Gottesdienst am 24. Januar 2021 – Dritter Sonntag nach Epiphanias

Epistel: Römer 1,13-17:

13 Ich will euch aber nicht verschweigen, Brüder und Schwestern, dass ich mir oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen – wurde aber bisher gehindert –, damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden. 14 Griechen und Nichtgriechen, Weisen und Nichtweisen bin ich es schuldig; 15 darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen. 16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. 17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

 

Evangelium: Matthäus 8,5-13

5 Als Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn 6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. 7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. 8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. 9 Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.

10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! 11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. 13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

 

Predigttext: Rut 1,1-19a

1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. 3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4 Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

 

6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9 Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, 13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen. 14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. 15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. 16 Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.


 

Liebe Gemeinde!

Dies ist erst der Anfang einer langen Geschichte, nicht einmal das erste der vier Kapitel dieser wunderbaren Erzählung. Wollte ich sie ganz erzählen, würde ich viel zu viel weglassen oder verkürzen. Also nur der Anfang: Ein trauriger Anfang, eine Geschichte auf Leben und Tod. Eine Hungersnot bedroht die Menschen, es gibt nur einen Ausweg: Auswandern. So haben es 2 Millionen Iren getan, als die große Hungersnot ab 1845 wütete, und Amerika hat sie aufgenommen, während 6 Millionen starben. Hier ist es das östliche Nachbarland Moab, das sie aufnahm, und sie waren vermutlich nicht die einzigen. An derselben Stelle befinden sich heute die großen Flüchtlingscamps in Jordanien. Als Fremde lassen sie sich nieder – der Ort bleibt ungenannt –, die Söhne heiraten einheimische Frauen, Rut und Orpa. Alles hätte einen guten Ausgang nehmen können, durch kurz nacheinander sterben die drei Männer. Man hätte es ahnen können, denn neben dem schönen israelitischen Namen Elimelech (Gott ist König) stehen die Söhne Machlon und Kilion, Krankheit und Schwindsucht. Und im Unglück gefangen sind nun die drei Frauen. Nicht nur, dass sie innerlich mit dem Tod ihrer Partner zurecht kommen müssen, auch ihre gesellschaftliche Stellung ändert sich dramatisch. Männer führten das Wort, bestimmten die Moralvorstellungen und das Recht, besaßen das Land. Eine Frau für sich allein lebend, war nicht vorgesehen, sie konnte allenfalls – das als Verlassene, vom Schicksal Getroffene – zu ihrer Familie zurückgehen. Eine andere Möglichkeit bestand nur theoretisch: Hätte Noomi noch weitere Söhne gehabt, hätten diese an die Stelle der verstorbenen treten können. Diese gab es aber nicht, und nochmal schwanger werden und sie großziehen konnte sie nicht mehr. Um nicht in der Fremde zu stranden, beschließt Noomi, in ihre Herkunftsstadt zurückzukehren, denn – und da tut sich doch ein Hoffnungsschimmer auf –, „sie hatte erfahren, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte“. „Haus des Brotes“ hieß dieser Sehnsuchtsort, Bethlehem. Auch solche in der Fremde heimatlosen Frauen gibt es heute. Bei einem Besuch in Istanbul wurde uns davon erzählt: Deutsche Frauen, die einen türkischen Mann geheiratet haben, in seine Heimat gezogen sind und oft auch ihren deutschen Pass abgegeben haben – wenn dann die Ehe scheitert oder der Mann stirbt, stehen sie vor dem Nichts. Der Rückweg nach Deutschland ist ihnen verwehrt, Sozialleistungen sind minimal. Viele suchen dann Trost und Heimat in der deutschen evangelischen Gemeinde.

Es tut weh, sich einzugestehen, dass ein Lebensentwurf gescheitert ist, und dass der unumkehrbare Lauf der Zeit den Raum des noch Möglichen stetig schrumpfen lässt. Man kann darüber hart und verbittert werden, und Noomi geschieht dieses auch. Aber es gibt doch einen Schlüsselsatz: „ Da machte sie sich auf...“ Nicht das Schicksal ergeben hinnehmen, sondern den Weg aktiv gestalten – dafür entscheidet sich Noomi. Es ist kein Aufbruch auf göttliche Weisung hin, wie bei Abraham, sondern auf eigenes Risiko. Immerhin ist ihr das Ziel bekannt, wenn sie auch dort unter ganz anderen Bedingungen leben würde, als Witwe auf männliche Interessenvertreter angewiesen. Das ist für die beiden jungen Frauen anders: Sie kommen als Fremde, auch mit einem anderen religiösen Hintergrund, ohne verwandtschaftlichen Rückhalt, ihr Schicksal ist ungewiss. Und eine Entscheidung ist notwendig. Trennen sie sich oder gehen sie zusammen, gehen sie auf „Nummer sicher“ zurück zu den Familien, wie es Noomi ihnen nahelegt, oder wagen sie den Neuanfang in der Fremde? Es ist eine Situation, für die es keine Normen und keine Vorbilder gibt, die Frauen begegnen sich auf Augenhöhe, sie können und müssen selbständig und frei entscheiden. Orpa entscheidet sich für die die Rückkehr, Rut aber hängt an ihrer Schwiegermutter und will ihr unbedingt folgen. Auch hier hätten die Namen schon ahnen lassen, was geschieht: Bei Rut klingt „satt machen“ oder „Freundin“ mit, während Orpa „die den Nacken zeigt, sich abwendet“ bedeutet, und Noomi „meine Wonne“ oder „liebevoll ist Gott“. Was nun die Geschichte so besonders macht, ist, dass die Frauen hier so stark zu Wort kommen, klar Richtung und Ziel äußern, sich ihre Verbundenheit versprechen – beinahe wie bei einer Ehe. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen“, das bewusste, freimütige Versprechen trägt auch über die vielen Hindernisse hinweg, die sie bei der Rückkehr erwarten. Hier werden die Unterschiede nicht kleingeredet, sondern bewusst angenommen und überbrückt, bis hin zu „dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ Die Verschiedenheit trennt nicht, weil die leidvollen Erfahrungen und die große Hoffnung die beiden Frauen verbinden. Jede wird für die andere einstehen, Freude und Schmerz werden sie miteinander teilen. Zusammen sind sie stärker als jede für sich. Mittellos und ohne irgendwelche Rechtsansprüche werden sie ihre neue, fremde Heimat betreten, aber eben unzertrennlich. Und so weit fassen sie in Israel Fuß, dass nicht nur dies kleine biblische Buch nach der Ausländerin Rut benannt ist, dass die Juden jedes Jahr ihre ganze Geschichte zum Wochenfest lesen, sondern dass sie auch zu den Stammmüttern Davids und seines späten Nachkommen Jesus zählt. Der Gott des Lebens hat nach allen Todeserfahrungen zu Anfang schließlich einen Weg ins Leben und in die Zukunft aufgetan.