Gottesdienst am 20. September 2020 – 15. Sonntag nach Trinitatis

Epistel: 1. Petrus 5,5b-11

5b Alle miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9

Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.

 

Evangelium: Mt 6,25-34

25 Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

27 Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

 

Predigttext: 1. Mose 2,4b-9.15

4b Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

 

Liebe Gemeinde!

Woher kommen wir Menschen? Von den Eltern gezeugt, aus dem Bauch der Mutter, wir alle. Nur bei Adam, das bedeutet hebräisch „Mensch“, war das anders. Die Kette von Zeugung, Geburt und Tod führt in der Bibel zu einem ersten Ursprung, einem von Gott geschaffenen Menschen. Die Spur führt ins Paradies.

„Schöne Geschichte“ – würden kritische Geister wie meine Schüler oder die Konfirmanden, die diese Woche beginnen, wahrscheinlich sagen - „aber das ist doch gar nicht wahr. Wir stammen doch vom Affen ab, oder affenähnlichen Wesen mit unaussprechlichen Namen wie dem Australopiticus, die über Jahrtausende den aufrechten Gang übten und ein immer schwereres Gehirn entwickelten, bis hin zu uns, dem Homo Sapiens. Das heißt aber nicht, dass die andere Geschichte verkehrt ist. Indem sie vom ersten Menschen erzählt, spricht sie eigentlich von uns allen, wie unser Menschsein im Bezug auf Gott zu verstehen ist.

In diesem zweiten Schöpfungsbericht – nach der Schöpfung der Welt in sieben Tagen im vorangehenden Kapitel – geht es irdischer, handfester zu. Die Schöpfung ist hier noch nicht zuende gebracht, als der Mensch, d.h. Adam geschaffen wurde. Dürr, ohne Sträucher und Pflanzen, als Halbwüste muss man sich die Erde vorstellen. Was fehlt, ist Wasser. Es hat noch nicht geregnet. Was das heißt, wird auch bei uns in unserem „gemäßigten“ Klima von Sommer zu Sommer zunehmend spürbar. „.. kein Mensch war da, der das Land bebaute.“

Der Adam der Bibel ist Bauer, nicht Jäger und Sammler, nicht Herrscher von Gottes Gnaden, und sicher kein Faulenzer. Die sogenannte neolithische, d.h. jungsteinzeitliche Revolution, die Entdeckung des Ackerbaus, der die feste Ansiedlung größerer Menschengruppen ermöglicht, lag noch nicht lange zurück. Der Übergang war nicht einfach. Die Arbeit war hart, die Menschen waren schlechter ernährt, die Lebenserwartung sank zunächst. Es ist die Welt der Bauern und halbnomadischen Viehzüchter, in die der Mensch gestellt ist. Gott formt ihn aus Material, das im Überfluss vorhanden ist: Lehm vom Acker, mit Wasser angerührt, nichts anderes, als was Töpfer bis heute verwenden. Selbst Designstudien, z.B. für Autokarosserien, wurden bis vor kurzen, bis zur Digitalisierung der Konstruktionsarbeit, aus Lehm modelliert. Und so formt Gott den Prototyp „Mensch“, Urbild der sechs oder sieben Milliarden, die heute die Erde bevölkern.

Nur: dem Lehmklumpen fehlt noch das Leben. Das ist das größte Geheimnis in der Geschichte, bis heute. Wie entsteht Leben? Wir kennen die Grundbausteine, die Genetik. Und doch können wir kein Leben schaffen, nur das Gegenteil, es auslöschen. Der Hauch Gottes erschafft, dass Atem und Herz sich regen, dass der Mensch sich aufrichtet, dass er wahrnimmt und versteht: Ich bin! Alles in einem Atemzug – jetzt ist er da, der Mensch. Wie auch immer wir uns unterscheiden mögen, wir alle haben Anteil an dem einzigartigen Geschenk des Lebens. Es entsteht, von Gott getrennt, ein eigenständiges Wesen, das im Denken, Fühlen und Handeln eigene Wege gehen kann und wird. Es nutzt seine Freiheit und wird damit jede Menge Ärger bereiten.

Aber dieser Mensch ist noch umgeben von viel zu viel „noch nicht“, und Gott sorgt dafür, dass es nicht so bleibt. Der Mensch braucht eine vielgestaltige Umwelt, um überleben zu können, selbst in unserer technisierten Welt leben wir immer in und von der Natur. Diese Erde ist unsere einzige Heimat. Und um das zu bleiben, braucht sie Sorgfalt und Pflege im Umgang. Was wir als reibungsloses Zusammenspiel der Natur betrachten, ist in Wirklichkeit ein hochkomplexes ökologische System, das vielfach noch gar nicht verstanden ist – was uns nicht hindert, massiv darin einzugreifen.

