Gottesdienst am 5. April 2021 – Ostermontag

Epistel: 1. Korinther 15,50-58

50 Das sage ich, liebe Brüder und Schwestern, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. 51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; 52 und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. 53 Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. 54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen in den Sieg. 55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« 56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. 57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

58 Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid fest und unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, denn ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

 

Evangelium: Lukas 24,13-35
 

13 Zwei von den Jüngern gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war.

28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

 

Predigttext: Offenbarung 5,6-14
 

6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. 7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. 8 Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, 9 und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen 10 und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.

11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; 12
die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

13 Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! 14 Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

 

Liebe Gemeinde!

Wenn man die Offenbarung liest, fühlt man sich wie in einen Fantasy-Roman versetzt. Kaum ein Anhaltspunkt zu unserer normalen Wirklichkeit ist zu finden, kaum eine klare Aussage, die spontan einleuchtet. Alles wirkt wie ein riesiges Rätsel, und die Schlüssel dazu muss man erst finden. Eine erste Hilfe ist die Gliederung dieses Buches. Wie bekannt, hatte Johannes, der als Verbannter auf der Ägäisinsel Patmos lebte, eine Vision, die er gezwungen war niederzuschreiben. Die Höhle, wo dies der Tradition nach geschah, kann man heute noch besichtigen. Das Buch enthält zunächst zwei große Visionen, eine die eines Menschensohnes im ersten Kapitel, die andere von Gott und seinem himmlischen Hofstaat in Kapitel 4 und 5. Dazwischen finden sich Sendschreiben an die „Engel“ von sieben Gemeinden in Kleinasien. In Kapitel 5 taucht ein Buch mit sieben Siegeln auf, und damit sind wir schon bei unserem Predigttext. Stück für Stück werden dann die Siegel geöffnet, und mit Posaunenklängen und ausgeschütteten Schalen des Zorns steigern sich die Verderbnisse bis zum Schluss, wo Gott die Herrschaft antritt und die neue Welt mit dem himmlischen Jerusalem, das auf die Erde kommt, anbricht. Genau, wie dieses Buch als ganzes erhebliches Durchhaltevermögen beim Lesen fordert, soll es das Durchhaltevermögen der Christen um das Jahr 100 stärken, die schweren Verfolgungen ausgesetzt sind: Ein Trostbuch, wo nach langen, ausführlich beschriebenen Leidenszeiten am Ende eine neue Schöpfung Gottes für die Erwählten steht. Dazwischen sind immer wieder Einblicke „in den Himmel“ eingefügt, Hymnen, die im Lobpreis schon vorwegnehmen, was als Erlösung auf der Erde erst noch zu erwarten ist. Und noch ein zweites Element hilft zum Verständnis: Viele der bildhaften Ausdrücke hat Johannes nicht neu erfunden, sondern aus der hebräischen Bibel entnommen und für sein Anliegen neu zusammengefügt. Sein Anliegen heißt: Ermutigung für alle Christen, die unter Verfolgung und Unterdrückung ausharren müssen, während sie auf Gottes Eingreifen und die Wende ihres Schicksals warten.

Die Szenerie unseren Predigttextes ist nicht auf der Erde zu finden. Sie spielt im Himmel vor Gottes Thron, der von 24 Ältesten umgeben ist und an dem vier geflügelte Wesen schweben – ähnlich den Cherubim bei der Berufung des Propheten Jesaja. Sie haben die Gestalten von Löwe, Stier, Mensch und Adler, die später die Symbole der Evangelisten wurden. Nun erscheint in der Hand Gottes eine Schriftrolle, auf Vorder- und Rückseite beschrieben, mit sieben Siegeln versiegelt. Es war so üblich, dass man bei Urkunden den Text oder eine Zusammenfassung auf die Außenseite anbrachte. Wenn man dann die Siegel aufbrach und die Urkunde öffnete, trat rechtsverbindlich in Kraft, was innen geschrieben war. Aus geschriebenen Worten wurde nun Wirklichkeit.

