Gottesdienst am 5. April 2020 - Palmsonntag

Epistel: Philipper 2,5-11

Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Evangelium: Johannes 12,12-19

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, 
nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!
Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):
»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat.
Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.
Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Predigttext: Markus 14,3-9

Als als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

Liebe Gemeinde!

An Konflikten wird deutlich, wo jemand steht. Die sonst verborgenen Motive und Voraussetzungen des Denkens und Urteilens werden für alle sichtbar in den Menschen, die in diesem Konflikt eine Rolle spielen.

Da sitzt eine Runde um Jesus bei Simon dem Aussätzigen – auch das schon bemerkenswert – beim Mahl. Er werden wohl fast ausschließlich Männer gewesen sein, denn Frauen blieben, ausgenommen vielleicht die Gattin des Gastgebers, unsichtbar im Hintergrund.. Doch nun kommt diese Frau und fällt gleich aus der Rolle. Wortlos nimmt sie ein kostbares Glas- oder Alabastergefäß, zerbricht es, und lässt ebenso kostbares Duftöl auf Jesu Haupt strömen. Überwältigender Wohlgeruch erfüllt den Raum, mehr als nur ein Hauch von Luxus. Es wird.wohl einige Momente gedauert haben, bis sich die Übrigen von ihrer Verblüffung erholt haben. Aber dann kommt es zum Krach, lautstark und heftig. „Sie fuhren sie an“, genauso wie zuvor, als Leute Kinder zu Jesus bringen wollten. Sie wollten bestimmen, was und wer in die Nähe Jesu passt. Und hier scheint das Urteil klar: Völlig unpassend! Sie argumentieren im Namen von Vernunft und Moral. Denn sie haben natürlich gleich das „unsichtbare Preisschild“, den Marktwert erkannt: Dreihundert Denare, das heißt mal der Tageslohn eines einfachen Arbeiters. Welche Verschwendung!

Aber es ist zu spät: das Gefäß ist zerbrochen, das Öl fließt nicht mehr in die Flasche zurück. Unter diesen Umständen lässt es sich leicht diskutieren, die Frau als eine sich Schuldige machende hinstellen und sich selbst seines guten Gewissens vergewissern: „Man hätte das Geld den Armen geben können!“ Wirklich? Es ist keineswegs sicher, dass die Umsitzenden es getan hätten. Wie oft redet man selbst im Konjunktiv – „ich sollte“, oder noch schlimmer: „man sollte, man müsste eigentlich mal...“. Fragen wir uns ehrlich: Wie viele solcher Sätze haben wir in die Tat umgesetzt? Und ist nicht Überschwang, Luxus und Verschwendung in gewissem Maß für uns alle normal. Da gibt es Hobbies, die in den Augen anderer reine Zeitverschwendung sind, da engagiert man sich für Anliegen, ohne zu wissen, ob man am Ende damit Erfolg hat, da gibt man Geld für Dinge aus, die man eigentlich nicht braucht. Die momentanen Beschränkungen machen einem deutlich, wie unbefriedigend es ist, sich nur auf das gerade unbedingt Nötige zu konzentrieren. Und gleichzeitig ist es natürlich richtig, angesichts unseres nicht nur an einzelnen Stellen, sondern generell verschwenderischen Lebensstils die Armen nicht zu vergessen und unsere Verhaltensweisen kritisch zu betrachten. Insofern mag von einem überzeitlichen, moralischen Standpunkt das Tun dieser Frau angreifbar sein.

Aber es war auch eine Demonstration, eine Provokation, eine wortlose prophetische Tat. Hier kommt nun der Faktor „Zeit“ ins Spiel. Geld hat – normalerweise – immer seinen Wert. Es käme den Armen heute, morgen oder auch übermorgen zugute. Dagegen musste die Salbung,jetzt passieren, es war keine Zeit zu verlieren. Denn Leiden und Tod Jesu standen unmittelbar bevor. Es ging der unbekannten Salberin nicht um den Wert der Salbe, sondern den Wert Jesu. Was jemand wert ist, wird leider oft erst deutlich, wenn der Betreffende nicht mehr am Leben ist. Sie ergreift den unwiederbringlichen Moment, an dem Beziehung möglich ist.

Und Jesus stellt sich schützend vor die Frau. Er legt die unredlichen Hintergedanken frei, indem er sie bedingungslos lobt: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ Das ist nicht mehr lange möglich, und ob jemand aus der Runde der Kritiker die Gelegenheit noch genutzt hat, wissen wir nicht. Denn die Zeit für sein gutes Werk der Erlösung, für seine verschwenderische Liebe war gekommen.

Die Frau aber, deren Name nicht einmal überliefert wurde, bleibt im Gedächtnis: für ihren Mut und ihre herausfordernde Tat der zärtlichen Liebe und Verehrung.

 

Dazu könnte man singen: Liebe ist nicht nur ein Wort (EG 650)

  1. Liebe ist nicht nur ein Wort. Liebe, das sind Worte und Taten.
    Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren, als Zeichen der Liebe für diese Welt.

  2. Freiheit ist nicht nur ein Wort. Freiheit, das sind Worte und Taten.
    Als Zeichen der Freiheit ist Jesus gestorben, als Zeichen der Freiheit für diese Welt.

  3. Hoffnung ist nicht nur ein Wort. Hoffnung, das sind Worte und Taten.
    Als Zeichen der Hoffnung ist Jesus lebendig, als Zeichen der Hoffnung für diese Welt.