Gottesdienst am 21. Februar 2021 – Invokavit

Epistel: Hebräer 4,14-16

 

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

 

Evangelium: Matthäus 4,1-11


1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Ps 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

8 Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.

 

Predigttext: Johannes 13,21-30
 

21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? 26 Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.


Liebe Gemeinde!

 

Unfassbar bleibt die Gestalt des Verräters. Judas Iskariot. Einer der zwölf Freunde Jesu, wird ihn an seine Gegner verraten, wird den Lauf der Ereignisse anstoßen, die ihn schließlich ans Kreuz bringen. Es ist eine Situation, die man selbst nicht erleben möchte, von Enttäuschung und Vertrauensbruch, an deren Ende man den Menschen nicht mehr wieder erkennt. „Was ist denn in dich gefahren?“, denkt man, und erkennt mit Schrecken, das dies auch bei einem selbst nicht ausgeschlossen ist. Sich selbst bei einer „Notlüge“ ertappen, um des eigenen Vorteils andere schlechtmachen, seine Meinung wechseln, wenn der Druck wächst – all dies ist zutiefst menschlich. Lüge und Verrat sind Machtmittel, sie stiften Verwirrung, zerstören Vertrauen und den – vielleicht naiven – Glauben an das Gute im Menschen. Es fühlt sich an, wie wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Kann es sein, dass der vertraute Mitmensch einen in Wirklichkeit bespitzelt, dass angebliche Geheiminformationen sich als absurde Verschwörungstheorien entpuppen, dass ein Ehepaar in der Trennung plötzlich das Wesen des einst vertrauten Partners nicht mehr wiedererkennt. Aber auch die Bezeichnung „Verräter“ wirkt wie eine Abstempelung, wie ein Urteil, wo uns doch niemand zum Richter berufen hat. Rechtextreme haben das unselige Wort „Volkverräter“ wieder aus der Versenkung geholt, um alles niederzumachen, was deren Weltbild widerspricht.

Es ist nur zu gut zu verstehen, dass Jesus betrübt und erregt reagiert. Zuvor noch hatte er den Jüngern die Füße gewaschen, ihnen ihre Sendung erläutert, wie sie stellvertretend für ihn wirken sollen – nun kommt die traurige Wahrheit: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.“ Im selben Moment, wie es ausgesprochen ist, stellen sich alle die Frage: Wer ist es?, und mit dieser Frage zerbricht die Gemeinschaft.
Nun dauert diese Ungewissheit nicht lange, denn der Evangelist verfasst sein Evangelium in der Rolle eines allwissenden Erzählers, der den Leser schon viel mehr erkennen und ahnen lässt als die handelnden Personen. Und ebenso wird Jesus als der allwissend Handelnde gezeigt, bei dem nichts dem Zufall überlassen bleibt, der auch sein irdisches Ende souverän herbeiführt. Er benennt den Verräter, und scheinbar furchtlos treibt er ihn an: „Was du tust, das tue bald!“ Wie in einer heiligen Handlung erhält Judas den eingetauchten Bissen, als ob es sein persönliches Abendmahl sei. Liegt darin noch Zuwendung, ist sie sich selbst abgerungen, oder geheuchelt, wie der Judaskuss? Geht es noch um menschliche Beziehungen, oder um den Kampf von göttlichen und widergöttlichen Mächten? Ist der Tod Jesu in diesem Moment schon vorherbestimmt, und lässt sich schon sagen, dass dieses scheinbar größte Unheil letztlich der Erlösung dient?
Bei den Jüngern herrscht Verwirrung. Sie denken noch, es ginge um irgendwelche Geldgeschäfte – und schon beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf – dabei geht es inzwischen um Leben und Tod. Nur einer scheint davon nicht betroffen: Der „Jünger, den Jesus lieb hatte“. Er ist der Jesus Nahe-Liegende, ganz bei seinem Herzen und Ohr. Die Frage, die allen auf der Seele brannte: „Herr, wer ist's?“ wird von Petrus über ihn weitergegeben, weil sonst niemand die direkte Frage wagt. Aber auch die Antwort, das Wissen ändert nichts. Nun sind die anderen Jünger erschreckend passiv. Es scheint ihnen genug, auf den Schrecken hin die Erleichterung zu spüren: „Ich bin es nicht“. Keiner wagt es, sich in die Toten-Stille hinein gegen den Lauf der Ereignisse zu stemmen, den Verräter noch zu stoppen und dem Leiden Einhalt zu gebieten.
In gewisser Weise ist dieser geheimnisvolle Jünger das Gegenteil des Judas. Dieser geht hinaus in die Nacht, er bleibt, er lehnt sich an seine Seite. Er spürt, indem er ihn körperlich berührt, die heftigen Gefühle, aber auch die Sicherheit, die von Jesus ausgeht. Und er folgt ihm, bis unter das Kreuz, bis in das leere Grab, bis zum Erkennen des Auferstandenen am See Genezareth. Sein Name bleibt ungenannt, seine Person im Dunkeln bis auf das eine: dass Jesus ihn liebte. So wird er zum Bild der engsten, innigsten Jüngerschaft. Kein Zufall ist es, dass wenige Verse später die Liebe zum Zeichen und Maßstab der Gemeinschaft erklärt wird: „Ein neues Gebot gebe ich euch, das ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Was nach außen Erkennungszeichen sein soll, wirkt auch nach innen: Wo sich die Liebe ausbreitet, bleibt für das Böse kein Platz.