Gottesdienst am 28.6.2020 – Dritter Sonntag nach Trinitatis

Epistel: 1. Timotheus 1,12-17

12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt,

13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.

14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.

15 Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.

17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

 

Evangelium: Lukas 15,1-3.11b-32

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

11b Ein Mensch hatte zwei Söhne.

12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

14 Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben

15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!

18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.

19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich!

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße

23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein!

24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen

26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.

27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.

28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.

29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre.

30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.

32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

 

Predigttext: Micha 7,18-20

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

 

Liebe Gemeinde!

„Wo ist... ?“ - wie oft am Tag geht einem das durch den Kopf. Unser Versuch, Ordnung und Überblick zu behalten, stößt an Grenzen. Es geht meist um alltägliche Dinge, dramatischer wird es, wenn Schlüssel, Brille oder Handy verschwunden sind und wenn die Zeit drängt. Unser Leben besteht oft genug aus Suchen, und nicht immer helfen die elektronischen Suchmaschinen weiter. Seltener allerdings werden wir wohl nach Gott suchen. Denn nach Gott fragen wir wohl meistens erst, wenn das Ganze des Lebens auf dem Spiel steht. Allenfalls kleine Ausrufe wie „Ach, du lieber Gott“ oder „Gott sei Dank“ verraten, dass wir die Geschehnisse des Alltags vielleicht mehr mit Gott in Verbindung bringen, als uns zunächst bewusst ist.

Denn die nächste, daraus folgende Frage würde lauten: „Wo ist … Gott?“ - und als erstes würde einem wohl einfallen, wo er nicht war, wo er schmerzlich vermisst wurde. Ihn zu finden, zu ihm Vertrauen zu bewahren ist eine lebenslange Aufgabe, bei der unser Anspruchsdenken kleiner wird und unser dankbares Staunen wohl wächst: „In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.“ So wäre die Frage eher umgekehrt zu stellen: Gab es Situationen, wo Gott Sie gefunden, ermutigt, gesegnet, auf einen neuen Weg gebracht hat?

So gesehen ist die Frage des Propheten Micha eine Suchanfrage für Fortgeschrittene: Wo ist solch ein Gott, wie du bist? Er steht mit Gott vertraut auf Du und Du, er kennt aufgrund vorangegangener Erfahrungen seine Wesen und seine Handlungsweise. Da ist keine Fremdheit, sondern tiefe Einsicht und Einverständnis. Als Prophet macht er Gottes Stimme vernehmbar. Aber vielleicht greift die Gotteserfahrung noch viel länger zurück, in die Zeit, als Gott sein Volk befreite und in der Wüste führte, als sie sich seiner Führung anvertraute und seinen Verheißungen folgte. In der Rückschau jedenfalls stellte sich diese Anfangszeit wie das unübertroffene Ideal dar.

Nun waren die Jahrhunderte vergangen, man hatte sich eingerichtet im gelobten Land und in der Hauptstadt. Micha greift die Missstände scharf an: Begehrlichkeit und Gier, Machtmissbrauch und Korruption, Vertrauenssschwund, Misstrauen und Lüge. Noch dazu war die politische Lage bedrohlich: Die Großmacht Assur hatte das Nordreich Israel bereits besiegt und viele der Bewohner verschleppt – nun stand sie vor Jerusalem. Die Zeichen standen auf Chaos. Es ging schon gar nicht mehr um das „Ganze“, sondern nur noch darum, wie ein „Rest“ noch überlebt. Die Frage „Wo ist“ stellt der Prophet also nicht aus der sicheren Entfernung einer theologischen Studierstube, sondern mitgerissen in den Strudel der Ereignisse. Wo ist Halt, wo ist Hilfe, wo ist fester Grund?

Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“ - das ist weniger Lobpreis als Hilferuf. Den bitteren Ausgang hatte der Prophet oft genug vorausgesagt. Nun waren die menschlichen Möglichkeiten erschöpft, die Ereignisse nahmen ihren Lauf. Es half nur, Gott an sich selbst zu erinnern, an seine Großzügigkeit, seine Barmherzigkeit, seine Fähigkeit, zu vergeben: „der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!“ Gott soll in sich suchen, ob da noch der Gott ist, von dem der Prophet auch weiß: der Gott, der Schaden abwendet und einen Weg in die Zukunft eröffnet. Oft wird noch behauptet, der Gott des Alten Testaments sei ein Gott der Rache und der Vergeltung. Dabei versuchte man nur, Gottes Gnade und Gottes Gerechtigkeit zusammenzudenken, und Micha präsentiert als letztlich überwiegende Kraft die Gnade und die Vergebung. Dabei weiß man, dass Vergebung keine leichte Sache ist, sondern Anlauf um Anlauf braucht und manche Verletzungen nie ganz aufhören zu schmerzen. Sollte das bei Gott nicht auch so sein? Aber – zuversichtlich verkündet es der Prophet, „er wird sich unser wieder erbarmen.“ Zwei starke Bilder machen das deutlich: Er wird „unsere Schuld unter die Füße nehmen“, also sie zertrampeln und zertreten, und, was dann noch davon übrig ist, weit von sich schleudern, „in die Tiefen des Meeres werfen.“ Nicht unsere Schwachpunkte kehrt Gott hervor, sondern er lässt alles für uns Menschen sprechen. Eine rabbinische Geschichte erklärt das so:

Wenn jemand Schuldscheine in seinem Besitz hat und sieht, dass ein anderer ihm Geld schuldet, so wird er diese hervorholen und die Bezahlung einfordern; wenn er aber findet, dass er einem andern Geld schuldet, so wird er sie unterdrücken oder verschweigen. Aber der Heilige, gepriesen sei er, handelt nicht so: Wenn er findet, dass wir uns schuldig gemacht haben, so unterdrückt er die Schuld, wie es heißt. „... er wird unsere Schuld unter die Füße treten“ (Micha 7,19), aber wenn er einen Verdienst findet uns zugute, so bringt er es nach vorne, wie es heißt: „Der Herr hat unsere Gerechtigkeit ans Licht gebracht“ (Jeremia 51,10)

Vielleicht kann das auch für uns der Anfang dessen sein, was mit dem großen Wort „Vergebung“ gemeint und mit dem Vaterunser immer wieder dem Gebet anheimgestellt ist: „Gerechtigkeit ans Licht zu bringen“. Ungerechtigkeit aufzudecken ist sicher richtig, und oft hat erst ein Skandal zum Umdenken geführt, aber ebenso wichtig ist es, eine positive Vision von dem zu haben, was sich ändern soll: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“, hat Mahatma Gandhi einmal gesagt. Gott hat es so gemacht. Amen.