Gottesdienst am 30. Mai 2021 – Trinitatis

Epistel: Römer 11,33-36

 

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

 

 

Evangelium, zugleich Predigttext: Johannes 3,1-13

 

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag das zugehen? 10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht? 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an.
12 Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? 13 Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.

 

Liebe Gemeinde!

 

Die Geschichte von Nikodemus – ist das einfach ein Mann, der sich nicht traut? Der aus Sorge, seine Sympathie zu Jesus könnte öffentlich werden, heimlich nachts zu Jesus kommt? Der den Bruch, den Skandal scheut, den ein sichtbares Bekenntnis zu Jesus verursachen würde – mit Verlust seiner Ämter, seiner herausragenden Stellung unter den Juden. Was wissen wir über ihn? Ein Pharisäer, die Gruppe also, die sich mit großem Ernst und Einsatz um das Leben nach Gottes Geboten bemühte, sich genaue Regeln gab und die Befolgung auch von den anderen verlangte. Ein Schriftgelehrter war er wohl, einer, dem die Glaubensvermittlung am Herzen lag, der Verstand mit leidenschaftlichem Interesse verband. Er wäre sonst nicht zu Jesus – der aus dem ländlichen Galiläa stammte, von ganz anderer Herkunft war – gekommen, um mit ihm eine theologische Diskussion zu führen, wohlgemerkt auf Augenhöhe, mit großer Anerkennung: Warum sonst hätte er ihm mit „Rabbi“ angesprochen?

Solche Menschen, die mit ihrem Glauben hinter dem Berg halten, gibt heute natürlich auch, und sie haben oft gute Gründe. Es gibt Länder, in denen es lebensgefährlich ist, sich als Christ zu erkennen zu geben: Im Iran, auch in Pakistan droht die Todesstrafe für Moslems, die zum christlichen Glauben übertreten, in China wird man verdächtigt und überwacht, ebenso früher in den kommunistischen Ländern des Ostens. Bei uns fällt der Glaube in den Privatbereich, und viele scheuen sich, anderen etwas davon mitzuteilen, sich womöglich Kritik oder Spott gefallen lassen zu müssen.

Von daher setzt das Johannesevangelium schon hohe Maßstäbe, wenn es solchen Geheimchristen das Vertrauen versagt. Immerhin hat Nikodemus im Hohen Rat die Kritik an Jesus abgemildert und eine seriöse Vorgehensweise verlangt, hat am Ende auch mitgeholfen, den Leichnam Jesu ins Grab zu bringen und Kräuter zum Einbalsamieren im Übermaß bereitgestellt. Immerhin hat er das Gespräch begonnen, hat Jesus fast schon wie in einem Bekenntnis gesagt, wie sehr er ihn schätzt: „Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ Doch danach wird das Gespräch mit Jesus ein einziges Aneinander-Vorbeireden, ein Mißverständnis. Sie kommen nicht auf einen Nenner, und am Ende des Gesprächsgangs in Kapitel 3 ist Nikodemus völlig aus dem Blick geraten.

Der Punkt, an dem es sich entscheidet, ist der Satz, den Jesus unvermittelt antwortet: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Das Wort, das Luther „von Neuem“ übersetzt, kann gleichzeitig „von oben“ bedeuten. Beides muss mitgehört, mitgedacht werden. Während Nikodemus die – auch schon besondere, aber doch traditionelle - Glaubenswelt weiterführen will, in der es besonders begnadete Männer, Propheten, und auch Wunder gibt, erklärt Jesus, bekräftigt durch ein doppeltes „Amen“, einen radikalen Bruch: Neu – oder von oben – geboren werden, noch einmal von vorne anfangen, das verlangt dem Menschen und seinem Glauben einiges ab. Alles hinter sich lassen – manche wandern aus, ziehen weg, zu Hause wäre in völliger Bruch in der Lebensweise kaum zu bewältigen, oder es braucht dazu stärkste äußere Anlässe, wenn die bisherigen Sicherheiten wegbrechen: eine Lebenskrise, Scheidung, Arbeitsplatzverlust, Unfall oder Krankheit, Naturkatastrophen – die Vorstellungskraft reicht nicht aus. Bei Jesus aber geht der Bruch in der Lebenswirklichkeit von Gott aus. Neu geboren, mit neuen Augen erkennt man Jesus, als den von Gott gesandten Retter und Erlöser, den auf die Erde gekommenen Menschensohn, gleichbedeutend mit dem Menschen. Was er ist, leitet sich nicht von Herkunft oder Kindheitsprägungen ab; allein Gottes Wille macht ihn zu dem, was er ist. Hier kann und will Nikodemus nicht mitgehen, seine Lebenserfahrung, seine berufliche Stellung, wohl auch sein Glaube verbietet ihm, alles noch einmal auf Anfang zu stellen. So zieht er Jesu Satz ins Absurde: So ein alter Mensch wie ich kann doch nicht noch einmal in den Mutterleib hineinschlüpfen, um dann neu geboren zu werden. Jesus aber, vom Widerspruch unbeeindruckt, wiederholt seinen Satz mit einer kleinen Hinzufügung: nämlich „aus Wasser und Geist“ geboren zu sein. Beim Wasser denken Christen an die Taufe, die mit Wasser vollzogen, ein Akt der Übergabe an Gott, eines geistlichen Neuanfangs ist.

Es ist ein ungewisses Feld, auf das man sich begibt. Nur noch der Geist gibt Halt, Richtung und Ziel, und dieser Geist ist schwer zu fassen, unstet und kaum direkt erfahrbar. Wieder benutzt Jesus ein doppeldeutiges Wort, das gleichzeitig für „Wind“ und „Geist“ steht, der „Wind of Change“, der wirkt, nach bevor von dem Neuen etwas zu sehen ist. Es scheint nur eine vage Verheißung auf dem Geist zu liegen. Beim Wind wechselt ständig Richtung und Stärke, und dass er da ist, erkennt man erst an seinen Wirkungen, dem Rascheln der Blätter, dem Gefühl auf der Haut, dem Pfeifen und Brausen. Und wie mit dem irdischen Wind, so soll es auch mit dem Geist sein.

Man versteht, dass Nikodemus zögernd zurückfragt – sein letzter Beitrag im Gespräch: „Wie kann dies geschehen?“, so könnten wir genauso fragen. Wahrscheinlich muss man schon eine kleine Ahnung haben; einem ganz Außenstehendem erschließen sich die folgenden Sätze nicht. Dafür ist schon eine Gruppe geistbewegter Menschen notwendig, die über ihren Schatten von Angst und Zweifel gesprungen sind – und dies auch den anderen, zögernden vorhalten: „Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an.“ Sie haben den Bruch in ihrem Leben angenommen, sich auf den Neuanfang eingelassen, in dem Gottes Liebe in Jesus Gestalt gewonnen hat, und sie in ihrem Leben seiner Liebe und seinem Geist – und nichts anderem – vertrauensvoll folgen.