Gottesdienst am 2. April 2021 - Karfreitag

Epistel: 2. Korinther 5,19-21

19 Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Evangelium: Johannes 19,16-30

16 Pilatus überantwortete ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, 17 und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
23 Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. 30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Predigttext: Jesaja 52,13 - 53,12 (Einheitsübersetzung)

13 Siehe, mein Knecht wird Erfolg haben, / er wird sich erheben und erhaben und sehr hoch sein. 14 Wie sich viele über dich entsetzt haben - / so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, / seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen -, 15 so wird er viele Nationen entsühnen, / Könige schließen vor ihm ihren Mund. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, / das sehen sie nun; was sie niemals hörten, / das erfahren sie jetzt.
53 1 Wer hat geglaubt, was wir gehört haben? / Der Arm des HERRN - wem wurde er offenbar? 2 Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, / wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, / sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, / dass wir Gefallen fanden an ihm. 3 Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, / ein Mann voller Schmerzen, / mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, / war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
4 Aber er hat unsere Krankheit getragen / und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, / von ihm getroffen und gebeugt. 5 Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, / wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, / durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, / jeder ging für sich seinen Weg. Doch der HERR ließ auf ihn treffen / die Schuld von uns allen. 7 Er wurde bedrängt und misshandelt, / aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, / und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, / so tat auch er seinen Mund nicht auf. 8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, / doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten / und wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen. 9 Bei den Frevlern gab man ihm sein Grab / und bei den Reichen seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat / und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
10 Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten. / Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. / Was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen. 11 Nachdem er vieles ertrug, erblickt er das Licht. / Er sättigt sich an Erkenntnis.
Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; / er lädt ihre Schuld auf sich. 12 Deshalb gebe ich ihm Anteil unter den Großen / und mit Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab / und sich unter die Abtrünnigen rechnen ließ. Er hob die Sünden der Vielen auf / und trat für die Abtrünnigen ein.

