Gottesdienst am 23. Mai 2021 – Pfingstsonntag

Epistel: Apostelgeschichte 2,1-8.12-17

 

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?

 

12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch.«


Evangelium: Johannes 14,15-19.23b-27

15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. 19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. …
23b Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. 24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

25 Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. 26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

27 Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Predigttext: 1. Korinther 12,4-11

 

4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. 5 Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. 6 Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. 7 Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.

8 Dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben; dem andern ein Wort der Erkenntnis durch denselben Geist; 9 einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; 10 einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. 11 Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will.


 

Liebe Gemeinde!

 

„Eins und doch verschieden“ – das ist die Frage, mit der Paulus sich gegenüber der Gemeinde in Korinth abmüht. Eine Frage, die nicht nur die Kirche betrifft. Unter uns gibt es sehr viele verschiedene Meinungen, verschiedenste Lebensentwürfe, und unter dem Stichwort „Diversität“ bemüht man sich, dies auch in der Sprache abzubilden. In gewisser Weise lebt unsere ganze Konsumgesellschaft davon, dass wir uns untereinander unterscheiden wollen und diese Unterschiede nach außen deutlich sichtbar machen. Unsere Gesellschaft, so scheint es, löst sich auf ins Individuelle, in viele kleine Gesellschaften, Filterblasen, Parallelgesellschaften, Interessengruppen, die untereinander konkurrieren, um Aufmerksamkeit und Deutungshoheit. Was verbindet? Unser Grundgesetz wird heute 75 Jahre alt, es hat sich als Rahmen bewährt und auch bewähren müssen – immer wieder vom Bundesverfassungsgericht auf die neuen Herausforderungen hin weitergedacht. Trotzdem stehen wir mitten in ernsten Konflikten: Einzelne beharren lautstark auf ihren Grundrechten, auch da, wo um der Gesamtheit willen aus Vernunft ein wenig Rückzug und Zurückhaltung – und auch nur zeitlich begrenzt – angebracht erscheint. Andere stören sich an der Vielfalt, und wollen eine Einheit dadurch herstellen, dass sie eine gedachte Einheitlichkeit des deutschen Volkes proklamieren und alle anderen ... so genau wird das nicht gesagt, will man sie vertreiben oder zu Menschen zweiter Klasse machen? Jedenfalls so lässt sich das Problem nicht lösen.

 

Vielleicht war das schon zu viel Politik. Aber ich denke, wir können an dieser Stelle von Paulus etwas lernen, für die Kirche und für unser staatliches Zusammenleben. Zurück also nach Korinth. In dieser kaum ein paar Jahre alten Gemeinde war für Vielfalt reichlich gesorgt. Viele Ärmere, darunter sicher viele Sklaven, einige Reiche, die ihre Häuser zur Verfügung stellten, Christinnen und Christen, die sich auf Paulus beriefen, andere die Apollos folgten, und andere wiederum waren Christusanhänger – man kann sich vorstellen, dass es manchmal hoch herging. Aus Glaubens- werden schnell Machtfragen, eine mit knapper Mehrheit – oder auch nur von einer einflussreichen Minderheit – getroffene Entscheidung hinterlässt Sieger und Besiegte. Dann waren manche eben noch nicht ganz von der heidnischen Religion innerlich gelöst, während andere ihre große Freiheit demonstrierten.

Paulus nimmt die Fragestellung auf: „eins und doch verschieden – verschieden und doch eins“: Der erste Blick fällt auf die Verschiedenheit, in den Gaben, den Ämtern, den Kräften, so übersetzt es Luther. Es klingt, als würde schon eine festgefügte Kirchenorganisation bestehen. Wörtlich würde es etwa heißen: geschenkte Begabungen – Tatkräfte – Arbeitsaufgaben. Und damit man nicht gleich wieder ins Bewerten und Vergleichen kommt, werden sie auf ein und denselben Geist, Herrn und Gott zurückgeführt. Er ist der Ursprung der Vielheit, er hat unsere Fähigkeiten und Aufgaben unterschiedlich gestaltet. Nicht jeder oder jede kann dasselbe, aber alles, was wir können, Tatkraft und Willen, kommt von dem einen, schöpferischen Gott, hier schon in dreifacher Gestalt gedacht. Und oft genug, denke ich, fordert er uns heraus, unsere Komfortzone zu verlassen, seine gefühlten Grenzen hinter sich zu lassen, sich auf Neuland zu begeben.

