Gottesdienst am 20. Juni 2021 – Dritter Sonntag nach Trinitatis

Epistel: 1. Timotheus 1,12-17

 

12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, 13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. 14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.

15 Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen,
die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. 16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. 17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

 

Evangelium: Lukas 15,1-3.11b-32

 

1 Es nahten sich Jesus alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

 

11 Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14 Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

 

Predigttext: Lukas 15,1-10

 

1 Es nahten sich Jesus alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? 5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

 

8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. 10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Es könnte ja sein, dass unordentliche Menschen religiöser sind. Während der eine einfach die richtige Schublade herauszieht und das Gesuchte in der Hand hat, beginnt der andere mit: „Mein Gott, wo habe ich das bloß?“, und wenn es nach längerem Suchen endlich zum Vorschein kommt, spricht er vielleicht noch: „Gott sei Dank, das ist es ja endlich!“ Der Überblick über die eigenen Habseligkeiten – von denen wir im Vergleich zu biblischen Zeiten eine unglaubliche Menge unser eigen nennen – bestimmt zu einem guten Teil, wie wir uns in der Welt zurechtfinden.

 

Nun ist es aber wohl nicht die Schuld des Hirten, dass sich ein Schaf von der Herde davonmacht. Schafe sind Herdentiere, normalerweise bleiben sie beieinander, auch weil die Gruppe Schutz und Geborgenheit bietet. Aufgabe des Hirten ist es, den Schafen ausreichend Nahrung zu bieten, sich um kranke und geschwächte Tiere zu kümmern, und eben aufzupassen, dass keines verloren geht. Ganz klar ist, dass Jesus den Hirten im Gleichnis ohne Einschränkungen als rundum vorbildlich beschreibt: „Welcher Mensch ist unter euch...“ - wer dem Verlorenen nicht nachgeht, der hat offensichtlich einen wesentlichen Teil seines Menschseins verpasst. Jeder würde doch so handeln, oder? Dabei würden uns sofort die Einwände einfallen: Was ist mit den anderen 99 Schafen? Ist das denn zu verantworten, dass der Hirte seine volle Aufmerksamkeit dem einen, dem einen Prozent der Herde widmet? Solche so scheinbar vernünftigen Gegenargumente lassen Jesus kalt. Lassen wir um Gottes Willen niemand zurück – das ist die Botschaft, die die Kritiker Jesu auch schon im Alten Testament hätten nachlesen können, beim Propheten Ezechiel (34,15-16): „Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.“ Wer diesen Worten folgt, wird sich der Verantwortung für den Mitmenschen stellen, sich dem Wohlergehen aller verpflichtet fühlen, wird Stärken und Schwächen ausgleichen wollen – das ist alles keine Kleinigkeit. Aber am Ende steht nicht die Last, sondern die Lust, die Freude am wieder gefundenen Schaf, die Mitfreude der Kollegen und Nachbarn. Die Sorgen sind weggeblasen, die Herde wieder komplett, alles zum Guten gewendet. Und so ist die Geschichte – trotz aller kritischen Einwände, zuallererst Evangelium, gute Botschaft, gerade für die, die drohen verloren zu gehen. Und dieser Gesichtspunkt ist am Ende einer langen Corona-Phase besonders wichtig: dass die herben Einschränkungen und Verlust niemand dauerhaft zurücklassen, die Schüler mit Lücken im Lernstoff, die Künstler und Kulturschaffenden, die vom Lockdown an Ihrer Arbeitsstelle getroffenen. Die Botschaft wäre: Kümmert euch! Und ich weiß auch, dass dies leichter gesagt als getan ist.

Das Wiederfinden bestimmt auch das zweite Gleichnis, von der verlorenen Drachme. Während der Hirte wahrscheinlich von einem Mann erzählt – jedoch war auch Rachel in der Jakobsgeschichte mit der Herde ihres Vaters unterwegs – taucht diese zweite Erzählung in die Lebenswelt einer Frau ein, was Jesus offensichtlich keine Mühe macht. In ihrem Haus bewahrt sie zehn Drachmen auf, jede ungefähr so viel wert, dass man einen oder auch zwei Tage davon leben kann. Die scheinen ihre ganzen Ersparnisse, das ganze Vermögen zu sein. Diesen sehr überschaubare Reichtum hat sie mühsam verdient, sich damit einen kleinen Vorsprung erarbeitet, bevor sie ganz von der Hand in den Mund leben muss. Und nun fehlt eine dieser zehn Münzen, nicht ein, sondern ganze zehn Prozent! Und auch hier wieder die Frage Jesu an die Zuhörer – anscheinend mit ähnlichen Situationen bestens vertraut: „Welche Frau“ … würde nicht tun, was sie tat, nämlich sich gründlich und hartnäckig auf die Suche machen, den staubigen Lehmboden durchkämmen, mit dem Licht in die finstersten Winkel leuchten? Und das wieder mit Erfolg! Das ist, wie wir wissen, gar nicht selbstverständlich. Aber auch hier sind unsere Einwände nicht angebracht. Die Münze wird gefunden, und das muss gefeiert werden. Ein Fest der Frauen, Freundinnen und Nachbarinnen feiern das Wiedergefundene. Wie ein Lauffeuer muss sich die Nachricht verbreitet haben, und die Mitfreude macht den scheinbar so kleinen Anlass ganz groß. Und erst von der Freude her erschließt sich die angefügte Deutung des Gleichnisses: Auch wenn vom Sünder die Rede ist, steht doch die Sünde nicht zur Debatte: Man könnte dem Schaf noch unterstellen, es hätte wie ein Sünder absichtlich und eigenmächtig seinen Weg verlassen, ist dies bei der Münze ganz unmöglich: Wie sollte ein Geldstück sündigen? So wid klar: Es geht nicht um individuelle Sünde, sondern um das Wieder-Zusammenkommen mit den anderen, um die Vollzähligkeit, darum, dass bei Gott nichts und niemand verloren geht. Es hat sich wieder eingefunden – das Ergebnis zählt, nicht der manchmal mühsame Weg dorthin. Darin liegt der Grund der Freude, auf sie weist Jesus hin, der im Weihnachtsevangelium von den Hirten gefunden wurde, und von dem aus bis heute die Botschaft der Engel ausstrahlt: „Siehe, ich verkündige euch große Freude“.