Gottesdienst am 26. April 2020 – Sonntag Miserikordias Domini

Epistel und zugleich Predigttext: 1. Petr 2,21b-25

 

21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;

24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

Evangelium: Johannes 10,11-16.27-30

 

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

12 Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,

13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15 wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir;

28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

29 Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es aus des Vaters Hand reißen.

30 Ich und der Vater sind eins.

 

Liebe Gemeinde,

 

wer taugt als ein Vorbild? Es sind Menschen, die ausgesprochen erfolgreich, mutig oder konsequent sind, Männer und Frauen, die es zu Wohlstand und Ansehen gebracht haben oder die in sich in außergewöhnlicher Weise bewährt oder neue Wege beschritte haben. Die ersten Vorbilder sind die Eltern, und prägend bleiben sie das ganze Leben. Zwar stellt sich im Lauf der Zeit heraus, dass auch sie Licht- und Schattenseiten haben: manches will man in sein erwachsenes Leben übernehmen und manches ganz anders machen. Beim Vorbild geht es immer um das Herausragende, das Außergewöhnliche, das oft genug mit öffentlicher Aufmerksamkeit und sogar mit Ehrungen bedacht wird. Natürlich kann man dann auch fragen, ob so viel Bekanntheit wirklich angemessen ist. Vergisst man dabei nicht die „stillen Helden“, die einfach das Nötige tun, und oft noch viel mehr, ohne besonderen Dank und öffentlichen Ruhm?

Aber dass jemand als Vorbild gepriesen und ins Licht gestellt wird, der in seinem Leben scheinbar gescheitert ist, das wirkt paradox, das ist schwer zu begreifen.

Genau dies aber machen die Christen. Ihr Vorbild ist ein junger Jude aus Nazareth, der nach kurzer und kontroverser öffentlicher Wirksamkeit in Jerusalem hingerichtet wurde. Von außen betrachtet würde man bei ihm kaum ein Vorbild vermuten, dem man nachfolgen, in dessen Fußstapfen man treten soll. So war das auch noch im zweiten nachchristlichen Jahrhundert; die Christen eine kleine und des Aufruhrs verdächtige Minderheit, wegen Ihres Glaubens mit Kopfschütteln und Spott bedacht. In Rom fand sich im kaiserlichen Palast auf dem Palatin in den Mannschaftsräumen der Soldaten ein in die Wand geritztes Bild: ein Kreuz, daran hängend ein Körper mit einem übergroßen Eselskopf, und daneben in ungelenken Buchstaben geschrieben: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Dann wird es verständlich, dass auch der erste Petrusbrief seine Mitchristen in Kleinasien nicht in der Mitte der Gesellschaft, sondern als Außenseiter, als „Fremdlinge und Pilger“ empfand. Was dann aber Eindruck nach außen machte, war ihr Verhalten: Als ehrlich und aufrichtig galten die Christen, als Menschen, auf deren Wort man sich verlassen kann, ohne Lüge und Betrugsabsichten, und untereinander freundlich und hilfsbereit.

Der Verfasser des ersten Petrusbriefs möchte, motivieren, auch in den Härten des Lebens an diesen Grundsätzen und Werten festzuhalten. Besonders schwer war dies sicher für die Sklaven, an die der vorangehende Abschnitt gerichtet war. Sie stellten nach allem, was wir wissen, einen erheblichen Anteil in den Gemeinden, und hier erfuhren sie wohl eine Behandlung als Menschen, nicht als eine Sache, was sie dem Gesetz nach waren. Man kann mit Recht kritisieren, dass hier nur von der Unterordnung, nicht aber von dem Unrecht und Unglück die Rede ist, das die Versklavung eines Menschen bedeutet. Wir würden uns auf Freiheit und Menschenwürde berufen, vergessen von dieser moralisch hohen Warte aber leicht, dass vor erst 75 Jahren die grausamste Sklaverei- und Vernichtungsmaschinerie durch die Befreiung der Konzentrationslager von außen – und nicht etwa durch bessere Einsicht – beendet wurde. Und trotz aller weltweiten Bemühungen seitdem, wie der Erklärung der Menschenrechte und vieler folgender Initiativen, ausbeuterische Arbeits- und Lebensverhältnisse leider nicht verschwunden. Weil er wohl keine Möglichkeit sieht, grundsätzlich die Verhältnisse zu ändern, schließt der Verfasser besonders die Sklaven – wie auch alle anderen Christen – mit dem Bild des leidenden Christus zusammen. Statt – wie zuvor – uns heute nicht so recht passende Ratschläge zu geben, nämlich sich unterzuordnen und das Leiden in Kauf zu nehmen, dabei so weit wie irgend möglich gutes zu tun, kommt der urchristliche Autor jetzt auf Christus zurück:

