Gottesdienst am 26. September 2021 - 17. Sonntag nach Trinitatis


Epistel: Römer 10,9-17(18), zugleich Predigttext

9 Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10 Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. 11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« 12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13 Denn »wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle waren dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1) : »Herr, wer glaubte unserm Predigen?« 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Evangelium: Matthäus 15,21-28

21 Jesus entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Gemeinde!
Die Sache mit dem Glauben scheint ganz einfach zu sein:  "So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi." Also, Pfarrerin, Pfarrer, streng dich an, mach ansprechende, tiefgründige Predigten, damit aus dem Wort Christi Glauben entsteht, der Funke überspringt, die Institution Kirche bestehen bleibt. Aus den richtigen Zutaten zubereitet, hat man das gewünschte Ergebnis.
Dass es so einfach nicht ist, ist auch klar. Alle Kirchen kämpfen mit dem Traditionsabbruch, ringen um die Frage der Glaubensweitergabe. Im Kirchenvorstand haben wir diese Woche über die neuen Rahmenrichtlinien für die Konfirmandenarbeit diskutiert. Die bisherige Form des Konfirmandenunterrichts stößt auf Grenzen, konkurriert mit den schulischen Verpflichtungen und anderen Freizeitaktivitäten. Der Gottesdienst in traditioneller Form ist für Jugendliche nicht attraktiv. Diese Fakten sind bestens belegt, aber wie weiter? Orientierung an der Lebenswelt, an den Fragen der Jugendlichen, so heißen die Zauberformeln. Erlebnispädagogik, Begegnungsräume schaffen.  Dass es gelingt, braucht man Offenheit, Vertrauen, Flexibilität und vor allem: Geduld. Dann am Ende soll ja stehen, was Paulus auch anstrebt: dass die Botschaft des Evangeliums das Herz erreicht, verinnerlicht wird, und dass sie sich äußert, als öffentliche Stellungnahme: Ja, ich glaube, ja, ich will Christ sein. Ja, mit Gottes Hilfe. Wann sonst wird man später im Leben noch herausgefordert, Position für den Glauben zu beziehen?
Dabei geht es, Paulus folgend, nicht um eine nette Privatangelegenheit, ob man denn glaubt oder nicht, sondern ums Gerecht- und Gerettetwerden, die Frage von Sein oder Nichtsein vor Gott. Paulus ringt nicht mit den Widerständen einer säkularen Gesellschaft, er setzt sich auseinander mit den Vorbehalten traditionsbewusster Juden und Anhängern der griechisch-römischen Götterwelt. Gerade den Juden - und an diese richten sich die Kapitel 9-11 im Römerbrief - ist die Ergänzung, Erweiterung, Hinzufügung des Jesus Christus zu ihrer Glaubenswelt schwer zu vermitteln. Liest man die Predigten des Paulus in der Apostelgeschichte, so gehen die Zuhörer begeistert mit, solange er sich auf dem Boden der Geschichte Israels befindet. Sobald er zu Jesus, dem Messias, dem auferstandenen Christus überleitet, entsteht Unruhe und Tumult. Und ebenso gewöhnungsbedürftig ist es, dass die Heiden nun, allein aus Glauben, plötzlich gleichberechtigte Mitglieder der Gemeinde sein sollen, ohne zuvor Juden zu werden. Das ist sicher der Grund, warum Paulus allein in diesem kurzen Abschnitt vier Schriftzitate einfließen lässt. Nicht meine Erfindung ist dieser Glaube, sondern schon lange vorhergeahnt und in der Struktur vorhanden. Die berechtigte Frage, wie denn dieser rettende Glaube entstehen kann, löst er auf in einer Kette von einzelnen Geschehnissen: anrufen, glauben, hören, predigen, gesandt werden. Manches ist Eindruck, wirkt nach innen: hören, glauben, anderes ist Ausdruck: anrufen, predigen, dazu die Aktion: gesandt werden. Beides, die Wirkung Gottes nach Innen und nach außen, findet sich schon im ersten Satz: "Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet." Es gab Zeiten, da wurde der Glaube vorwiegend als Innerlichkeit gepflegt, und andere, da war der öffentliche Ausdruck riskant und gleichzeitig überlebenswichtig für die Kirche.
Die Grundbekenntnisse, die Paulus wörtlich zitiert, die er aus der ersten Christengeneration übernommen hat, sind die Mitte des christlichen Glaubens bis heute: "Jesus ist der Herr", und "Gott hat ihn von den Toten auferweckt". Viel ist inzwischen hinzugewachsen an christlicher Theologie, an Überlieferungen und Gebräuchen, auch an Streit unter den Kirchen und mit den Leugnern. Ob und wie in all den kirchlichen Handlungen und Worten Glaube entsteht, ist ein Geheimnis. Man kann natürlich direkt darauf zugehen, mit Glaubenskursen, Evangelisationen, Bibelwochen und -abenden. Die Reichweite ist leider begrenzt, obwohl es hier - in der Sprache der Unternehmensbereatung - um die kirchliche "Kernkompetenz" geht. Oder man spricht weniger über den Glauben, sondern bemüht sich, im Leben präsent zu sein und in Umbruchs- und Krisensituationen Hilfe und Beistand anzubieten. Die Übersetzung "so kommt der Glaube aus der Predigt", wie es Luther wiedergibt, ist viel zu eng. "Glaube kommt vom Hören", heißt es hier wörtlich, und wir hören immer mit zwei Ohren: eines für die Botschaft des Evangeliums, und eines für die Situation von heute. Wenn es gut geht, fließt es so zusammen, dass unser Herz berührt ist. Wenn es gut geht, findet, was unser Herz berührt hat, auch den Weg zu anderen. Eine Voraussetzung für Glauben ist Empfänglichkeit und Vertrauen. Lassen wir uns dazu ermutigen mit dem Vers, der vor unserem Predigttext steht: "Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen."