Gottesdienst am 3. Januar 2021 - Zweiter Sonntag nach dem Christfest

Epistel: 1. Johannes 5,1-13

11 Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. 13. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, euch, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

 

Evangelium, zugleich Predigttext: Lukas 2,41-52

41 Die Eltern Jesu gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. 44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

 

Liebe Gemeinde!

Es fällt schwer, sich Jesus als Kind, als Heranwachsenden vorzustellen. Ist er Josef in der Werkstatt zu Hand gegangen, hat er mit den Nachbarskindern Verstecken gespielt, hat er sich mit Eifer auf die biblischen Schriften gestürzt? War er ein braver Junge, oder auch mal widerspenstig und ungezogen, oder so belesen und frühreif, dass er keinem eine Antwort schuldig blieb? Ein kleiner Professor, ein Wunderkind, oder ganz und gar unauffällig?

Unser Abschnitt aus dem Lukasevangelium scheint diese Lücke zu schließen: Eine kleine Übergangsepisode, eine Brücke zwischen der Geburt in Bethlehem und dem ernsthaften Auftreten als erwachsener Mann, der die Versuchung überwunden und von Johannes die Taufe empfangen hat. Es passiert etwas, was bei aller Vorsicht immer wieder passieren kann: Ein Kind geht in der großen Menschenmenge eines Festes verloren. Es beginnt eine verzweifelte Suche, aber am Ende geht alles gut aus: die Eltern können ihr erstgeborenes Kind wieder nach Hause, nach Nazareth mitnehmen, wo es an Stärke und Weisheit zunimmt. Evangelium, frohe Botschaft!

Geht es hier um eine Familiengeschichte, um pubertären Eigensinn und die Ablösung von den Eltern? Auf den ersten Blick könnte es so scheinen. Mit zwölf ist ein erster Schritt zum Erwachsenwerden erreicht, die ersten selbständigen Erkenntnisse gewonnen, auch im Glauben. Jüdische Kinder feiern mit 12 oder 13 Jahren Bar-Mitzwa oder Bat-Mitzwa, übernehmen die vollen religiösen Rechte und Pflichten der Erwachsenen, z.B. das Vorlesen der Tora im Gottesdienst. So tut es dann auch Jesus im übernächsten Kapitel. Die deutsche Gesetzgebung setzt religiöse Mündigkeit bei 14 Jahren an, so wie auch Konfirmation und Firmung in diese Altersgruppe fallen. Jesus also entwickelt sich zum selbständig denkenden und handelnden Menschen; nur vorübergehend kehrt er wieder in den Schoß der Familie zurück.

Liest man nun aber noch genauer, dann fallen einem doch Ungereimtheiten auf: Wie kann es sein, dass sein Fehlen beim Aufbruch nicht bemerkt wird, dass es ganze drei Tage braucht, bis sie ihn finden, dass keine Geschwister erwähnt sind, obwohl doch der Evangelist von ihnen weiß? Warum sind die Eltern – nach der wundersamen Vorgeschichte der vorangehenden Kapitel – so überrascht, dass seine außergewöhnliche Leidenschaft und Begabung sich auch hier zeigt, dass er von den weit erfahreneren Schriftgelehrte höchste Anerkennung erfährt? Und warum muss eigens erwähnt werden, dass er sich nach seiner Rückkehr in Nazareth seinen Eltern „untertan“ ist?

Dies alles lässt für mich nur eine einzige Erklärung zu: Dass es in dieser Geschichte eigentlich nur um Jesus geht und dass der Evangelist Lukas sie genau so gewollt und gestaltet hat, dass sie auf die Wirksamkeit, Botschaft und Schicksal des erwachsenen Jesus schon vorausweist. Immerhin beschreibt sie das erste eigenständige Handeln Jesu, ist hier der erste Satz von ihm überliefert: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Die Geschichte steht erst einmal für sich, um einen weiteren, neuen Zugang zur Gestalt Jesu zu eröffnen. Es sind oder waren ja vielleicht nicht alle Leser des Evangeliums Weihnachtsfans mit allem Gloria und Engeln in einer leidgeprüften Welt. Vielleicht fanden manche, wie meine Konfirmanden, die Sache mit der Jungfrauengeburt mehr befremdlich als erhellend. Hier kann man, wie auch noch in späteren Kapiteln, einsteigen in das, was diesen Jesus an- und umtreibt.

„Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Dieses zunächst rätselhafte Wort ist der Schlüsselsatz. Wohin gehört er nun, mit seinen Eltern nach Nazareth, oder nach Jerusalem mit der unwiderstehlichen Anziehungskraft der Vorhöfe des Tempels? Am Ende wird er keinen Ort haben, in der Heimatstadt missverstanden, in der Stadt des Tempels zuerst gefeiert und dann zu Tode gebracht. Er bleibt der Wanderprediger, der nur seinen geistigen Ort hat beim Vater, bei seinem Vater im Himmel. Wessen Aufträgen folgt er, den Wünschen seiner Eltern, der Glaubenstradition seines Volkes, oder dem Weg, für den ihn Gott bestimmt hat? Immer wieder muss er sich entscheiden, angefangen bei der Versuchungsgeschichte, und auch seinen Nachfolgern wird das aufgegeben und zugemutet: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29) Dass er sich seinen Eltern unterordnet und so der Tradition folgt, bedeutet nicht, dass der Ruf Gottes in die Freiheit verstummt ist, wie er beim Passafest ins Zentrum rückt. Neben die väterlichen Figuren der Familie treten als die „geistlichen“ Väter, die geistige Welt des „Lehrhauses“, die Schriftgelehrten, denen er zuhört und antwortet, später auch heftig widerspricht. Und nachdem er gefunden wurde, findet er vielleicht seine große Leidenschaft für alles Verlorene und Zu-Findende. In Nazareth zur Schriftlesung gerufen, „findet“ er die Stelle aus Jesaja, und reißt sie in die Gegenwart: „Heute ist dieses Schriftwort erfüllt vor euren Ohren.“ Ein ganzes Kapitel des Evangeliums beschäftigt sich mit dem Verlorenen: dem Schaf, der Münze, dem verlorenen Sohn. Denn bei ihm soll nichts mehr verloren gehen. Und auch das letzte, rätselhafte Element kann man vielleicht noch ausdeuten: An dritten Tag war es, dass die Frauen ans Grab gingen und nach ihm suchten. Doch sie fanden ihn nicht. Jesus ist nicht am vermuteten Ort, wo er eigentlich sein sollte. Er ist eben „nicht zu fassen“, denn er „muss in dem sein, was seines Vaters ist“, um unseretwillen.