Gottesdienst am 22. August 2021 – 12. Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Apostelgeschichte 9,1-20

Saulus schnaubte mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, dass er Anhänger dieses Weges, Männer und Frauen, wenn er sie fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und ihm die Hände auflegte, dass er wieder sehend werde. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich.

Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.


 

Evangelium: Markus 7,31–37, zugleich Predigttext

Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.


 

Liebe Gemeinde!

Bist du taub?“ so haben wir, mindestens in Gedanken, bestimmt schon einmal jemanden angeschrien. „Hörst du nicht richtig?“… Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass wir zwar ein Kommunikationsproblem haben, aber dass es nicht an den Ohren liegt. Schwerhörige oder Gehörlose erkennt man zunächst nicht. Sie tragen keine Armbinde, haben keinen weißen Stock, sie haben vielleicht ein Hörgerät im Ohr, oft dezent hinten der Haarpracht versteckt. Die Schwierigkeiten in der Kommunikation sind aber deutlich spürbar. Hier in der Kirche hatte ich einmal die Taufe eines Kindes, das nicht hört. Man darf das wörtlich nehmen: es hat selten getan, was seine Mutter von ihm wollte. Es hörte nicht, weil es nicht hören konnte. So folgte es dauernd den eigenen spontanen, aber planlosen Impulsen. Erst nach mehreren Jahren im Integrationskindergarten, intensiver Frühförderung begann es allmählich, seine Umwelt wahrzunehmen, sich auf Zeichen einzulassen und den Entwicklungsrückstand aufzuholen. Damals wie heute haben es Menschen mit Hörproblemen schwer, zu verstehen und sich mitzuteilen. Wer nicht hört, hört auch die eigene Sprache nicht, kann nur vor dem Spiegel üben, Worte zu bilden. Und dazu kommt auch die Ausgrenzung: Viele Leute finden auch die Gebärdensprache merkwürdig. Im Liederheft zum Ökumenischen Kirchentag 2010 war zum ersten Mal ein gebärdensprachliches Lied mit Anleitung abgedruckt, und jedesmal, wenn sieh die Konfirmanden oder Schüler meinten, sich darüber lustig machen zu müssen, dann wurden eben die Gesten solange geübt, bis sie selbst das Lied gestikulieren konnten.

Man kann sich vorstellen, dass auch zu Zeiten Jesu Menschen, die taub und stumm waren, ein Außenseiterdasein führten. Weil sie nicht hörten, galten sie als begriffsstutzig, als zurückgeblieben. Was andere leicht verstanden, musste ihnen langsam und mühsam irgendwie klargemacht werden. So auch dieser eine, der mit Hilfe seiner Begleiter in die Nähe Jesu geriet. Das war keineswegs selbstverständlich, denn Jesus muss hier unerwartet aufgekreuzt sein, jenseits der Grenze jüdischer Mehrheitsbevölkerung, im heidnischen Gebiet. Und so spielt der Glaube in der Geschichte auch keine Rolle, auch weil der Taubstumme überhaupt nicht selbständig handeln konnte. Andere, der Sprache mächtig, übernahmen es für ihn, die Bitte vorzutragen, dass ihm segnend die Hände aufgelegt werden. Damit wird ihm nicht nur der Segen Gottes zugesprochen, sondern auch seine Bedeutung und seine Würde als Person vor aller Augen sichtbar offengelegt.