In einer Welt, in der man vieles nicht ändern kann, in der die Macht in den Händen anderer liegt, fällt der Blick auf den Christus, der seinen Weg hin zum Kreuz geht. Sein Verhalten ist beispielhaft, indem er nicht schmäht, mit gleicher Münze zurückzahlt, nicht mit himmlischer Macht und Vergeltung droht. Er tut es aus freien Stücken. Auch in den schlimmsten Momenten des Lebens ist es immer noch – zwar sehr begrenzt - möglich, sein Denken und auch sein Tun bewusst zu wählen.

Der Verfasser des ersten Petrusbriefs scheint hier ein altes Glaubensbekenntnis in Erinnerung zu rufen. Er stellt das beispielhafte Verhalten Jesu und seinen Tod heraus, aber drumherum setzt er einen Rahmen, indem er den Glauben seiner Anhänger hinzunimmt. Nicht einfach die Tatsache der Passion zählt, sondern das „für euch“: „Christus hat für euch gelitten“ - „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ Durch den Glauben geht heilsame Kraft von seinem Leiden aus, überträgt sich seine Hingabe auf uns, öffnet sich eine Gerechtigkeit von Gott her, die auch einer ungerechten Welt zu trotzen vermag. Und weil diese Sätze so abstrakt sind, hilft es hier wirklich, sie aus der festgeschriebenen Erinnerung zu vergegenwärtigen. Nicht zuletzt müht sich der erste Petrusbrief um die Vergegenwärtigung der Taufe, die einen Herrschaftswechsel bedeutet: Wir gehören fortan Gott, „der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Christi von den Toten“ (1,3).

Um die Zugehörigkeit zu Christus im Gedächtnis zu verankern, schließt der Abschnitt mit einem anschaulichen Bildwort: „Ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Es schwingt kein Vorwurf mit; um Zusammenhalt und Sicherheit kümmert sich der Hirte. Klar, dass ohne den Hirten Ziellosigkeit und Verwirrung herrschen. Aber ein Wort ändert alles: „ihr seid nun umgekehrt“. Der Weg Jesu ist nun auch der eigene, der Weg der Nachfolge. Und wir folgen einem treuen und zuverlässigen Hirten, dem auch in Schmerz und Leiden das Gute am Herzen liegt, der sich für die anderen gibt, der unsere Seelen behütet.

Amen.

 

Da der zweite Sonntag nach Ostern ganz vom Bild vom guten Hirten bestimmt ist, könnten Sie anschließend den 23. Psalm beten.

 

Den Gedanken der Nachfolge, auch durch Leiden hindurch, finden wir im Lied EG 384:

 

1. Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach,
in der Welt der Welt entfliehen, auf der Bahn, die er uns brach,
immerfort zum Himmel reisen, irdisch doch schon himmlische sein,
glauben recht und leben rein, in der Lieb den Glauben weisen.
Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir.
 

2. Lasset uns mit Jesu leiden, seinem Vorbild werden gleich;
nach dem Leide folgen Freuden, Armut hier macht dorten reich,
Tränensaat, die erntet Lachen; Hoffnung tröste die Geduld:
es kann leidlich Gottes Huld aus dem Regen Sonne machen,
Jesu, hier leid ich mit dir, dort teil deine Freud mit mir!
 

4. Lasset uns mit Jesus leben. Weil er auferstanden ist,
muss das Grab uns wiedergeben. Jesu, unser Haupt du bist,
wir sind deines Leibes Glieder, wo du lebst, da leben wir;
ach erkenn uns für und für, trauter Freund, als deine Brüder!
Jesu, dir ich lebe hier, dorten ewig auch bei dir.