Gottesdienst am 28. März 2021 – Palmsonntag

Epistel: Philipper 2,5-11
 

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
6 Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode,
ja zum Tode am Kreuz.
9 Darum hat ihn auch Gott erhöht
und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
11 und alle Zungen bekennen sollen,
dass Jesus Christus der Herr ist,
zur Ehre Gottes, des Vaters.



Evangelium: Johannes 12,12-19

 

12 Als die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):
15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
17 Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

 

 

Predigttext: Hebräer 11,1-2.(8-12.39-40); 12,1-3

 

11 1 Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 2 In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.

8 Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

11 Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. 12 Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist.

39 Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht die Verheißung erlangt, 40 weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat: dass sie nicht ohne uns vollendet würden. 12 1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben,
lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

 

Liebe Gemeinde!

 

„Dafür habe ich Zeugen“, so trumpft der Verdächtigte im Fernsehkrimi gerne auf. Der wahre Sachverhalt wird aufgeklärt, die Unschuld bewiesen – der Zeugen sei dank. Sie sind aber auch dann wichtig, wenn man selbst ins Zweifeln gerät: zuverlässige Beobachter und Weggefährten, die für einen die Hand ins Feuer legen würden. Sich im Glauben zu vergewissern, das wollte der Verfasser – oder die Verfasserin – des Hebräerbriefes. Vielleicht war die Gemeinde, nach Anfängen voll Begeisterung, aber auch Verfolgungen, klein und müde geworden, manche kamen schon nicht mehr. Wer sollte die Kraft und die Freude des Glaubens weitertragen? „Ihr seid nicht allein“- das war die erste Botschaft, um neuen Mut zu gewinnen. Nicht in der Gegenwart sind die Begleiter im Glauben, aber in der Vergangenheit. Durch die ganze Bibel hindurch verfolgt unser Brief die Spur der Glaubenden, von der Urgeschichte mit Abel, Henoch und Noah zu dem ersten, der sein ganzes Leben auf Gottvertrauen setzte: Abraham, der mit Sara dem Versprechen Gottes folgte, sie zu einem großen Volk zu machen. Dieser Abraham steht beispielhaft für die vielen, die im 11. Kapitel noch folgen, Männer und Frauen, die Gottes Verheißung durch die Geschichte bewahrten. Wer in der Bibel liest, begegnet Glaubenszeugen, die teilweise sogar ihr Leben dafür riskierten – was auch heute leider nicht völlig ausgeschlossen ist. Wenn Sie zurückblicken auf ihr Leben, werden Ihnen vielleicht auch solche Gestalten einfallen, Szenen aus der biblischen Geschichte, die Spuren hinterlassen haben, und Menschen, die ihnen selbst Vorbilder im Glauben waren: Wer hat mit uns gebetet, Jesusgeschichten vorgelesen, ist in die Kirche gegangen, hat uns im Religionsunterricht den Glauben erschlossen? Waren sie Zeuginnen und Zeugen, stärken sie uns noch bis heute? Kennen wir unsere Vorväter und Vormütter im Glauben? Denn auf dieser „Wolke der Zeugen“ beruht die Gemeinde, die sich zum Gottesdienst trifft. In der orthodoxen und auch der katholischen Kirche ist die Gemeinde umgeben von Bildern der Glaubenszeugen und Märtyrer, die, obwohl nicht mehr leiblich gegenwärtig, zur Gemeinschaft der Heiligen mit dazugehören. Daran ist gar nichts Rückwärtsgewandtes: So wie das Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste von Gott als Wolken- und Feuersäule geleitet wurde, so sollen die vorangegangenen Generationen als Wegzeichen und leuchtende, erhellende Beispiele dienen. Der Hebräerbrief sieht sie als Kraftquellen, als Inspiration für den notwendigen Aufbruch, und traut es den Christen seiner Zeit und unserer Zeit zu, als das „wandernde Gottesvolk“ auf Gottes Zukunft, auf seine zukünftige Stadt hin sich in Bewegung zu setzen. Dabei kann das, was bremst und belastet, mit gutem Gewissen zurückbleiben: „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt.“ Es gibt einen, der sie trägt, der sich selbst als Opfer vor Gott gegeben hat. Die Sünde klagt uns nicht mehr an, Christus hat uns frei gemacht. Auch den Glaubenden der Vergangenheit wird kein Vorwurf gemacht. Ihnen wird, wie von Abraham gesagt, ihr Glaube als Gerechtigkeit angerechnet. Von ihm führt der Weg zu Christus, „dem Anfänger und Vollender des Glaubens“. Das Ziel ist mit ihm erreicht. Das Kreuz zeigt noch einmal, wie großen Widerständen er ausgesetzt war, wie stark die Sünde und die Sünder ihm zusetzten, und wie er sie um unseretwillen geduldig trug. Dasselbe gilt nun auch für die christliche Existenz: Sie erfordert Kampf und Geduld. Kampf auch gegen scheinbare Perspektivlosigkeit, gegen ein resignatives Das-war-schon-immer-so, Kampf, trotz widersprüchlicher Erfahrungen an Gott festzuhalten und seiner Gnade alles zuzutrauen. Dazu muss nun die Geduld treten, genauer das „Darunter-Bleiben“, das nicht dem Druck ausweichen und sich zurückzuziehen, sondern mit Ausdauer sich den täglichen Prüfungen zu stellen. So sehr die Zeugen einen bestärken können, so wenig geben sie Auskunft, wie der Weg der Kirche in der Zukunft aussehen kann. Die Landessynode hat in diesen Tagen darüber beraten. Die voraussichtlichen Rahmenbedingungen sind bekannt: weniger Mitglieder, weniger Geld, weniger Personal. Wie aber dieser kleiner gewordene Rahmen ausgefüllt werden kann, darüber wird – zu Recht – heftig gestritten. Wie wichtig ist die institutionelle Gestalt, die feste Aufteilung in abgegrenzte Zuständigkeiten, oder ist es denkbar, Kirche als Bewegung, als Inititativgruppe zu sehen, die in der Gesellschaft Verbündete sucht?

Welche Organisationsform bietet die besten Möglichkeiten, die Botschaft Jesu glaubwürdig zu verbreiten? So oder so, es wird nicht ohne vertrauende Menschen gehen, ohne das Wagnis des Glaubens, der nicht eine ein für allemal feststehende Größe ist, sondern immer wieder dem Leben ausgesetzt werden muss und sich darin bewähren soll. Das war schon bei Christus so, und darum können wir zu ihm vertrauensvoll und der Zukunft zugewandt aufsehen zu ihm, „dem Anfänger und Vollender des Glaubens“.