Gottesdienst am 25. Oktober 2020 – 20. Sonntag nach Trinitatis

Epistel: 2. Korinther 2,3-6

 

3 Es ist offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid durch unsern Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen.

4 Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott. 5 Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, 6 der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

 

Evangelium: Markus 10,2-9.13-16

 

2 Pharisäer traten zu Jesus und fragten ihn, ob es einem Mann erlaubt sei, sich von seiner Frau zu scheiden, und versuchten ihn damit. 3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 aber von Anfang der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. 9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

 

13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. 14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. 15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. 16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

 

Predigttext: Markus 2,23-28

 

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wann haben Sie zuletzt etwas Verbotenes getan? Und wann haben Sie sich zuletzt über ein Verbot geärgert? Beide Fragen sind zur Zeit wohl nicht schwer zu beantworten. Die Corona-Schutzmaßnahmen haben uns eine Fülle nicht immer vollkommen logischer Ge- und Verbote beschert. Aber auch sonst sind wir von einer Flut von Regelungen umgeben, im Verkehr, im Steuerrecht, im Urheberrecht, beim Arbeitsschutz und auch in der Kirche, bei denen einem leicht die Übersicht abhanden kommen kann. Und wenn wir uns noch so bemühen – Fehler passieren.

Nun kann man diskutieren, ob das Verhalten der Jünger Jesu ein Fehler war, ein unabsichtliches Versehen, oder eine gezielte Provokation, auf die die anderen nur so lauerten. Wie aus dem Nichts erscheinen auf dem Feld plötzlich die Pharisäer wie als Sittenpolizisten: „Warum tun deine Jünger, was am Sabbat nicht erlaubt ist?“ Neben der sachlichen Frage schwingt hier noch etwas anderes mit: „Hast du, Jesus, deine Jünger noch im Griff? Wirst du sie verteidigen, trotz ihres Gesetzesverstoßes, oder wirst du uns recht geben?“ Die Frage scheint uns heute weit hergeholt. Wer würde sich darum kümmern, wenn vom Feld ein paar Ähren abgerupft und zerkaut werden? Aber sie ist erstaunlich aktuell, und die Signale sind widersprüchlich: Was ist noch „Mundraub“ und was ist Diebstahl? Da beklagen sich Weinbauern, dass aus ihren Weinbergen im Vorbeigehen von Wanderern abgepflückt oder zum Teil sogar heimlich abgeerntet wird – mit erheblichen Verlusten. Gleichzeitig will das Landratsamt Obstbäume mit einem gelben Band markieren und so zum Abernten für jeden frei geben, weil sich sonst niemand mehr um sie kümmert. Was gilt denn noch? Das strenge Eigentumsprinzip oder eine gewisse Lässigkeit, die es nicht so genau nimmt oder nehmen will? Und ist das dann „christlich“? Ist es richtig, auf Prinzipien herumzureiten, wie im Fall der Supermarkt-Kassiererin, der wegen eines Pfandbons von 1,50 € gekündigt wurde? Wie steht es um die so breit diskutierte „Verhältnismäßigkeit“? Wie viel Ärger entsteht um Kleinigkeiten und Kleinlichkeit? Und er wer zieht die Grenze, von der ab es „ernst wird“?

Nun, Jesus hätte sagen können: „Was regt ihr euch so auf, so ein paar Körner, das fällt doch nicht ins Gewicht.“ Das war aber auch nicht das Problem. Nicht der materielle Schaden, sondern der Verstoß gegen das dritte Gebot: „Du sollst den Feiertag – den Sabbat – heiligen“. Dieser war und ist das Erkennungszeichen der Juden gegenüber den anderen Völkern, er wird als Geschenk Gottes, als Zeichen der aus Unterdrückung des Pharao Befreiten und nicht als belastende religiöse Pflicht angesehen. Neununddreißig Hauptarbeiten unterscheidet die rabbinische Tradition, die am Sabbat verboten waren, darunter auch das Ernten. Und gerade darum kann die Reaktion so heftig ausfallen. Woher nehmen sich die Jünger die Freiheit, den Sabbat „anzuknabbern“, wo doch der Sabbat genau diese Freiheit verkörpert. Und das Sabbatgebot gilt nicht zu je für den Einzelnen: Denn wenn ganz Israel einst den Sabbat hält, so heißt es, dann wir der Messias kommen. Wie können ausgerechnet die Jünger Jesu dagegen verstoßen? Man darf – wenn sich die Szene wirklich so abgespielt hat – den Pharisäern nicht nur böse Absichten unterstellen. Sie waren wirklich darum besorgt, den guten Willen Gottes zum Tragen zu bringen und gegen Nachlässigkeiten zu verteidigen. Und nicht nur sittenstrenge Israeliten gab es, sondern bis in jüngste Vergangenheit auch ebenso unnachsichtige Pfarrer und Gemeinden.

Jesus aber antwortet anders: Neben das Beispiel der Jünger stellt er ein anderes „Exempel“: David in 1. Samuel 21, der vom Tisch vor dem Heiligtum die Schaubrote wegnahm die mit seinen Begleitern aß. Jesus überbietet die Provokation der Jünger mit einer noch größeren. Es ehrt die Bibelherausgeber, die anmerken, dass der amtierende Hohepriester Ahimelech war und und nicht sein Sohn und späterer Nachfolger Abjatar. Die rabbinische Literatur ist voll von Versuchen, Davids Verhalten mit den für das Heiligtum geltenden Regeln in Einklang zu bringen: Die Brote seien außerhalb des Heiligtums gebacken worden und noch nicht an ihren Platz gebracht, oder sie seien schon durch die Brote der nächsten Woche ersetzt worden. Vom Sabbat ist in der Geschichte nicht die Rede, aber von dem herrscherlichen Auftreten Davids, der vom Priester das Verlangte bekommt, aber sich der Bedingung sexueller Enthaltsamkeit fügt. Und ähnlich souverän, ohne sich auf eine kleinteilige Gesetzesdiskussion einzulassen, fallen seine Antworten aus: Grundsätzlich dient der Sabbat dem Menschen. Seine Ruhe soll den Menschen zu sich und zu Gott kommen lassen. Bei der Ausgestaltung scheint er einen weiten Spielraum zu sehen – was dient der „seelischen Erhebung“, dem Ausstieg aus dem Hamsterrad, dem Gewinn von Selbstbestimmung über sein Leben? Und was für alle gilt, gilt insbesondere für den „Menschensohn“. Das Wort steht eigentlich beispielhaft für den Menschen und ist dann für die Christen dann zum Hoheitstitel Jesu geworden: „So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat“, ein Herr, der will, dass wir die Kleinlichkeiten hinter uns lassen, den heilsamen Sinn der Gebote für uns erkunden und unsere Herzen öffnen für Gottes Güte.