Gottesdienst am 27. September 2020 – 16. Sonntag nach Trinitatis

Epistel, gleichzeitig Predigttext: 2. Timotheus 1,7-10

 

7 Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

 

Evangelium: Johannes 11,1.3.17-27.38b-45

 

1 Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. 3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

 

17 Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. 18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 19 Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. 20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen. 21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. 23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. 25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; 26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? 27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

 

38b Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor. 39 Jesus spricht: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. 40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42 Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. 43 Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen! 45 Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

 

Liebe Gemeinde!

Der zweite Timotheusbrief ist ein Bekennerschreiben. Nicht eines, wo Untaten aus ideologischen oder auch religiösen Gründen gerechtfertigt werden. Es geht um die positive Kraft, die daraus entsteht, wenn man dem Glauben an Christus treu bleibt. Und ebenso geht es darum, wie dieser Glaube von einem Zeugen zum anderen, von einer Generation zur anderen weitergegeben wird. Nun ist es durchaus umstritten, ob dieser Brief wirklich von Paulus verfasst wurde. Aber bevor nun alle „Lüge“ oder „Fake News“ rufen, sollte man zugestehen, dass er von seinem Inhalt kraftvoll und überzeugend ist und für sich stehen kann. Er ist ein Beispiel, wie die Theologie des Paulus noch weit über seinen Tod hinaus wirkte und bedeutsam blieb – auf nichts anderes wollen ja auch heutige Theologen hinaus.

Ein Bekennerschreiben – weil eine entschiedene Haltung zu spüren ist, weil er biblische Hauptworte und Kernthesen dicht zusammenbringt, weil er sich diese Sätze als unhinterfragbare Grundlage des Glaubens zueigen macht.

Zwei in modernen Bibelausgaben fett gedruckte Sätze enthält unser Abschnitt, zu Beginn und am Ende, die sich als Kalendermotive, als Tauf- oder Konfirmationssprüche oder für Trostkarten eignen: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ und „Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium“ - ein Satz, den ich oft der Trauerfeier voranstelle. Es sind starke Worte, die man jedem Zweifel entgegensetzen kann.

Aber diese Stärke ist auch ihre Schwäche. Sie sind Endprodukte eines langen Ringens um Glauben, mit Höhen und Enttäuschungen. Ob sie nun von Paulus selbst dem Timotheus anvertraut oder in der Gemeinde als kostbares Glaubensgut weitergetragen wurden, spielt keine Rolle. Als Lehrsätze können sie tragfähig und hilfreich sein, sie warten aber darauf, mit eigenen Erfahrungen gefüllt zu werden. Darin liegt das Problem der Glaubensweitergabe: Sätze und Lehre können gelehrt und gelernt werden, den Bezug zum Leben muss jede/r für sich immer neu finden.

Das ist nicht nur Theorie, sondern findet sich in den Sätzen, die unserem Predigttext vorangehen. Der Verfasser erwähnt die Großmutter Lois und die Mutter Eunike als Vorbilder im Glauben, die sicher auch den Sohn und Enkel beeinflusst haben. Hinzu kommt nun aber die besondere Berufung durch die Handauflegung, eine Berufung zu Zeugnis und Dienst in der Gemeinde. Diese bewirkte denke ich nicht, dass plötzlich Glaubenswissen und Glaubensstärke in ihn hineinflossen, sondern dass er die Verbindlichkeit und Dringlichkeit seines Auftrags spürte, und entsprechend selbst sich bemühte, diesem Ruf gerecht zu werden: Etwas gewunden heißt es: „erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist.“ Die ist da, aber wartet darauf, aus ihrem Ruhezustand aktiviert zu werden.

Und erst auf dieser Grundlage kommt nun der Geist, ins Spiel, nicht der Geist der Furcht, „sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Wovor auch immer die Christen sich gefürchtet haben mögen – sei es die eigene Bedeutungslosigkeit, das Lächerlich-Wirken ihrer Hoffnung, der Rückzug in die fromme Nische – der Geist rüttelt auf und überwindet die Furcht in dreifacher Weise: Kraft, Liebe und Besonnenheit sind die Stichworte, jedes stützt und erklärt das andere. Kraft, griechisch „Dynamis“, ist die schöpferische Fähigkeit, aus einer Möglichkeit Wirklichkeit entstehen zu lassen, Fakten zu schaffen. Um diese Fähigkeit sinnvoll zu nutzen, sind Liebe und Besonnenheit wichtig, das Handeln in die richtigen Bahnen zu lenken. Besonnenheit, in früheren Übersetzungen mit „Zucht“ wiedergegeben, meint die kluger Weitsicht und die manchmal notwendige Selbstbeschränkung und Konzentration auf das Wesentliche. Der Geist gibt sich nicht zufrieden mit dem, was ist, er schafft sich neue Wege des Miteinanders in der Gemeinde und ihrer Ausstrahlung nach außen.

Das ist auch nötig, dann die Botschaft und die Botschafter/innen sind unter Druck. Leiden, sogar Gefangenschaft drohen, und die innere Distanzierung, weil man sich seiner Worte oder der Worte früherer Verkündiger schämt. Sind die Glaubenssätze, die man wie in Stein gemeißelt vor sich her trägt, am Ende tragfähig genug für ein ganzes Leben? Halten sie in Kummer und Schmerzen durch? Die Frage kann man theoretisch nicht mehr beantworten, sie beantwortet sich erst im Durchleben und dies immer wieder neu und anders.

Von daher kann es auch entlastend sein, sich wie schon die Propheten auf Gottes Ruf und Auftrag zu berufen. „Ich wollte dich ja gar nicht, du wolltest mich. Jetzt musst du zusehen, was du daraus machst.“ Die wirkliche und letzte Entlastung kommt nun aber von Christus her. Von ihm her ist die Machtfrage schon geklärt, unser Schicksal schon entschieden. Er hat „dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ Kann ich das so annehmen oder will ich dieses Paket erst einmal aufschnüren, um die einzelnen Bestandteile genauer zu betrachten? Beides ist legitim, und für den Glauben gegenseitig hilfreich. Vielleicht ist es ein altes Taufbekenntnis, das hier eingeflossen ist, das den Moment der Entscheidung für Christus in Erinnerung ruft. Es ist ein Pro-testsatz im ganz wörtlichen Sinn, wie Christoph Blumhardt sagte: „Wir Christen sind Protestleute gegen den Tod“. Unser landläufiges Verständnis heißt ja oft: Unmut äußern, Kritik üben, manchmal, wie bei den Corona-Protesten mit unausgegorenen Ideen und Verschwöungstheorien. Dies trifft für unsere biblischen Sätze nicht zu. Pro-Test, pro-testare heißt wörtlich Zeugnis ablegen für eine Sache, einen Standpunkt einnehmen, der weiterführt und Perspektiven entwickelt, sich festlegen auf eine Überzeugung und sie dann ausdauernd vertreten. Das kann schon im Rahmen einer Gemeinde unter gläubigen Menschen anspruchsvoll und anstrengend sein, um wie viel mehr im freien Spiel der verschiedensten Meinungen unter den Menschen. Dieser Aufgabe wären wir aus eigener Kraft kaum gewachsen. Uns dennoch zu ermutigen, wirkt uns zugute der in der Taufe verliehene Geist in Gestalt von Kraft, Liebe und Besonnenheit und wirkt die christliche Botschaft in sich, deren Hauptwörter hier alle versammelt sind: Gott, Christus und der Geist, Kraft, Liebe und Besonnenheit, Ratschluss und Gnade, Licht und Evangelium.