Gottesdienst am 27. Dezember 2020 – Erster Sonntag nach dem Christfest

Epistel: 1. Johannes 1,1-4

1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, 3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4 Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.

 

Evangelium, zugleich Predigttext: Lukas 2,22-40

22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, 23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2. Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, 24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3. Mose 12,6-8).

25 Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. 26 Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. 27 Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, 28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:

29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
31 das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern,
32 ein Licht zur Erleuchtung der Heiden
und zum Preis deines Volkes Israel.

33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. 34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird
– 35 und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.
36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt 37 und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. 38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

39 Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. 40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade lag auf ihm.

 

Liebe Gemeinde!

Mit unserem Abschnitt, der im Lukasevangelium der Weihnachtgeschichte folgt, kommen zwei neue Augenzeugen ins Spiel. Acht Tage nach der Geburt folgte die Namensgebung und Beschneidung, nach vier Wochen dann zwei Rituale, die hier zusammengefasst sind: Das Reinigungsopfer der Mutter und die Auslösung des Erstgeborenen durch den Vater. Jesus ist hier zum ersten Mal im Tempel, einer von drei im Lukasevangelium bezeugten Aufenthalten, der zweite im gleichen Kapitel anschließend als Zwölfjähriger, und dann wieder bei der Vertreibung der Händler (Lk 19,45ff). Hier, noch ganz dem jüdischen Brauch treu, wird das geringste der vorgeschriebenen Opfer gewählt: ein Paar Tauben, das Opfer der Armen. Die für Mutter und Kind gefährlichste Zeit unmittelbar nach der Geburt ist überstanden, nun ist es an der Zeit, Dank zu sagen und das Lebensschicksal des Kindes Gott anzuvertrauen. Nicht viel anderes geschieht bei uns mit der Taufe. Die Aufnahme in die Gemeinde hat kaum praktische Bedeutung, vielmehr wird dem Kind Gottes Schutz und Sagen verheißen und das Kind durch die Eltern- und Patenschaft in die Beziehungen der Familie eingebunden.

Auch hier geht es um Beziehungen: In dem Moment, als die kleine Familie Jesu, vielleicht noch den kurzen Weg von Bethlehem her kommend, den Vorhof betritt, kommt auch Simeon, „auf Anregen des Geistes“, nähert sich ohne Zweifel und Zögern dem Kind, das er auf den Arm nimmt. Der Geist lenkt die Geschicke, wie schon zuvor: Marias Kind ist „empfangen durch den Heiligen Geist“, das Lied des Zacharias kann nur, erfüllt vom Heiligen Geist, sein prophetisches Gedicht sprechen, und sein Sohn Johannes wuchs und wurde stark im Geist. Und nun kommt Simeon dem Jesuskind so nahe, wie nur ein Mensch kommen kann. Er hält es, und in diesem Augenblick findet sein Leben seine Erfüllung. Durch ein Wort des Geistes war ihm gesagt worden, „er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.“ Wir würden die Reihenfolge bis heute wohl vom Glauben her umkehren: Zuerst der Tod, dann kommen wir zu Christus. Wie lange mag er diese Verheißung mit sich getragen haben, und die Aussichten jeden Tag schwinden sehen, dass sie in Erfüllung geht. Noch zu den eigenen Lebzeiten soll er ihn sehen! Das Kommen Gottes ist also zum Greifen nah, das Warten auf den „Trost Israels“ sollte bald zuende sein. Auf der letzten Strecke seines Lebens hält er die Erfüllung in Händen, begreift, was nicht zu begreifen ist: „Er ist der Christus des Herrn.“ Mit dieser Erkenntnis wird er zum ersten Christen, zum ersten Christusanhänger, der Gott wie wir anderen Folgenden lobt und preist. „Meine Augen haben den Heiland gesehen“. Das ist mehr, als wenn alle Lebenswünsche gleichzeitig in Erfüllung gehen. Uns so bleibt ihm nur ein grenzenloses Lob Gottes: „zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel“. Erst bei der Fülle der Völker findet er, das Licht, sein Ziel. Viel später, in der Apostelgeschichte erst, wir erzählt, wie es wirklich dazu kam.

Aber bevor man den Christus zum ungeschränkten Wunscherfüller macht, macht der Evangelist auch die Schattenseiten deutlich, zuerst bei Jesus selbst. Dieser wird „ein Zeichen, dem widersprochen wird“, und auch Maria bleibt nicht unbeschadet: „durch deine Seele wird ein Schwert dringen.“ Auch dies klar zu erkennen, spricht für die Weitsicht des Simeon, bis in die Passionsgeschichte hinein.

Und noch eine zweite Zeugin tritt auf, wie Simeon hochbetagt und täglich im Tempel, ebenso ein Mensch höchster Erwartung: Hanna, d.h. „die Gottbegnadete“, neben Simeon, was „Erhörung“ heißt. Sie verankern Jesus nun am Jerusalemer Tempel, in der prophetischen Erwartung, in der Geschichte geduldigen und gleichzeitig ungestümen Hoffens und Sehnens. Sie werden Jesu geistige Eltern, oder besser Großeltern, mit dem Überblick über die vielen Jahre intensiven Suchens und Wartens, aber gleichzeitig auch des Durchhaltens und Festhaltens der Verheißung. Jahrzehntelang hat ihr Glaube ausgehalten, dass die Welt unverändert schien, wo doch Gott schon die Wende zum Heil in Gang gebracht hatte. Dieses Ausharren im Gottvertrauen haben wir von ihnen zu lernen, das Vertrauen in die kleinen Anfänge und den langen Atem Gottes, der am Ende sichtbare Erfüllung schenkt.

Nun sind Berichte von der Erfüllung nicht die Erfüllung selbst, und mit der Schilderung der Augenzeugen werden wir nur indirekte Zeugen, die den ersten Zeugen vertrauen. Aber daraus wächst vielleicht der Impuls, sich anschließend selbst ein Bild zu machen, der eigenen Wahrnehmung zu trauen, seinem Leben diese Grundlage zu geben und – nicht zuletzt – Gott immer wieder auch Überraschungen zuzutrauen.