Gottesdienst am 29. November 2020 – Erster Advent

Epistel: Römer 13,8-12

 

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe
des Gesetzes Erfüllung.

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

 

Evangelium: Matthäus 21,1-11

 

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sachaja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge
breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? 11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

 

Predigttext: Sacharja 9,9-10

 

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

 

Liebe Gemeinde!

 

„Dein König kommt zu dir“ … das stillt fraglos unser Bedürfnis nach Sicherheit, nach einem festen Rahmen und einem Plan. Ein König, den niemand fürchten muss. Nicht an der Spitze einer Armee, nicht umgeben von Leibwächtern und Hofschranzen, „arm und reitet auf einem Esel“, ein kleine-Leute-Heiland sozusagen, einer von uns. Gleichzeitig schwingt dann auch die Frage mit: Was kommt da heute, im Moment auf uns zu, in diesem Advent? Dazu befragen wir in der Regel Fachleute und Wissenschaftlerinnen. nicht einen Propheten. Oft werden die Fragen dann so gestellt: „Erklären Sie uns bitte mal in zwei Sätzen ...“, was ja eigentlich eine Zumutung ist, weil man damit kaum in die Tiefe des Problems vordringt. Nun haben wir hier zwei Sätze aus dem Prophetenbuch Sacharja vor uns, aus einem angefügten zweiten Teil, der einerseits die Rückkehr der Verbannten aus Babylonien und den Wiederaufbau des Landes proklamiert, andererseits vielleicht schon das Vordringen der Griechen unter Alexander dem Großen aus der Ferne beobachtet. Sicher ist, dass er, so wie wir auch, mit Herrschern so seine Erfahrungen gemacht haben wird. Die orientalischen Herrscher hatten straff geführte Zentralstaaten organisiert, die mit Statthaltern und königlichen Dekreten bis in die Provinzen regierten. Bei Aufständen war man nicht zimperlich, und jährlich war ein Tribut der unterworfenen Völker zu leisten. Vielleicht ergab sich mehr Spielraum, wenn man am Rand der Großreiche lebte – die Nachrichten brauchten Wochen, bis sie in der Hauptstadt eintrafen; dagegen stand die Gefahr, bei Konflikten mit Nachbarstaaten zerrieben zu werden.

Sicherlich war dagegen der kommende König des Sacharjabuches kein „normaler“ König, sondern eine Karikatur oder eine Gegenfigur zur erlebten Macht. Damit werden auch die Sätze in Frage gestellt, auf die sich „normale“ Politik so gerne beruft: „aggressive Politik zahlt sich aus.“ „Aufrüstung ist notwendig.“ „Es geht nicht ohne Machtausübung.“

Dieser König ist „ein Gerechter und ein Helfer“, genauer übersetzt, einer, dem geholfen wurde – von Gott – und der deswegen seine Hilfe weitergeben kann. Er erscheint kleiner, als sein Titel verspricht. Vielleicht muss man auch den „Gerechten“ erst einmal Gott zusprechen: einer, der von Gott als gerecht angesehen wird. „Gerechtigkeit“ ist ja ein hoher Anspruch,auch in Nicht-Corona-Zeiten. So ist es kein Wunder, dass heftig darüber debattiert wird, ob denn die Corona-Einschränkungen gerecht sind. Sie sind es nicht, und sie können es gar nicht sein, weil es manche viel härter trifft als andere. Schon in normalen Zeiten rebelliert unser Gerechtigkeitsgefühl manchmal gegen die „Entscheidungen von oben“, obwohl wir doch in einer Demokratie leben. Da kann einen der Zorn packen, und die Versuchung, es ganz allein mal ganz anders zu machen. Ich erinnere mich an eine Kollegin, aus der es einmal ganz plötzlich ungefiltert herausbrach: „Also, wenn ich der liebe Gott wäre, dann könntet ihr aber was erleben!“ Und diese ganz reale Versuchung, einseitig und radikal seinen Willen durchzusetzen, erfasst gerade eine Reihe von Ländern, die zunehmend autoritär regiert werden, und wird, wie ich meine zu Unrecht, auch bei uns politisch als Vorwurf ins Feld geführt.

Der kommende König vollführt – reitend auf einem Esel – keineswegs nur Symbolpolitik. In zwei Richtungen geht sein Wirken: Als erstes vollzieht er eine radikale Abkehr von Waffen. Keine Streitwagen, keine Reiterei, keine Bogenschützen mehr – das waren damals die Elitetruppen. Damit verbunden ist eine grenzenlose Ausdehnung seines Herrschaftsgebietes – von Meer zu Meer. Das erinnert an Jesaja, an das Wort „Schwerter zu Pflugscharen“ und an das Gottesknechtslied Jes 49, „dass du mein Heil seist bis an die Enden der Erde“. Es soll ein Friedensreich entstehen, ohne ethnische Spannungen, das nicht mit Gewalt zusammengehalten werden muss. Wie kann das gehen? Ist das jemals möglich? Wird das nicht bloß ein Traum bleiben?

Jedenfalls ist von dem König so die Rede, dass er sich nicht wieder zurückzieht. Sein Wort gilt und bleibt bestehen, er ist „gekommen um zu blieben“. Mit den Worten des Propheten ist eine neue, mögliche Realität in der Welt, eine nur vorgestellte Alternative, allerdings so bildhaft und mächtig, dass Jahrhunderte danach diese Worte Jesus bei seinem Einzug in Jerusalems begleiten, dass Jesus als Messias gefeiert und Jerusalem zur Hoffnungsstadt wird, dass in sie einzieht, was schon bei Sacharja die Zusage des kommenden Königs ist: Schalom – Frieden.