Gottesdienst am 21. März 2021 – Judika

Epistel: Hebräer 5,7-9

 

7 Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden.

 

 

Evangelium: Markus 10,35-45
 

35 Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gingen zu Jesus und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der
Taufe, mit der ich getauft werde? 39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

 

Predigttext: Hiob 19,19-27


19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

 

Liebe Gemeinde,

 

wer sich mit dem Buch Hiob befasst, braucht einiges an innerer Stabilität. Zu leicht wird man vom Mitgefühl überwältigt, nimmt man Teil an der ungerechten Leidensgeschichte, wird wütend über die endlosen, rechthaberischen Diskussionen mit seinen Freunden, wird irre an dem Gott, der Hiob wie ein Feind erscheint. Die ersten beiden Kapitel beschreiben die Ausgangslage, mit den sprichwörtlichen Hiobsbotschaften, die dem frommen und rechtschaffenen Hiob klarmachen: alles, worauf sein Leben bisher gegründet war, ist dir genommen: Wohlstand, Familie, Gesundheit. Und es stellt sich heraus, dass das ganze eine himmlische Versuchsanordnung ist, eine perfide Wette zwischen Gott und dem Satan, der seinen Platz im Thronrat Gottes hat: Wollen wir mal sehen, ob Hiob sich weiter zu Gott hält, wenn er keinen Vorteil mehr daraus zieht, nein, wenn sein Glaube durch Schicksalsschläge aufs härteste herausgefordert wird.

Nun gibt es Freunde, die zu Hiob kommen, um ihm beizustehen und zunächst still betrauern. Es folgen danach aber dreimal drei Redegänge – als hebräische Poesie kunstvoll gestaltet – in denen man die Freunde als Seelsorger und Welterklärer kläglich versagen sieht: Sie schwingen sich zu Verteidigern Gottes auf, ihnen ist unvorstellbar, dass Hiob vollkommen schuldlos sein Schicksal erleiden muss. Immer wieder fordern sie ihn auf, seine verborgene Schuld einzugestehen, sich vor Gott demütig zu verhalten. Die Gespräche drehen sich im Kreis, die früheren Freunde entfremden sich, denn Hiob weist alle Vorwürfe zurück und beharrt auf seinem Recht gegenüber Gott.

Dies ist die Situation, von der unser Predigttext ausgeht. Er ist allein auf sich gestellt, alle haben sich von ihm abgewandt, sein körperlicher Zustand verursacht Ekel. Die Freunde sind zwar räumlich in der Nähe, aber innerlich weit entfernt. Sie verteidigen eine in sich logische, weisheitlich definierte Ordnung des Lebens: dass man Gutes erhält, wenn man Gutes tut, und umgekehrt schlechte Taten sich in bösen Schicksalsschlägen niederschlagen. Was schon in den Psalmen beklagt wird, dass Gottlose oft ein sorgenfreies Leben zu führen scheinen, während die Frommen zu kämpfen haben, wird bei Hiob noch einmal auf die Spitze getrieben. Es mag sein, dass uns beim Hören und Lesen Menschen einfallen, die in ihrem Leben unvergleichlich hart getroffen wurden und bei denen alle frommen Reden und Erklärungsversuche versagen. Es gibt Leid von Ausmaßen, das jedes Fassungsvermögen übersteigt, und auch die Corona-Pandemie trifft vor allem die am meisten, die es vorher sowieso schon schwer im Leben hatten.
Wie unter einem Brennglas hält Hiob Gott sein Leiden hin. Allein, gesundheitlich am Boden, gemieden auch wegen seines Protestes, bleibt ihm nur die Klage über die als sinnlos und ungerecht empfundenen Einbrüche des Schicksals. Wenn schon die Freunde auf den Aufruf zum Erbarmen nicht eingehen, könnte – so die verwegene Hoffnung – wenigstens Gott darauf reagieren. Ausgerechnet Gott, der ihn wie einen Feind behandelt! Zumindest festhalten möchte es seine Worte, damit sie nicht wie sein Leben im Nichts verschwinden. Eine Inschrift schwebt ihm vor, wie die großen Königsinschriften an Felswänden, damit eine Spur von seinem Leben und Leiden bleibt. Damit sind die menschlichen Möglichkeiten ausgeschöpft.
Nun aber fällt ein Satz, der ganz unerwartet Leben und Hoffnung ausdrückt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ In einer Situation überwältigender Ungewissheit spricht aus ihm plötzlich eine tief im Herzen schlummernde Überzeugung: „Ich weiß“, und dies ist weder aus den Reden der Freunde noch aus seinen bitteren Erfahrungen mit Gott zu erklären. Was hat es mit dem „Löser“, dem „Erlöser“ auf sich? Er handelt weniger aus Barmherzigkeit, vielmehr ist er da, um der Gerechtigkeit willen. Im Buch Rut ist es ein Verwandter, der den ins Land Juda zurückgekehrten Frauen, Rut und Noomi, für ihren Grundbesitz und einer neuen Ehe verhilft, um den Fortbestand der Familie zu sichern. Aus einer rechtlichen Verpflichtung gegenüber seinem ihm zugehörigen Menschen soll auch Gott sich auf die Seite Hiobs stellen, das fordert er von Gott. Er hat ja nur den einen, der sich scheinbar von ihm abgewendet hat, sich ihm entzogen und seine Gerechtigkeit verloren hat. Nun fordert Hiob ihn heraus, sich ihm neu zu zeigen, als der gerechte, der treue, der zugewandte Gott. Sein Protest, darauf besteht er, ist berechtigt, und sein Aufschrei und Hilferuf ebenso.

Im Hiobbuch ist dieser Satz zentral. Es gibt in all den ausufernden Diskussionen keine „Lösung“, keine intellektuelle Bewältigung des ungerechten Leidens. Es gibt den „Löser“, der sich „über den Staub erheben“ wird – den Staub, aus dem wir vergänglichen Menschen gemacht sind, der Staub, in dem Hiob mit seinem geschundenen Körper sitzt. Seine Sehnsucht ist, ihn zu sehen und zwar so, dass es keine Fremdheit, kein Befremden mehr gibt, sondern nur vollkommenes Vertrauen und Verstehen.
Der kühne Gedanke Hiobs hat ihn überlebt. Im christlichen Glauben wurde er aufgegriffen, unsere Kirche in Gerolzhofen danach benannt: „Erlöser“-Kirche. Auch hier schwingen rechtliche Gesichtspunkte noch mit: Sklaven konnten von wohlmeinenden Besitzern erlöst, freigekauft werden, indem Geld in den Tempeln hinterlegt und ihr Name im Stein verewigt wurde. Christus, so wurde die Vorstellung dann auf die Gläubigen übertragen, hat unsere Verstrickung in Schuld gelöst, hat uns davon befreit und in seinem Sterben das Lösegeld bezahlt. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ ist in unser Glaubensbekenntnis eingegangen, und es bleibt nur zu hoffen, dass uns dieser Glaube in den schweren Stunden unseres Lebens die entscheidende Kraft und Zuversicht gibt.