Gottesdienst am 27. Juni 2021 – Vierter Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Römer 12,17-21

 

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

Evangelium: Lukas 6,36-42

 

Jesus sprach: 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

 

Predigttext: 1. Mose 50,15-21

 

15 Die Brüder Josefs fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.

18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Ende gut - alles gut! Tröstlich und harmonisch endet die lange Josefsgeschichte, zugleich die Epoche der Erzväter, in der aus den Söhnen Jakobs das Volk Israel wird. Es ist auch die Geschichte von Streit im engsten Familienkreis, von Neid und Eifersucht unter den Brüdern. Denn Josef ist besonders: Er hat von seinem Vater eine bunte Jacke bekommen, und er träumt merkwürdige Sachen: Sieben Getreidegarben, die sich vor der Garbe in der Mitte verneigen, Sonne, Mond und Sterne, die ihn umkreisen. So groß wird der Hass, dass die Brüder ihn töten wollen – nur auf gutes Zureden von Ruben wird er als Sklave einer Karawane verkauft – auf Nimmerwiedersehen, wie sie denken. Dem Vater wird berichtet, er sei tot – der blutbefleckte Mantel dient als Beweis – und die Brüder haben es womöglich selbst am Ende so geglaubt. Langsam wächst Gras über die Sache, das schlechte Gewissen wird irgendwann schon Ruhe geben.

Josef dagegen, als Sklave an einen hohen ägyptischen Beamten verkauft, macht zunächst steile Karriere. An dieser Stelle wird mehrfach betont, dass Gott ihm beistand, so dass ihm alles glückte. Nun, Sie wissen es, das Glück war nicht von Dauer, er landete im Gefängnis, bis er schließlich – als er den Pharao vor drohenden Hungerjahren warnte und die Vorsorge persönlich in die Hand nahm – Unterkönig von Ägypten und Herr über die Getreidevorräte wurde. Und nun, in den Jahren von Missernten und Hungersnot, tauchten unter den unzähligen Hilfesuchenden die Brüder auf. Unerkannt stellte er sie auf die Probe, verwirrte sie mit unerklärlicher Großzügigkeit und ebenso unerwarteten Beschuldigungen. Als er sich endlich als ihr verlorener Bruder Josef zu erkennen gibt, lädt er sie ein, zusammen mit dem betagten Vater nach Ägypten zu kommen. Kein Groll ist zu spüren, im Gegenteil: alle sollen das unverdiente Geschenk annehmen, dass sie durch Josefs Großmut vor dem Hunger bewahrt wurden. Der Vater kommt nun auch zu Josef, er segnet einzeln alle Mitglieder der Familie, und als er kurz darauf stirbt, wird er in seiner Heimat begraben.

An dieser Stelle nun, ganz am Ende der Josefsgeschichte, folgt nun noch unser Predigttext. Ist nicht schon alles gesagt, der Knoten aufgelöst, das Verschwiegene ans Licht gebracht? Offenbar sind immer noch heftige Emotionen im Spiel, die trotz der inzwischen verstrichenen Zeit keine Ruhe lassen. Tiefe Verletzungen, wie sie in einer Familie immer passieren können, hinterlassen Spuren, und die dazugehörigen Gefühle können auch Jahrzehnte später noch unvermittelt auftauchen. Denn selbst Unausgesprochenes, Familiengeheimnisse, Erschütterungen z.B. durch Kriegserlebnisse oder Missbrauch, kann bis ins Leben der nächsten Generationen nachwirken.

Darum geht es hier nicht nicht nur um äußerliche, sondern ebenso um innerliche Familienzusammenführung. Wie kann man die alten Muster aus der Kindheit verlassen, neue Beziehungen auf anderer Grundlage knüpfen? Sie sind ja immer noch tief verankert und wirksam: „Die Brüder Josefs fürchteten sich“ – ihre Angst ist durchaus berechtigt, dass ihnen die Grausamkeit gegenüber ihrem Bruder irgendwann einmal heimgezahlt werden würde. Das schlechte Gewissen plagt sie offensichtlich, und so spüren sie Hinterhalte und Vorbehalte, die wohl gar nicht da sind. Und immer noch können sie keine Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Sie lassen die begangene Schuld auf sich beruhen, und keiner von ihnen ist in der Lage, sich zu entschuldigen.

Auch Josef könnte in seine kindlichen Muster, in die seiner Träume verfallen, wo alle sich vor ihm verneigen, und genauso die andern seine Macht spüren lassen, indem ihr Angebot der Unterwerfung annimmt: „ Siehe, wir sind deine Knechte“. Dass er es nicht tut, liegt sicherlich daran, dass „oben“ und „unten“ in seinem Leben reichlich kennengelernt hat, als gefangener Sklave und als vermeintlicher Ehebrecher, bevor das zweithöchste Amt im Staat übernahm. Er hat die Größe, nun Gott mit ins Spiel zu bringen. „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ - so nimmt er die Angst und gleichzeitig die Versuchung, sich ein Urteil anzumaßen, das immer nur ein menschliches, vorläufiges, von unseren Wahrnehmungen und Verletzungen geprägtes Urteil sein kann. Nie sehen wir das ganze Leben, die ganze Gefühlswelt eines Menschen vor uns. Gut und Böse sind manchmal so unentwirrbar miteinander verknüpft, dass es vom Ergebnis her nicht zu unterscheiden ist. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Es ist eine Grenzaussage über Gott und über das Leben, und keineswegs so gedacht, dass man einfach das Böse tun darf, und Gott dann am Ende alles gut macht. Aber in einer verzweifelten, ohnmächtigen Lage, wie Dietrich Bonhoeffer und andere Widerstandskämpfer in der NS-Diktatur, konnten sie schließlich immer noch hoffen, dass „Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Das ist mehr als das abwartend-unentschiedene „wer weiß, wofür es gut ist“, das schon an sich der erste Schritt aus einem Rückschlag heraus weist. Hier aber wird Gott das letzte Wort gegeben, und es ist ein Wort der Treue und des Vertrauens: Er will sein Volk erhalten, und an die Stelle der Furcht tritt das Vertrauen. So geschieht Versöhnung, so öffnet sich ein Weg heraus aus alten Mustern in die Zukunft, so können sich auch dann Christen in den Dienst der Versöhnung stellen, in der Nachfolge des großen Versöhners Jesus Christus.