Gottesdienst am 2.8.2020 – achter Sonntag nach Trinitatis

(Der Gottesdienst in der Erlöserkirche folgt den Texten des 7. Sonntags nach Trinitatis)

 

Epistel: Apostelgeschichte 2,41-47

 

41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.

42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

43 Es kam aber Furcht über alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.

44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.

45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.

46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen

47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.


 

Evangelium: Johannes 6,1-15

1 Danach ging Jesus weg ans andre Ufer des Galiläischen Meeres, das auch See von Tiberias heißt.

2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.

3 Jesus aber ging hinauf auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern.

4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.

5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?

6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.

7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder auch nur ein wenig bekomme.

8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:

9 Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das für so viele?

10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.

11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten.

12 Als sie aber satt waren, spricht er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.

13 Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken von den fünf Gerstenbroten, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.

14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

15 Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er allein.


Predigttext: Hebräer 13,1-3

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.


 

Liebe Gemeinde!

Kurze, klare Sätze sind es, die der Verfasser – oder die Verfasserin – des Hebräerbriefes mit auf den Weg gibt: den Weg vom Sonntag in den Alltag, von der Theologie der vorangegangenen zwölf Kapitel zum Tun im Geiste und Namen Jesu. Es sind Sätze, die den Kreis immer ein Stück weiter ziehen. Das Gebot der geschwisterlichen Liebe ist noch am ehesten naheliegend. Es findet sich in Paulusbriefen, im 1. Johannesbrief und eben auch hier. Das es erwähnt wird, beweist, dass es immer noch und immer wieder nötig ist, andere und vor allem sich selbst daran zu erinnern. Es geht zunächst um die „eigenen Leute“, Mitchristinnen und Mitchristen, und wir alle wissen, dass hier schon die Schwierigkeiten beginnen können. Es sind nicht unbedingt die Leute, die wir selbst uns ausgesucht hätten, aber wir müssen davon ausgehen, dass sie in Christus in ähnlicher Weise ausgewählt und berufen sind wie wir selber. Schon im kleinen Kreis der Gemeinde ist das Zusammenleben nicht immer harmonisch, und vielleicht auch ein Grund für Ermüdungserscheinungen unter den Christen in der 2. Generation, die der Hebräerbrief ermuntern und stärken will. Gerade das Bemühen, dieses Gebot des liebevollen Miteinanders zu beherzigen, kann manchmal dazu führen, dass Konflikte nicht offen angesprochen werden, sondern untergründig weiter schwelen oder verdeckt und über Dritte weitergetragen werden.

Der zweite Satz macht nun den Kreis größer: Gäste kommen und wollen beherbergt und verköstigt werden. Hier denkt man zuerst an urchristliche Missionare, die wie Paulus mit ihrer Botschaft von Gemeinde zu Gemeinde zogen. Auch das verlief nicht immer reibungslos. Paulus etwa ist stolz darauf, seine oft monatelangen Aufenthalte durch eigene Arbeit als Zeltmacher zu finanzieren. Anderswo wurde vielleicht die Gastfreundschaft nicht gewährt, wie im 2. Johannesbrief, oder überstrapaziert oder ausgenutzt, wie in der urchristlichen Schrift der Apostelehre (Didache) angedeutet. Auch heute kann diese Gastfreundschaft noch bedeutsam sein: Angehörige von Kommunitäten wie die Schwestern vom Schwanberg berichten, dass sie, wo immer sie bei einem Kloster anklopfen, sie gastlich aufgenommen werden, wobei die Konfession keine Rolle spielt. Großveranstaltungen wie Kirchentage oder Taizé-Treffen wären nicht möglich ohne freundliche Menschen, die in ihren Wohnungen Schlafplätze zur Verfügung stellen. Auch manche Gemeinden haben diesen Aspekt der Gastlichkeit wieder entdeckt, wenn sie z.B. Übernachtungsmöglichkeiten für Pilger anbieten. Und immer wieder ergeben sich daraus spontane Begegnungen und Gespräche, die alle Beteiligten bereichert zurücklassen.

Der dritte Satz zieht den Kreis noch ein Stück weiter. Haben Sie heute schon an die Gefangenen gedacht? Naheliegend ist das wohl nicht, auch wenn man sich klar macht, dass neben Paulus sicher auch viele der frühen Christen mit der staatlichen Ordnungsmacht in Konflikt geraten sind. Heute gibt es die haupt- und nebenamtlichen Gefängnisseelsorger, die stellvertretend für die Gemeinden diesen Dienst übernehmen, der ja auch in Mt 25 als eines der Werke der Barmherzigkeit genannt ist: „Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“ Auch jetzt hören wir täglich die Meldungen, wie autoritäre Regierungen ihre Kritiker im Gefängnis verschwinden lassen: Weißrussland, Türkei, China, Vietnam, Iran... überall riskieren Menschen ihr Freiheit, um ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen. Es geht hier nicht nur um die christlichen Brüder, der Kreis ist nicht eingegrenzt. Das macht manchmal Schwierigkeiten. Ich erinnere mich, dass dieser biblische Abschnitt beim Kirchentag 1993 in München für die Eröffnungsgottesdienste vorgesehen war. Damals war ich für Amnesty International aktiv und schrieb an die Organisatoren des Kirchentags, dass wir usn vorstellen könnten, bei einem der Eröffnungsgottesdienste mit unserem Anliegen mitzuwirken. Das war insofern nicht einfach, da Amnesty eine säkulare Organisation ist, die sorgfältig darauf achtet, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, und die die Gefangenen, für die man sich einsetzt, nicht nach religiösen Gesichtspunkten auswählt. Schließlich kam dann doch ein Gottesdienst zustande, bei dem doch recht konkret der Gefangenen, gedacht wurde, die wegen ihrer Überzeugung und nicht wegen eines Verbrechens inhaftiert sind. Die Erfahrung dieser Ungerechtigkeit kann ein ganzes Leben prägen. Einer der iranischen Flüchtlinge, die ich in Thüngen betreut habe, war im Gefängnis gewesen, und man hatte ihn dort mehrere Zähne ausgeschlagen. Für ihn war Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ sein Lied, das ihm Zuversicht und Vertrauen gab, denn er konnte sich wohl besser als jeder von uns mit seiner Lage identifizieren. Solch ein inniges Mit-denken und Mit-fühlen findet man auch in einem der Briefe, die Maria von Wedemeyer ihm ins Wehrmachtsgefängnis Tegel geschickt hat: „Ich habe einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwa in der Größe Deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl steht da, so wie ich es mir vorstelle. Und wenn ich da sitze, glaube ich schon beinah, ich wäre bei Dir.“