Und darum ermutigt Paulus auch, die Streitigkeiten hinter sich zu lassen und in der Verschiedenheit einen Reichtum, eine Fülle zu sehen. Schon in den ersten Sätzen des Briefes stellt er fest, dass sie durch Christus „in allen Stücken reich gemacht“ sind, „in aller Lehre und Erkenntnis.“ Er entfaltet dies nun in neun unterschiedlichen Begabungen, die er wohl alle in der Gemeinde von Korinth fand, eine Fülle die einen fast schwindelig macht: Weisheitsrede und Erkenntnis, Glaube, die Gabe, gesund zu machen, die Kraft, Wunder zu tun, prophetische Rede und Unterscheidung der Geister, Zungenrede und die Gabe, sie auszulegen. Je länger die Aufzählung, um so nachdenklicher wird man? Wie viel von solch geistlicher Begabung ist wohl bei uns zu finden? Sind unsere Beratungen z.B. im Kirchenvorstand viel mehr sachlich orientiert: Was für Veranstaltungen planen wir, wer macht was, und reicht das Geld? Große Ideen und Höhenflüge enden da leicht im Klein-klein des Alltags. Und gerade deswegen brauchen wir solche Texte, die uns herausfordern, zum einen, genauer hinzusehen: gibt es diese Begabungen, nur wurden sie bisher übersehen? Und, zum zweiten, sind diese biblischen Begabungen nicht ein Ansporn, von uns nicht zu klein zu denken. Meist denkt man ja, was man ist und was man tut, sei eigentlich gar nichts Besonderes. Es braucht Gelegenheiten, unsere verborgenen Schätze ans Licht zu heben. Bei einem Glaubenskurs gehört z.B. eine Gabenrunde, etwa in der Mitte der zehn bis zwölf Abende, dazu: Für jeden Teilnehmer gilt es, zu formulieren und öffentlich auszusprechen: „Wo bist du mir zur Gabe geworden?“ Das stärkt die Gemeinschaft und gleichzeitig jeden einzelnen, und diese Stärkung haben wir alle nötig: Nicht in Konkurrenz zueinander zu treten, sondern seine Aufgaben erfüllen und seine Begabungen einbringen „zum Nutzen aller“. Darin – in jedem von uns! – „offenbart sich der Geist“. Gerade indem sich die Vielfalt und Verschiedenheit entfaltet, bewirkt der Geist Tatkraft, Handlungsfähigkeit und Einheit. Verschieden sein und eins sein sind kein Widerspruch, sondern bestärken sich gegenseitig, geben der Gemeinde Kraft und Ausstrahlung. Christliche Einheit, die heilige, christliche Kirche, ist nicht Einheitlichkeit, sondern immer ein spannungsvolles Miteinander. Und so ist es in der Ökumene auch nicht das Ziel eine Einheitskirche zu schaffen, sondern zu gegenseitiger Anerkennung als „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ zu gelangen und die jeweiligen Traditionen als Bereicherung zu sehen. Und nicht zuletzt – trauen wir dem Heiligen Geist zu, dass er uns überraschen kann: dass er auf wundersame Weise Verständigung schafft, dass er Geordnetes durcheinanderwirbelt. Immer wieder schafft er neue Situationen, in denen die traditionellen Antworten nicht genügen, in denen der Glaube sich neu bewähren muss und kann – denn Gottes Geist öffnet dafür den Raum, gibt die nötige Kraft und sucht sich unsere Begabungen.