Gottesdienst am 29. März 2020 - Sonntag Judika

Epistel: Hebräer 5,7-9

5  Christus hat sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.«

6 Wie er auch an anderer Stelle spricht (Psalm 110,4): »Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.«

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.

8 So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.

9 Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden.

 

Evangelium: Markus 10,35-45

35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden.

36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?

37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;

40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.

42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;

44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

Predigttext: Hebräer 13,12-14

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Niemand ist gerne draußen, wenn alle „in“ sein wollen, mitten im Trubel, mitten in der Gemeinschaft, unter Menschen. Wie wichtig diese Zugehörigkeit ist, merkt man dann, wenn dieses selbstverständliche Zusammenleben unterbrochen wird, wie zur Zeit. Draußen, vor der Stadt, da waren früher Siechenhaus und Galgenbühl, heute Industriegebiet, Kläranlage und Kompostplatz. Und dann sind da noch die Menschen, die irgendwie „draußen“ sind, weil sie den Anschluss verloren haben, weil Schicksalsereignisse sie aus der Bahn geworfen haben, vereinsamt und unverstanden. Jesus, so sagt es uns der Hebräerbrief, ist einer von ihnen geworden. Statt auf das tägliche Opfer mitten in der Stadt Jerusalem, im Tempel, der inzwischen zerstört ist, fällt nun der Blick auf das einmalige und einsame Opfer Jesu, draußen, vor der Stadt, an der Schädelstätte Golgatha. Dass Jesus, wie der irdische Hohepriester, Opfer darbringt, aber dabei sein eigenes Blut vergießt und so die Sünden alle Menschen nimmt und wegträgt wie der Sündenbock am Versöhnungstag, das bewegt den ganzen Hebräerbrief. Und ihn vor Augen, soll nun die Gemeinde in Bewegung kommen, hinaus aus Enge und Sicherheit, hinein in das Abenteuer der Jesusnachfolge. Vielleicht ist schon der erste Gedanke: da bin ich am falschen Platz, denn einfacher wird das Leben dadurch nicht. Man kommt mit den Schattenseiten in Berührung. „Schmach“ heißt es hier, das heißt: Niederlagen und Versagen, billige Lügen, uneingelöste Versprechen, Schuld aller Art kommen ans Licht, für alle sichtbar. So muss es wohl sein, wenn man sich in Jesu Nähe begibt. Ich denke zum Beispiel daran, wie ungewohnt es für unsere Konfirmanden ist, beim Jugendkreuzweg das Kreuz oder die dazugehörigen Bilder durch die Stadt zu tragen – nicht nur, weil sie unhandlich und schwer sind, sondern auch, weil es nicht gerade „cool“ ist, sich als Christ in der Öffentlichkeit zu erkennen zu geben. Aber ginge es uns Älteren anders?

Es ist viel Bewegung in unserem Predigttext, Suche und Aufbruch. Wie kann die künftige Stadt aussehen, eine Stadt, die keine Außenseiter und Fremden, kein „draußen“ kennt, die alle einschließt? Wie kann sich mein Christsein aus festgefahrenen Formen und Denkmustern befreien, wieder zu einer Suchbewegung werden? Wenn wir im Moment uns gerade räumlich viel weniger bewegen können, könnte dies ja die geistige Beweglichkeit anregen: Welches wären die nächsten, notwendigen Schritte der Veränderung, und habe ich Mut und Begleiter, die sie im Glauben mitgehen? Denn nicht ich allein, „wir“ sind es, die die zukünftige Stadt suchen, keine Utopie, sondern ein Ort für Güte und Menschenfreundlichkeit, wo wir uns „verlassen“ können, im doppelten Sinn: aus unserem Vertrauten herausgehen und dabei dem Vertrauen auf Gott folgen.

 

Dazu passt, auch wenn der äußerlich sichtbare Aufbruch gerade warten muss, das Lied von Klaus Peter Hertzsch, ehem. Theologieprofessor in Jena, geschrieben für eine Hochzeit im Epochenjahr 1989 (EG 395):

 

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,
weil leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.