Gottesdienst am 31. Dezember 2020 – Altjahrsabend

Epistel: Römer 8,31b-39

31b Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt.

35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht (Ps 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« 37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

 

Evangelium: Matthäus 13,24-30

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

 

Predigttext: 2. Mose 13,20-22

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
21 Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.


 

Liebe Gemeinde!

Wir betrachten hier so etwas wie das Tagebuch einer Reise. Sie kennen das: Am Anfang ist noch alles neu und fremdartig, man saugt vieles in sich auf. Aber je mehr man sich einlebt, je mehr Eindrücke sich ansammeln, um so mehr verschwimmen die Erinnerungen: An welchem Tag war das, und wo war das nochmal? Bilder helfen, Ordnung hineinzubringen, oder eben kleine Stichworte, Erinnerungsstützen, wie in unserem Bibeltext.

Gerade mal die erste Station haben die Israeliten geschafft, aus dem Machtbereich des Pharao entkommen. Nun stehen sie am Rand der Wüste, sicher mit der bangen Frage, wie es weitergeht und wohin. Leicht wäre es, der Handelsstraße entlang der Küste zu folgen. Aber dort gäbe es bald kein Weiterkommen für diesen zusammengewürfelten Haufen. Dort wird die Grenze von Soldaten bewacht, dort liegen die Philisterstädte, gut befestigt und bewaffnet. Nun, Gottes Weitblick kalkuliert das mit ein: „Gott dachte es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägypten umkehren.“ (V. 17) Er aber will sie in die versprochene Freiheit führen. Ein Umweg durch ungebahntes Gelände – durch die Wüste – ist der einzige Ausweg.

Jetzt aber ist erst einmal Stillstand angesagt. Die erste von unzähligen Stationen der vierzigjährigen Wüstenwanderung, ein Lagerplatz. Nach der Aufregung des plötzlichen Aufbruchs kann man Atem, schöpfen, sich orientieren, die Gedanken der Zukunft widmen.

Dieses Jahr hat uns viel Stillstand geboten, erzwungenermaßen, Lockdown im Frühjahr und jetzt wieder ab Spätherbst. Reisen waren erschwert, Zuhausebleiben empfohlen. Und doch könnten wir ein Tagebuch dieser Jahresreise schreiben, das innere Auf und Ab, das Gewöhnen an neue äußere Bedingungen, die Angst vor einer unsichtbaren Bedrohung. Weil ein Thema dominierte, gab es auf vielen anderen Gebieten kaum Fortschritte, sie verschwanden aus der Wahrnehmung, sie wurden verschoben auf die Zeit, „wenn alles wieder normal wird“. Für die Antwort auf die Frage, ob es „Lehren aus der Pandemie“ gibt, scheint es mir noch viel zu früh. Gängige Rezepte wurden neu hervorgeholt: „Digitalisierung“ mit Distanzlernen und Zoom-Konferenzen, Nationalismus mit unkoordinierten Grenzschließungen, Föderalismus mit all den spezifischen Regelungen der Bundesländer, Ankurbeln der Wirtschaft durch riesige Geldsummen, aber auch internationale Forschung und Zusammenarbeit. Jede Menge „gefühlte Wahrheiten“ und „alternative Fakten“ wurden an die Öffentlichkeit gebracht, der „Mangel an Langzeitstrategien“ lautstark beklagt. Wichtigste Erkenntnis aber scheint mir, dass sorgfältige naturwissenschaftliche Arbeit ihren Stellenwert bewiesen hat, in der Bewertung der Faktenlage und der Entwicklung von Impfstoffen in Rekordzeit.

Wie geht es weiter? Das werden sich die Israeliten wohl auch gefragt haben. Hätte man ihnen gesagt, dass ihre Wüstenwanderung 40 Jahre dauern würde, hätten sie dann den Aufbruch gewagt? Wie schnell die Stimmung unter Menschen kippen kann, wissen wir nicht erst nach den Shitstorms in den „sozialen Medien“, nach den Protesten der sogenannten „Querdenker“. Schon den erschöpften und müden Israeliten erschienen die „Fleischtöpfe Ägyptens“ sicherer als die vage Verheißung eines freien Lebens im gelobten Land, und ihre Ungeduld und Enttäuschung ließen sie aus an Mose und an Gott. Es war ein anstrengendes Wagnis, damals wie heute, ist, sich immer wieder neu entscheiden zu müssen, auf eine Zukunft zu vertrauen, die noch nicht einmal in Umrissen sichtbar ist, und sich dabei Schritt für Schritt voranzutasten.

Vor den Israeliten ging Gott, der HERR, der aus dem brennenden Dornbusch zu Mose gesprochen hatte. Diese Initialzündung hatte den ganzen Prozess des Auszugs aus Ägypten in Gang gesetzt. Und nun wies er dem ganzen Volk als Wolken- und Feuersäule den Weg – so schildert es unser Predigtabschnitt. Rauch und Feuer dienten früher der Nachrichtenübermittlung, nicht nur bei den Indianern. Auf Berggipfeln gab es Signalstationen; auch in Israel ist dies belegt, etwa in Briefen aus der Stadt Lachisch, wo das Vorrücken des babylonischen Heeres gemeldet wurde. Gottes Botschaft an die Israeliten war: „Hier bin ich. Ich bin euch nahe. Ich gehe mit euch.“ Seine Gegenwart erschien wie ein Fanal, ein Leuchtfeuer, das verlässliche Orientierung gab und sich doch in bewegten Zeiten selbst mit bewegte.

Wie weit ist man hier noch auf dem Boden der Realität? Wie praktisch wäre es, auch heute solch eindeutige Wegweiser zu haben! Einfach mitkommen, ohne die Gefahr, sich zu verlaufen! Wo ist die Wolken- und Feuersäule geblieben? Orientierung gaben den Israeliten, den Juden bis heute die Gebote vom Sinai. Sie markieren gangbare Wege und Abwege. Rauch und Feuer fanden ihren Platz bei den Opferaltären im Tempel, bezeichnen die Gegenwart Gottes z.B. bei der Berufung des Jesaja (Kap. 6). Als Christen ist uns die Nähe Gottes angesagt in Jesus Christus, nun nicht in Rauch und Feuer, sondern in Fleisch und Blut. Das elementare Bedürfnis nach Gottes Nähe ist geblieben, die Vorstellung ist auf eine geistige Ebene gehoben. Aber es bleibt die unbedingte, verlässliche Zusage: von dem „niemals wich die Wolkensäule“ bis hin zu „ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“