Gottesdienst am 31. Mai 2020 – Pfingstsonntag

Vorspiel

Begrüßung

Lied: 564,1-3 Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft

Sündenbekenntnis

178,4 Pfingst-Kyrie

Gebet

Lesung Evangelium: Joh 14,15-19

Glaubensbekenntnis

Lied: 130,1-3 O Heilger Geist, kehr bei uns ein

Predigttext: Apg 2,1-21

Predigt

Lied: 124,1-3 Nun bitten wir den Heiligen Geist

Fürbitten

Vaterunser

Segen

Lied: 562 Der Himmel geht über allen auf


 


Evangelium: Johannes 14,15-19


15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit:

17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.

19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

 

Epistel, zugleich Predigttext: Apostelgeschichte 2,1-21

 

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort.

2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen,

4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.

6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer?

8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?

9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia,

10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen,

11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte!

15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages;

16 sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):

17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;

18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;

20 die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt.

21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«


 

Liebe Gemeinde!

„Alle beieinander an einem Ort“ - davon sind wir immer noch weit entfernt. Viele sind zusammengekommen, manche aber bleiben immer noch zu Hause, weil sie kein Risiko eingehen möchten. Ich kann das verstehen. Heute haben sich viele andere Möglichkeiten, Gemeinschaft zu vermitteln, eine „Community“ zu bilden: Telefon und die digitalen Medien, die gerade einen ungeheuren Entwicklungssprung machen, machen es leicht, in Kontakt zu bleiben. „Alle beieinander am einem Ort“ - das war eine noch überschaubare Gruppe, zwölf Apostel, einige Frauen dazu, was von der Jesusbewegung übrig geblieben war – es passte in ein Haus. Ein verlorener Haufen, könnte man sagen, wären da nicht die Hoffnung auf das Reich Gottes und die Begegnung mit dem Auferstandenen Jesus. Ob sie Angst hatten? Der Evangelist Lukas berichtet davon nichts. Wohl aber war die Frage, ob sie „systemrelevant“ waren, ob sie etwas würden verändern können; einen frischen Wind, eine neue Sicht.

Es kam – nach dem jüdischen Festkalender – nach Passa nun das Wochenfest Schawuot, ein Dankfest für die ersten Erntefrüchte, ein Lobfest für Gottes Offenbarung am Sinai. Dieses Fest brachte die Menschen in Bewegung, als allen Richtungen strömten die Pilger nach Jerusalem. Konnte man sich noch mehr Bewegung vorstellen?

Was folgte, war jenseits der Vorstellungskraft: Ein Brausen vom Himmel, Feuerzungen, und dann ein Wort dafür: Heiliger Geist“. Es klingt nach einer überwältigenden Erfahrung, die alle mitriss, begeisterte, über die Grenzen ihres bisherigen Lebens hinauskatapultierte – hinaus aus der Vertrautheit, aus dem Haus auf die Straße, aus der kleinen Gruppe in die namenlose Menge. Wir alle wissen, wie beängstigend es sein kann, vor anderen zu sprechen. Man macht sich sichtbar, angreifbar, verletzlich, um so mehr, wie einem das zu Sagende am Herzen liegt. Finde ich die richtigen Worte? Mache ich mich verständlich?

 

Das ist nicht im Voraus planbar. Pfingsten ist nicht „machbar“. Mit dem Heiligen Geist ist nicht zu „rechnen“ Ich erinnere mich an eine Kinderbibelwoche zum Heiligen Geist, wo im Rollenspiel „Begeisterung“ vorgesehen war. Es fühlte sich mehr wie ein großes, lautes Durcheinander an. Aber vielleicht war das auch nicht ganz verkehrt. Wenn sich etwas ändert, kommt erst einmal Verwirrung, Orientierungslosigkeit, auch vielleicht Angst, ein Abschiednehmen von allem, was sicher geglaubt und gewusst wurde. Eine einzige spöttische oder zynische Bemerkung kann alles zunichte machen. Wir wissen, wie leicht Massen zu beeinflussen sind, wie schnell Stimmungen kippen und alle Hemmungen fallen können.

 

Daher ist es wichtig zu sehen, was denn in dieser Menge vor sich geht: Es ist Verständigung, Kommunikation, ein Quantensprung in der Mitmenschlichkeit. Es gibt etwas zu sagen, und das in der Vielfalt der Sprachen. Wer mitzählt, wird von fünfzehn verschiedenen Völkern hören, das ist mehr, als auch ein sprachbegabter Mensch meistens lernt. Mein erster Schwiegervater, der aus dem Baltikum stammte, erzählte: Bei uns konnte jeder Bub auf der Straße fünf Sprachen: lettisch, russisch, polnisch, jiddisch und deutsch. Und ich erinnere mich an einen Schüler, der in seiner Asylbewerberunterkunft gelernt hatte, in sieben verschiedenen Sprachen zu fluchen – darauf war.er richtig stolz. Hier, an Pfingsten, wird deutlich, dass der Glaube der Christen die Grenzen von Sprache und Nationalität mühelos sprengt. Pfingsten ist nicht nur, wie oft gesagt, die Geburtsstunde der Kirche, sondern der Ökumene, was nicht weniger heißt als „die gesamte bewohnte Welt“. Brauchte es diese Pandemie, um deutlich zu machen, wie sehr wir untereinander vernetzt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, wie wenig nationale „Lösungen“ dem Problem angemessen sind? Und über den Inhalt der Rede musste nicht erst groß abgestimmt werden: „wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden“.

Das verlangt nach Erklärung, und auch in einer nie dagewesenen Situation kann man auf die geformten Worte der Bibel zurückgreifen, in diesem Fall auf den Propheten Joel. Der Rückgriff ist ein Vorgriff, den er beschreibt Geschehnisse der letzten Tage. Mit der Ausgießung des Geistes verbunden sind göttliche Zeichen, Werden und Vergehen, umwälzende Ereignisse, mehr als uns allen lieb ist. Eine geordnete, gradlinige Entwicklung wäre uns lieber, stetiger Fortschritt zu mehr Humanität und Gerechtigkeit. Statt dessen wird von Visionen und Träumen geredet. Nun – Visionen hat inzwischen jedes mittelgroße Unternehmen. Aber Träume – damit stellt man sich außerhalb der Realität. Hier werden sie ernst genommen und fruchtbar gemacht, die Fragen und Erkenntnisse des Unbewussten. Alt und Jung, Männer und Frauen – jede und jeder kann mitreden und mitbestimmen, wie von Ahnungen und fern gesteckten Zielen her eine Bewegung entsteht. Das Wirken des Geistes geht aus von scheinbar zweckfreiem Tun: Lob Gottes, dazu Tag- und Nachtträume, weit zurückliegende Prophezeihungen. Was für eine zerbrechliche Grundlage, darauf eine Kirche zu bauen!

Aber anscheinend gibt es nichts anderes, bis heute nicht. Die Kirche, als Institution verstanden, kann den Geist nicht garantieren, kann nicht bestimmen, ob ihre Bestimmung angenommen wird. Vielleicht ist es gut, dass sie in den Augen vieler nicht zum „System“ gehört, das gibt Freiheit, Beweglichkeit, Mut zu Versuch und Irrtum. Unser Auftrag „von oben her“ ist begründet, und sucht sich seine Wege und Mittel immer wieder neu. Wichtig scheint mir nur, das was da aufkeimen will, nicht gleich wieder totzureden: „da kommt doch keiner“, „das interessiert doch niemanden“, und was ähnliche Phrasen sind. Statt dessen könnte man einfach und bescheiden Gott Raum lassen für das, was er tun will. „Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.“