Gottesdienst am 25. Dezember 2020 – Erster Weihnachtsfeiertag

Epistel: Brief an Titus 3,4-7

4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, 5 machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, 6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, 7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.

 

Evangelium: Johannes 1, 1-5.9-14

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

 

9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen

seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

Predigttext: Jesaja 52,7-10

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

 

Liebe Gemeinde!

„Die Füße des Freudenboten“ - da denkt man gleich an die Engel über dem Stall von Bethlehem, ihr „Siehe, ich verkündige euch große Freude“. Die Botschaft ist dieselbe: Gutes predigen, Heil und Frieden verkünden, Gott groß machen. Warum sind denn nur die Füße lieblich? Ist der Rest noch im Himmel versteckt, außer Sicht, oder ist der Bote nur zu hören, das Scharren und Aufsetzen seiner Füße. Woran konnte man überhaupt erkennen, dass es sich um einen Freudenboten handelt? Geht es darum, dass die Botschaft mit dem Boten auf der Erde dahinläuft, vorankommt, dass sie dabei Bodenhaftung hat? Oder dass sie sich kaum wahrnehmbar, aber überhaupt nicht bedrohlich anschleicht, einschleicht in unser Leben? „Lieblich“ - da denkt man an süßen Wein, an zarten Duft eines Parfüms, in der Bibel auch an die Opfer im Tempel, die Gott im Feuer dargebracht wurden. Von allem wird wohl etwas mitschwingen in diesem Jesaja-Abschnitt. Geschichtlich ist man hier noch über 400 Jahre von Jesus entfernt, in festliche Erwartung versetzt: Gott hat etwas Besonderes vor: „dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes“.

Unheil ist immer viel leichter zu erkennen und zu benennen. Naturkatastrophen halten uns in Atem wie Überschwemmungen und Dürren, Wirbelstürme und Brände. In der Politik sind es die Kriege und diktatorische Regimes, der kurzsichtige Populismus, und im Persönlichen die Sorge um die Gesundheit, die Arbeit und die wirtschaftliche Entwicklung. Immer neue Schreckensnachrichten, medial unübersehbar platziert, strömen auf uns ein. Wer will da von Heil reden? Schürt man dann nicht überzogene Erwartungen, oder schläfert Religion die Menschen ein, anstatt aufzurütteln?

Da stehen die Wächter auf den Resten dessen, was von der Stadt Jerusalem und vom Tempel übrig geblieben war. Denn Jerusalem war von den Babyloniern zerstört worden, der wichtigste Teil der Einwohner ins Exil vertrieben, und nach deren Rückkehr ging der Aufbau nur mühselig und langsam vonstatten. Was konnten die Wächter tun? Sie konnten Ausschau halten und warnen: „Passt auf! Seid wachsam! Achtet auf die Gefahr“, aber das Unheil bannen konnten sie nicht. Dieses Jahr war geprägt von Warnungen, von Angst und Verunsicherung. Vielen wurde vielleicht zum ersten Mal bewusst, dass Leben immer mit Risiko verbunden ist, dass unser Leben bei aller modernen Medizin und Technik verwundbar ist und bleibt, dass uns die vermeintliche Kontrolle, die Planung und „Normalität“ rasch entgleiten kann. Und irgendwann wird man dann auch all dieser Warnungen überdrüssig.

Bei Jesaja aber haben die Wächter etwas anderes entdeckt: Sie rufen laut und rühmen! Sie tun dies so ansteckend, dass sogar die Trümmersteine fröhlich werden und ebenfalls rühmen. Wenn die Botschaft schon so steinerweichend ist, müsste sie erst recht die Menschenherzen weich, empfänglich und froh machen können! Und auch die Wächter muss das verändern: Sie sehen ja Gutes kommen, so können sie ihre Wachsamkeit ablegen, ihre misstrauische Abwehrhaltung aufgeben, und der Zukunft Vertrauen schenken. Frohe Botschaft schon im Alten Testament!

Damit sind die Trümmer noch nicht verschwunden. Auch dieses Jahr hat wieder neue Trümmerstätten gebracht, das vom Feuer vernichtete Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos etwa und das von einer gewaltigen Explosion zerstörte Beirut. Auch hier kommt der Aufbau nur schleppend voran, und wäre doch lebenswichtig. Wenn dann wieder aufgebaut wird, fand ich es immer gut, wenn Spuren der Zerstörung sichtbar bleiben, wie in München bei der Alten Pinakothek oder in Dresden bei der Frauenkirche, So bleibt die Mahnung zum Frieden noch in der Fassade sichtbar. So wie Bauten nicht unversehrt bleiben, so leben wir auch mit den Verletzungen in unserer Lebensgeschichte. Wir tragen die Risse und Brüche unseres Lebens mit uns. Das verbindet uns mit Jesus, dessen Leben so früh gebrochen und schmerzlich endete. Der Prophet weiß auch um diesen Aspekt des Lebens. Im biblischen Text folgt unmittelbar das Lied vom leidenden Gottesknecht,

Es steht aber auch fest, dass Gott da ist, gegenwärtig. Das ist der Grund des Jubels: „Der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst“. Die jüdische Tradition kennt die „Einwohnung Gottes“, das Zelten oder Wohnen bei seinem Volk, im Tempel, auch bei den nach Babylon Verschleppten. Die „Schechina“ teilt die Freunden und Leiden Israels, sie ist dabei auch „im finstern Tal“ (Ps 23). In der Offenbarung des Johannes wird dieser Gedanke wieder aufgenommen: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!“

Diese Nähe Gottes wird im Neuen Testament fortgeführt und vertieft: Gott wird Mensch. Gottes Einwohnung konzentriert sich auf einen geschichtlichen Moment, die Geburt im Stall von Bethlehem. Sie gilt aber für alle Zeiten und alle Menschen: „Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen werden das Heil unseres Gottes“, oder, anders gesagt: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“