Das war wohl auch bei dieser himmlischen Schriftrolle der Fall. Die wichtigste Frage im Ablauf des 5. Kapitels ist nun, wer fähig und würdig ist, diese Schriftrolle mit den Siegeln zu öffnen. Das ist heute bei einem Buch keine entscheidende Frage, selbst wenn es in Folie eingeschweißt ist. Man wird auch nicht erwarten, dass die Handlung des Buches tatsächlich eintrifft. Anders ist es bei einer Testamentseröffnung: Dafür sind eigens Justizangestellte zuständig, und jedes Wort hat Folgen für die Erben. Ein anderer Vergleich wäre der antike Mythos von der Büchse der Pandora. Dieser, von Zeus aus Lehm geschaffen, wird eine Büchse anvertraut, mit der Bedingung, sie weiterzugeben, aber sie keinesfalls zu öffnen. Nun, wie wir Menschen eben sind, tut sie es trotzdem, und alles, was das Leben schwer macht, quillt unwiderruflich heraus: Arbeit und Mühe, Bosheit und Betrug, Krankheiten und Tod. Allein die Hoffnung soll noch darin geblieben sein, als der Deckel schnell, aber doch zu spät wieder geschlossen wurde.

Der Unterschied zu diesem Mythos liegt in zwei Punkten: Zum einen ist in der Offenbarung, trotz allen Unheils und aller Rückschläge der folgenden Kapitel, letztlich Heil und Erlösung das Ziel. Zum zweiten ist es kein unglücklicher Zufall und kein menschliches Versagen, dass die Schriftrolle geöffnet wird, sondern es ist, nachdem im ganzen Thronrat Gottes niemand gefunden wurde, allein einer einzigen Gestalt von höchster Würdigkeit vorbehalten, sie zu öffnen: Das Lamm, das wiederum mit eigenartigem Äußeren geschildert wird. Es hat sieben Augen und sieben Hörner, es trägt die Spuren des im Orient üblichen Schächtens, bei dem mit einem einzigen Schnitt am Hals alles Blut abfließt und der Tod eintritt. Christus ist dieses Lamm, das Opferlamm, zu Tode gekommen wie auch die dazu gehörigen Gemeinden dem Ausbluten und Verschwinden nahe sind. Aber sein Eingreifen bringt die Wende. Ohne den Bruch der Siegel wäre keine Veränderung in Sicht. Das Öffnen der Schriftrolle dagegen setzt die Ereignisse der Endzeit in Gang. Wie beim Ablaufen eines Uhrwerks, wie beim Drücken eines Start-Knopfes beim Computer wird ein Programm in Bewegung gesetzt, das überhaupt die Möglichkeit einer Besserung eröffnet. Auf der Erde mag davon noch wenig zu spüren sein. Die Hymnen dagegen sprechen eine andere Sprache, sie nehmen das Erwartete schon vorweg. Alle, die um den Thron Gottes versammelt sind, singen dies neue Lied: „Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.“ Ein neues Gottesvolk ist im Entstehen, und wer gemeinsam singen kann, der kann auch einig glauben und handeln. Wie ein Echo fallen nun hunderttausende von Engeln ein: „Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ Es sind österliche, hoffnungsvolle Klänge, Perspektiven über eine ernüchternde Gegenwart hinaus. Ein vierfacher Lobpreis Gottes und Christi bildet den Abschluss: „Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ Dazu ist nur noch „ Amen“ zu hören, und die Ältesten verharren ab da in stiller Anbetung.

Können die Worte der Offenbarung uns heute überzeugen? Erst einmal ist es wie ein Ausflug in eine fremde Welt. Dass der Glaube bis aufs Blut herausgefordert wird, müssen wir Gott sei Dank nicht befürchten. Die Offenbarung war ein Stück Untergrundliteratur, die mit Hilfe einer bildreichen, alttestamentlich inspirierten Symbolsprache den bedrängten Christen Hoffnung machen wollte. Einen genauen Zeitplan auf das Ende hin, wie viele es zu berechnen versucht haben, gibt sie nicht. Sie will die Erwartung wach halten, dass Gott, der im Himmel herrscht, auch auf der Erde Gutes bewirkt, und dass sich Vision und Wirklichkeit, Himmel und Erde einander annähern. Die hymnischen Lobgesänge sind darin wie Fenster zum Himmel, wie Botschaften des Lichts, wie Quellen der Hoffnung. Darin gleichen sie unseren Ostergesängen, die ebenso in der Vorwegnahme von einer von Gott in Christus neu geschenkten Wirklichkeit sprechen, in der der Tod, Angst und alles Leid überwunden sind.