Was dann geschieht, übertrifft die Erwartungen: Ein Wunder, mit dem Jesus eine Lebenswende herbeiführt. Es geschieht unter vier Augen, ist aber anschließend doch nicht geheim zu halten. Denn Jesus be-handelt ihn, und das recht drastisch. Er stößt die Finger in die Ohren, greift sich mit Händen voll Spucke die Zunge des anderen und blickt zum Himmel. Das ist das, was der Taubstumme wahrzunehmen kann. Und dazu öffnet sich der Mund Jesu: ein Seufzer, der alle Last eines beladenen Lebens enthält, und ein aramäisches Wort: „Hefata“. Damit es nicht als Zauberspruch missverstanden wird, übersetzt es der Evangelist gleich: „Tu dich auf!“ oder „öffne dich!“

Bis hierher könnten wir die Erzählung problemlos mitgehen. Nur, dass die Sinne dem Wort gehorchen, dass Ohren und Zunge frei werden, das können wir nicht. Nur selten erleben wir an uns ein öffnendes Wort. Denn „Hefata“ betrifft nicht nur Ohren und Mund, sondern den ganzen Menschen. Und an dieser Stelle können auch wir wieder mit unseren Erfahrungen mitreden. ‚Wo habe ich Offenheit erleben können, vorbehaltloses Angenommen-Sein, Vertrauen, dass meine innere Not nicht nur zur Sprache kommen kann, sondern im gegenseitigen Vertrauen Heilendes geschieht. Ich denke, dass Jesus auch ein Zeichen für uns setzen wollte, die mit dem Gehör keine Probleme haben. Es gibt auch eine innere Taubheit, eine Gefühllosigkeit, ein Verstopfen der Ohren vor allem, was das Leben verändern würde. „Das will ich gar nicht hören“ – und schon gar nicht darüber reden. Auch so bleibt man taub, ohne Kommunikation auf sich selbst bezogen.

Auch diese Taubheit, die Unzugänglichkeit von uns Menschen kann Jesu Seufzen mitschwingen, das seiner Behandlung vorausgeht. Er stimmt ein in das Seufzen der Kreatur nach Erlösung, das nach Paulus im Römerbrief die ganze Welt erfüllt. Und hier ist einmal, bei einem Menschen, die Last von ihm genommen, ist Heilung geschehen, ein Anbruch des Heils für alle. Da hinein fährt das Gebot, das Geschehene nicht weiter zu sagen. Wer Jesus ist und was er tut, soll nicht schon im heidnischen Ausland deutlich werden, sondern erst vor den Mauern Jerusalems, auf Golgatha im Angesicht seines Todes. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen“. Aber bei den Augen- und Ohrenzeugen ist genauso jetzt die Zunge gelöst, sie können nicht anders als Lob und Dank weiterzusagen. Sie leihen sich ihre Worte bei Jesaja, der schon die Wüste als blühendes Land sieht, und die Erlösten nach Zion wallfahren. Sie holen die Worte der Schöpfungsgeschichte in die Gegenwart, wo Gott jedes Werk mit seinem „Siehe, es war gut“ bestätigt. Nicht die Jünger oder die besonders Bibelfesten beten es vor, das Gotteslob entsteht ganz spontan, aus dem Eindruck heraus.

Und sie wunderten sich über alle Maßen…“ - es ist gar nicht schlecht, wenn dieser Satz am Ende steht. Denn immer wieder gibt es Gelegenheit, sich zu wundern, was z.B. gehörlose Menschen inzwischen erreichen können, zum Beispiel Tänzerin, Architektin, Percussionistin, und wie sie ihre eigene Kultur mit ganz viel Zusammenhalt entwickeln, auch in der Kirche. Auf Gastfreundschaft wird sehr viel Wert gelegt, auf gemeinsames Essen und Feiern. Ich habe es selbst erlebt, als meine damalige Gemeinde im Allgäu bei der Gehörlosengemeinde Nürnberg eingeladen war. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch das gebärdensprachliche Lied erklärt bekommen, und sind so in der Verständigung einen Schritt auf sie zugegangen. Genauso wichtig ist es, dass sich Gehör verschaffen, in der Kirche und in der Gesellschaft. In der Kirche können wir anfangen, es zu üben: Dass sie ein Ort des Zuhörens wird, dass ein offener Geist herrscht und offene Worte gesprochen werden können, wie Jesus sagte: "Hefata" – tu dich auf, Mensch!