Ein Beispiel soll das verdeutlichen: In den 1990er Jahren wollte ein US-Milliardär zu Forschungszwecken irdische Lebensräume nachbauen. Wenn man einen fremden Planeten besiedeln wollte, müsste man ja auch die irdischen Lebensgrundlagen mitbringen und die ökologischen Kreisläufe in Gang setzten – so ein bisschen wie Gott eine neue Welt schaffen. Es entstanden Gebäude mit Glaskuppeln, von der Außenwelt abgeschnitten, und darin Lebensräume wie Urwald, Savanne, Ozean, und landwirtschaftliche Nutzfläche. Hier sollte bewiesen werden, dass Menschen in sich stabile, sich selbst versorgende Lebenskreisläufe schaffen können. Eine Forschergruppe bezog das Haus, - zwei Jahre konnten sie darin ausharren. Das Ergebnis war: es ist alles viel komplizierter als gedacht! Viele Versuche, Nahrung anzubauen, scheiterten, nur die Süßkartoffel gedieh. Tierarten wie Kakerlaken und kleine gelbe Ameisen, die es auf rätselhafte Weise ins Innere des Gebäudes geschafft hatten, breiteten sich aus. Der Sauerstoffgehalt nahm ab, da die Böden mehr als erwartet davon aufnahmen und ein Teil auch durch den Beton nach draußen gelangte. So musste während des Experiments Sauerstoff von außen zugeführt werden, bis schließlich abgebrochen werden musste, weil der körperliche Zustand der Forscher sich verschlechterte. Auch einer zweiten Forschergruppe, die ein halbes Jahr blieb, erging es nicht besser. Als nächstes wurden die Gebäude zur Klimaforschung genutzt und lieferten wichtige Ergebnisse. Die Anlage wurde schließlich an die Universität von Arizona verschenkt, weil sich keine sinnvolle Nutzung mehr ergab.

All das, was heutige Wissenschaftler technisch erzeugen wollten, gab Gott dem Menschen mit auf den Weg. Zunächst Wasser, Flüsse und Quellen, an deren Ufer sich fruchtbare Felder erstrecken konnten. Noch heute gibt es weltweit Konflikte um Wasserrechte, auch im Nahen Osten. Süß- und Trinkwasser ist ein kostbares Gut, und neben dem CO2-Fußabdruck ist auch das „virtuelle Wasser“ eine Meßzahl, wie es um unsere Umwelt bestellt ist, nämlich die Menge Wasser, die für die Produktion z.B. eines Baumwoll-T-Shirts oder eines Autos erforderlich ist.

Wasser umspült und unterspült in der biblischen Schöpfungserzählung das fruchtbare Land. Die großen Ströme sind bekannt, aber auch die Bäche und Rinnsale haben ihre Bedeutung. Wasser ist Leben. Und dann pflanzte Gott einen Garten an, nur für den Menschen, den Garten Eden, das Paradies. Obstbäume lieferten leckere und nahrhafte Früchte. Alles Lebensnotwendige war offensichtlich vorhanden. Gottes Fürsorge und Weitsicht hielt den Menschen am Leben und gab ihm reichlich, was er brauchte.

Aber Entscheidendes fehlte dennoch. Allein die Stillung der körperlichen Bedürfnisse reicht nicht. Es fehlt die Beziehung. Das erste ist die Beziehung zu Gott – Gottes Fürsorge zu erkennen, mit der er den Menschen umgibt. Dazu gehört auch, dass Gott eine „Hausordnung“ für das Paradies erlässt: „Von allen Früchten darfst du essen, nur nicht...“ - sie wissen, wie die Geschichte weiterging. Der Mensch hat offensichtlich von Anfang an die Gabe zu verstehen, er hört Gottes Weisung, eingebettet in seine vorausschauende Weisheit und Güte, die er täglich erfährt. Mit den Tieren kommt eine weitere Beziehung hinzu. Gott spürt, dass der Mensch ein Gegenüber braucht, und erschafft die Tiere, ebenfalls mit dem Lebensatem beschenkt. Der Mensch erkennt und benennt sie, aber „die Hilfe, die um ihn wäre“, sind sie nicht. So erschafft nun Gott den zweiten Menschen, sie unterscheiden sich jetzt als Mann und Frau. Und das erste Mal lobt nun der Mensch Gott: „Diese ist nun Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch“. Dieses Lob Gottes strahlt von nun an aus in alle unsere menschlichen Beziehungen – und seien sie auch manchmal schwierig. Und zuletzt bleibt der Mensch immer auch der Ackererde verbunden. Adamah heißt sie auf Hebräisch, der Mensch Adam ist also ein „Erdling“. Aus Erde ist er gemacht, zur Erde kehrt er zurück, und die Erde soll er bebauen und bewahren. Alle vier Beziehungs-Dimensionen gehören zu unserem Menschsein: zu all der lebendigen Natur, zur Ackererde, die Nahrung gibt, zum Mitmenschen und – von Anfang an – zu Gott. Von dort her entfaltet sich Leben und Geschichte der Menschheit, vor dort her stehen wir in seinem Dienst, es seiner Fürsorge gleichzutun und diese Erde in alle ihrem Reichtum zu bewahren.