Gottesdienst am 2. Mai 2021 – Sonntag Kantate

Epistel: Kolosser 3,12-17

 

12 Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; 13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. 15 Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. 17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

 

Evangelium, gleichzeitig Predigttext: Lukas 19,37-40

 

37 Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen:
Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Liebe Gemeinde!

 

Eine winzige Momentaufnahme ist unser heutiger Predigttext. Der Moment, als Jesus den Ölberg hinabreitet, auf einem Esel, der gerade erst ausgeliehen worden war. Der Moment, an dem eine große Reise sich ihrem Ziel nähert, der Stadt Jerusalem. Der Evangelist Lukas hat in sein Evangelium einen „Reisebericht“ eingefügt, der, von den Leidensankündigungen gerahmt, sich über 10 Kapitel erstreckt, von Kapitel 9,51 bis hierher. Jesus wird in Jerusalem ankommen, aber anders, als von seinen jubelnden Anhängern erwartet. Im Moment aber wird festgehalten, wie er bei der Menge seiner Jünger und Jüngerinnen ankommt, die mit ihm ziehen. Eine freudige, erwartungsvolle, ausgelassene Stimmung kann man sich vorstellen, in der sie laut rufen oder singen. Sie wollen, dass ihre Begeisterung auf die Zuschauenden überspringt, sie mitreißt in den Strom der Jesus-Bewegung. Man kann sich vorstellen, wie sie ihren Herrn als Held feierten. Wir kennen die Gesänge der Sportfans, rauh und laut, nicht immer dichterische Meisterwerke: O-a-he oder Ole-ole-ole, die Anfeuerungsrufe enthemmter Massen, auch wenn es in den Sportarenen gerade still geworden ist. Glücklicherweise ist die Aussage positiv, keine Schmähgesänge, sondern Lob: Gelobt sei, gepriesen sei … . Ganz bewusst wird Gutes über einen Menschen gesagt. Wie viel leichter ist es, Kritik zu üben, über jemanden herzuziehen, mit einem „Ja, aber“ das Lob wieder zunichte zu machen. War der Text eine spontane Eingebung, oder hatte man den Jubel zuvor sorgsam eingeübt? Können wir uns vorstellen, mitten z.B. in einem Gottesdienst in spontanen Jubel auszubrechen, oder muss alles zuvor genau geplant und vorbereitet sein, wie es für die großen Werke der Kirchenmusik natürlich nötig ist? Die Textvorlage kommt jedenfalls aus dem Alten Testament. Im Psalm 118 heißt es: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN“, ein Danklied ganz Israels für Errettung und Beistand Gottes. Erlösung liegt in der Luft, rauschhafte Begeisterung. In Gottes Namen soll Bewegung in die Verhältnisse kommen, aus kleinen Anfängen Großes entstehen. Nicht zufällig klingt der zweite Satz wie Weihnachten: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe.“ Bei Lukas fehlt das „Hosianna“, was übersetzt heißt: „Herr, hilf uns!“ - der Ruf nach dem Heiland der Mühseligen und Beladenen. Dafür hat er den kommenden „König“ eingefügt, eine durchaus politische Anspielung. Bis in die Ostergeschichte von den Emmausjüngern weiß der Evangelist um die durchaus handfesten, irdischen Erwartungen seiner Anhänger: „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde.“ „König“ - das klang nach Überhöhung dieses Wanderpredigers aus Galiläa, das roch nach Aufruhr gegen alle, die einen Zipfel der Macht in der Hand hatten.

Nun kommen die Pharisäer dazuwischen: „Jesus, weise deine Jünger zurecht“. Wir wissen nicht, warum sie meinten, die Spaßbremse spielen zu müssen. Irgend etwas ging ihnen zu weit, war zu bedrohlich, zu befremdlich in ihren Augen. Waren es politische Rücksichten, die römische Macht nicht herauszufordern, dass sie Aufsehen vermeiden wollten? Schließlich standen zu den großen Festen immer schon Soldaten bereit, um jede Unruhe im Keim zu ersticken. War es die Person Jesu, an der sie Anstoß nahmen, waren es die lauten, begeisterten Massen, die ihm folgten? Wir wissen heute, wie widersprüchlich sich Massen von Menschen verhalten können, je nachdem, welchen Ideen sie folgen: Jubel für den totalen Krieg, der gewalttätige Sturm aufs Kapitol und die rechtslastigen Kundgebungen unserer Tage – die großen Demonstrationen in der DDR, dem arabischen Frühling, den Protesten in Weißrussland, in Hongkong, wo die Menschen Freiheit einforderten. Und selbst bei religiösen Festen können Begeisterung und Katastrophe nahe beieinanderliegen, wie bei den tragischen Vorfällen in Israel geschehen, oder bekanntlich bei Jesus in seinen letzten Tagen in Jerusalem. Wollten die Pharisäer mit ihren Einwänden nur die Begeisterung dämpfen, die unvermeidliche Desillusionierung schon einleiten? Oder hatten sie grundsätzliche Bedenken, dass sich hier eine Art Abkürzung zum Heil auftat, der mühsame, strenge Gesetzesgehorsam von einer Welle von leichtsinniger Verantwortungslosigkeit überrollt wird? Oder waren sie, wie auch heute so viele, einfach nur unverbesserliche Nörgler, Kritiker und Bedenkenträger? Jedenfalls stellen auch sie die führende Rolle Jesu nicht in Frage. Wenn jemand die Bewegung noch unter Kontrolle halten kann, dann er – so auch ihre Logik. Er muss sagen, wo die Grenze ist. Aber dieser Logik folgt Jesus nicht. Seine Antwort ist ein Rätsel: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine reden.“ Seine Botschaft ist in der Welt – so verstehe ich diesen Satz – und sie wird es auch bleiben, selbst wenn die Jüngerinnen und Jünger verstummen sollten. Tun sie dies von allein, aus Scheu oder Ermüdung, oder tun sie es, weil sie bedroht und eingeschüchtert oder sogar verfolgt sind? Die Antwort geht eher in die zweite Richtung. Es gibt eine Stelle beim Propheten Habakuk, die möglicherweise einen Hinweis gibt. Es geht um den Fall, dass jemand sich ungerecht, gewalttätig und auf Kosten anderer bereichert hat, und sich daraufhin so zurückgezogen hat, dass Wut und Empörung ihn nicht mehr erreichen. Ihm wird vorgehalten: „Denn auch die Steine in der Mauer werden schreien, und die Sparren am Gebälk werden ihnen antworten.“ So wie bei Kain und Abel findet auch hier Gott schöpferische Wege, geschehenes Unrecht nicht einfach stehen zu lassen. So ist dann auch das Kreuz als Ausrufezeichen zu verstehen: Wenn es uns nicht mehr gelingen sollte, darüber zu sprechen, unserem Glauben Ausdruck zu geben, dann wird es für sich selbst sprechen, wie Gottes Gerechtigkeit wirksam wird, dann wird der Stein, der das Grab verschlossen hatte, die Botschaft vom Leben in die Welt tragen, dann werden Lob und Dank immer wieder die Angst und Hoffnungslosigkeit überstrahlen. Auch jetzt und hier, wo laute Töne und musikalischer Jubel – sicherlich in nachvollziehbarer Weise – eingeschränkt bleiben müssen.