Gottesdienst am 26. Juli 2020 – siebter Sonntag nach Trinitatis

(Der Gottesdienst in der Erlöserkirche folgt den Texten des 8. Sonntags nach Trinitatis)

 

Epistel: Epheser 5,8-14


8b Wandelt als Kinder des Lichts;

die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,

11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.

12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.

13 Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird;

14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Evangelium: Matthäus 5,13-16

Jesus sprach zu seinen Jüngern:
13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.


Predigttext: Johannes 9,1-7

1 Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden

7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.


 

Liebe Gemeinde!

Blind geboren – das klingt nach unabänderlichem Schicksal, hoffnungslosem Fall. Um Heilung braucht man sich da gar keine Gedanken zu machen, nur, wie man die Situation bestmöglich annehmen kann. Und natürlich macht man sich dann – wie auch die Jünger Jesu – Gedanken über Gottes Gerechtigkeit. Man sucht eine Erklärung, eine Verantwortlichkeit – und wenn sie auf Kosten des Betroffenen oder seiner Eltern die vermeintliche Ordnung wiederherstellt: von „Selber schuld“ bis zu „Strafe Gottes“ ist auch heute noch alles mögliche an Reaktionen denkbar. Dabei entlastet man doch das eigene schlechte Gewissen, dass man selbst vor solch einem Schicksal – zumindest vorläufig – bewahrt wurde, was wahrlich kein Verdienst ist.

Von daher ist die Antwort Jesu wie ein Freispruch erster Klasse: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern“ - es geht um etwas ganz anderes: Jesus beendet unser Spiel „Finde den Fehler – bei den anderen“ und richtet den Blick auf den schöpferischen Gott. Er erschuf als erstes das Licht, damit auch Klarheit und Möglichkeit, Unterschiede wahrzunehmen. Er erschuf das Mitgefühl in uns Menschen, das uns hilft, in aller Unterschiedlichkeit füreinander dazusein. Weil niemand für die Behinderung verantwortlich ist, ist es die Verantwortlichkeit aller, dafür zu sorgen, dass sie nicht ins Gewicht fällt, dass sich die Gaben und die Persönlichkeit entfalten können. Das meint das Wort „Inklusion“, das Teilnehmen und Mitgestalten des sozialen Lebens. Leidvolle Erfahrungen – auch die zu teilen - gehören mit dazu: „Leiden macht den Menschen hellsichtig und die Welt durchsichtig“, schreibt der Arzt und Psychologe Viktor Frankl.

Nun könnte man lange so weiter philosophieren, wie das Problem des Leidens gelöst und alle Blinden geheilt werden könnten. Jesus aber wird konkret in Raum und Zeit: Jetzt ist die Zeit, in der er handeln kann, jetzt ist vor ihm der Mensch, der Hilfe benötigt – also tut er es. Gerade im Johannesevangelium mit seinen kühnen Gedanken sind dies die Szenen, die wieder Bodenhaftung herstellen. Mit einem Brei aus Speichel und Erde bestreicht er die Augen – und am Ende sieht er..Wer sich hier vor Körperflüssigkeit ekeln sollte, dem sollte doch auffallen, dass das Johannesevangelium immer noch einmal einen tieferen Sinn versteckt hält: Es erinnert an den schöpferischen Vorgang, mit dem Gott den Menschen, Adam, aus Lehm geformt und erschaffen hat. Nicht Spucke und Erdenstaub, sondern schöpferischer Geist, Vertrauen und Zuwendung haben ihn zu einem Sehenden gemacht. Gottes Schöpfung ist immer noch im Gang. Und – noch als Blinder wird er auf den Weg geschickt, um dort gewaschen sein Augenlicht zu erlangen. Ein unverdientes und unwahrscheinliches Geschenk.

An dieser Stelle könnte die Geschichte zuende sein, er geht glücklich seiner Wege. Es kommt aber anders: Er kommt wieder, er tritt in den Kreis Jesu, er stellt sich den kritischen Fragen, Wieder uns wieder schildert er seine Heilung, fügt nichts hinzu, nur über Jesus hat etwas Neues, Großes zu sagen: „Er ist ein Prophet“.Und von Jesus vor die Frage des Glaubens an den Menschensohn gestellt, antwortet er schließlich: „Herr, ich glaube“ und fällt vor ihm nieder. Erst da ist die Blindheit vollständig gewichen und die Geschichte an ihr Ziel gekommen.