie wir uns selbst ja oft genug auch:


Wie kamst du gerade auf mich?

           

            Auch heute wieder

            frage ich mich,

            wer Du warst oder bist,

            was Du willst

 

            Viele

wissen das besser, 

            einige

            folgen Dir nach.

 

            Wie aber kamst Du

            auch noch auf mich?

            bin doch nicht der,

            den Du brauchst!

 

            Dennoch, dennoch

komm ich nicht los

von Dir.

 

(Kurt Marti)