Liebe Gemeinde!
"Du bist häßlich!" "Du bist krank!" "Du gehörst nicht zu uns!". Jede dieser Beschimpfungen hätte uns wahrscheinlich ins Mark getroffen, am Boden zerstört. Schlechtmacherei, In-Umlauf-Bringen feindseliger Gerüchte, übelstes Mobbing, das gibt es nicht erst seit den neuen sog. "sozialen Medien", sondern schon in der Bibel. Der Gottesknecht, dem im Jesajabuch ab Kapitel 42 vier Gottesknechtslieder gewidmet sind, hat diese Anfeindungen aushalten müssen. Es ist ein vielstimmiger Chor, ein Stimmengewirr aus den unterschiedlichsten Ecken, die hier zusammentreffen. Urteile, schnell gefällt, schneidend scharf und unbarmherzig - manchmal wird gerade enttäuschte Liebe so verletzend.
Wer ist der, und was ist dran an seinem Schicksal? Ein Geschlagener, ein Gebeutelter, ein zu Boden Gedrückter - ist es Jesus? So kommt dieser biblische Abschnitt in unseren Karfreitagsgottesdienst. Im Leiden der Gottesknechtes hat man das Leiden Jesu erblickt, wie auch im Psalm 22. Aber die Frage ist kaum zu beantworten. Es kann ein Einzelner sein, eine bestimmte Gruppe, etwa von verfolgten Propheten, oder das ganze Volk Israel, das damals Schönheit und Größe verloren hatte und besiegt in Babylonien ausharrte.
Wichtig ist, dass es gegen die vernichtenden Urteile einen Einspruch gibt, sozusagen von "ganz oben". Der Augenschein trügt, denn Gott hat es genau so gewollt: Als Verachteter, als von Krankheit Entstellter, als der üblen Nachrede Ausgesetzter ist er der von Gott erwählte. Das ist zuerst ein großes Ausrufezeichen für alle, die glauben, sich auf den ersten Blick schon ein Bild von einem Menschen machen zu können. Gutes Aussehen ist ein Türöffner, aber der zweite Blick kann das Bild korrigieren. Über ihre Lehrerin in der ersten Klasse sagte meine Tochter: "Die ist netter als sie aussieht". Um wieviel mehr betrifft das Menschen, die durch eine Krankheit entstellt sind. Ich erinnere mich an einen Besuch bei einer Patientin, der ihr Aussehen - nach Chemotherapie - so peinlich war, dass sie ihre Hand vors Gesicht hielt. Dabei hatte ich ja gar keinen Anhaltspunkt, wie sie zuvor ausgesehen hatte. Überhaupt ist man als Patient im Krankenhaus viel verletzlicher, die Selbstdarstellung durch Kleidung und Haltung fällt weg, körperliche Veränderungen und strenge Gerüche verursachen Hemmungen. Und gerade darum ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass der äußere Eindruck nicht bestimmend sein kann.
Aber es geht im Gottesknechtslied einen entscheidenden Schritt weiter: Er trägt "unsere" Krankheit, er nimmt auf sich "unsere" Schuld. Ein Sündenbock ist gefunden, ein Abbild des Elends, das eigentlich unser Schicksal wäre, ein Abbild unseres Versuchs, sich den Schattenseiten des Lebens zu entziehen. Jeder und jede, so denken wir meistens, ist für sich und sein Schicksal selbst verantwortlich. Nur in Extremsituationen wie Katastrophen wird klar, dass die Frage nach der Schuld nicht weiterhilft, sondern nur gemeinsame Anstrengung, sie zu bewältigen. So ist es auch bei der Pan-Demie, sie betrifft griechisch "pan" - alle, und wen es trifft, ist zufällig und meist nicht mehr nachzuvollziehen. Daraus ergibt sich die Pflicht zur gegenseitigen Verantwortung.
Der Gottesknecht geht noch einen Schritt darüber hinaus: Allein will und soll er alles tragen! Das bedeutet für die anderen: Sie sind von der Verantwortung befreit. Sie können unbedrängt nach vorne schauen, die Vergangenheit - was auch immer sich dort verbirgt - ist abgegolten, ist erledigt. Die Herrschaft der Sünde ist vorbei. Wie das geht? Nicht nach unserem Empfinden, nach dem es für alles einen Schuldigen gibt, sondern nach Gottes Wort, der seinen Knecht erhöht und bestätigt. Sein Wort gibt ihm seinen Wert. Sein Urteil ist für ihn ungerecht, für uns aber gerecht, weil es uns Gerechtigkeit zuspricht.
Und er, der Gottesknecht, akzeptiert das Urteil. "Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird" - unwillkürlich denkt man an das "Christe, du Lamm Gottes". Christen haben im Gottesknecht immer eine Vorschau auf Jesus gesehen. Was als Einzelheiten genannt wird - dass der Gottesknecht bereits gestorben ist - wird als Prophetie verstanden. Aber dies ist nicht die einzig mögliche Sichtweise. Der Jesaja-Text ist ja Teil der hebräischen Bibel, der heiligen Schrift der Juden. Sie haben ihr eigenes Verständnis entwickelt, und Christen vergangener Zeiten haben leider großen Anteil daran. Sie sehen im Gottesknecht das Bild der immer wieder verfolgten, ausgegrenzten, mit Hass überzogenen jüdischen Gemeinschaft. Rabbi Schlomo Izchaki, genannt Rashi, hat dies im 11. Jahrhundert angesichts der Pogrome der Kreuzfahrer im Rheinland zuerst formuliert. Sie tragen - stellvertretend für die Völker - Leiden vor, mit und an Gott, sie sind ins Zentrum der Erwählung und Erlösung gestellt. Sie empfinden, dass Christen ihnen auch noch "ihren" Gottesknecht allein für sich beanspruchen und gleichzeitig, indem antisemitischen Einstellungen ungebrochen in Theologie, Kirche und Gesellschaft weitergegeben werden, auch noch die Leiden des kollektiven Gottesknechts, im Volk Israel verkörpert, verlängern. Zumindest hier ist Innehalten und Umkehr möglich. Der Gottesknecht "gehört" niemanden, seine Gestalt will aufrütteln, will irritieren, dass wir nicht dem Augenschein, dem ersten Urteil trauen, sondern dem Wort und Urteil Gottes über ihn: "Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht".