Gottesdienst am 6. Juni 2021 – Erster Sonntag nach Trinitatis

Epistel: 1. Johannes 4,16b-21

16b Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. 19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. 21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.


 

Evangelium: Lukas 16,19-31

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.

23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. 26 Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.

30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.


 

Predigttext: Jona 1,1 – 2,2.11

1 Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: 2 Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.

3 Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom Herrn.

4 Da ließ der Herr einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. 5 Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. 6 Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. 7 Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona. 8 Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? 9 Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. 10 Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem Herrn floh; denn er hatte es ihnen gesagt. 11 Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. 12 Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.

13 Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. 14 Da riefen sie zu dem Herrn und sprachen: Ach, Herr, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, Herr, tust, wie dir’s gefällt. 15 Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. 16 Und die Leute fürchteten den Herrn sehr und brachten dem Herrn Opfer dar und taten Gelübde.


1 Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. 2 Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches.

1 Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.



Liebe Gemeinde!


 

Hat der liebe Gott Humor? Die Geschichte des Jona könnte diese Frage aufblitzen lassen. Denn sie ist vielschichtiger, als sie auf den ersten Blick erscheint. Sicher, man kennt die Szene mit dem Wal – oder einfach einem großen Fisch –, man weiß, wie sie im Neuen Testament zitiert wird als ein Hinweis auf die Auferstehung, die drei Tage und Nächte im Bauch des Fisches. Das spannendere Thema aber ist, wie hier Gott und Mensch – der spezielle Mensch Jona – jeweils aufeinander reagieren, dabei versuchen, sich gegenseitig auszutricksen, den eigenen Willen durchzusetzen. So ergibt sich keine geradlinige Handlung, sondern eine große Schleife im Leben, ein Um- und Irrweg, an dessen Ende Jona genau dort angekommen ist, wo er Tage zuvor seine Reise begonnen hatte.

Am Anfang steht der göttliche Auftrag: „Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.“ Jona wird angesprochen mit seinem Vatersnamen, nicht aber als Prophet. Der bibelkundige Leser aber weiß von einem solchen Prophet, der in 2. Könige 14 erwähnt ist, ohne dass von seinem Leben etwas genauer bekannt ist. Für den Leser bedeutet dies, sich in eine lang zurückliegende Vergangenheit zu begeben, wie wir es bei historischen Romanen auch tun, sich zurückzulehnen und interessiert zu verfolgen, wie sich wohl die Handlung entwickelt.

Der kurze Auftrag Gottes besteht aus drei Teilen: Mache dich auf, geh nach Ninive, predige dort. Den ersten Teil übersieht man leicht, denn jedes Vorhaben muss irgendwann vom Wort zur Tat werden. Bei den anderen Propheten ist es so, dass nach vielleicht anfänglichem Widerstand bei der Berufung sie auf Gedeih und Verderb dem Wort Gottes ausgeliefert sind, dass sie oft genug Unglück und Schrecken verkündigen, weil sie es müssen. Hier, bei Jona, scheint eine ganz andere Freiheit Gott gegenüber zu herrschen, und er ist entschlossen, sie zu nutzen. Wörtlich folgt er dem Auftrag, zumindest in seinem ersten Teil. Er macht sich auf, aber genau in die andere Richtung, westlich zum Hafen Jafo, wo er auf ein Schiff steigt, das ihn möglichst weit weg, nach Tarschisch, das vielleicht in Spanien liegt, zu bringen. Warum? Traut er sich nicht, oder traut er Gott nicht? Was hat ihn an dem Auftrag verschreckt? Dass er diesen Auftrag Gottes ganz allein ausführen sollte? Oder die Erwähnung der großen Stadt Ninive, die als Hauptstadt der feindlichen, hochgerüsteten Assyerer für lange Zeit mit Angst und Schrecken verbunden blieb? Und dann noch die Zumutung, „gegen sie“ zu predigen? Vielleicht war es alles miteinander, das ihn Hals über Kopf die Flucht ergreifen ließ, sozusagen „koste es, was es wolle“, denn die Überfahrt musste auch noch bezahlt werden.

Damit waren – aus der Sicht Gottes – die Weichen von Anfang an falsch gestellt. So würde er nie nach Ninive kommen, es sei denn, sein göttliches Eingreifen würde die Kurskorrektur erzwingen. Und genau das geschieht: Das Schiff gerät in einen Sturm. Jona hatte in seiner Furcht vor Ninive wohl vergessen, dass, sondern genauso auf offener See Gefahren lauern. Aber auch Gottes Handeln, nun nicht mehr mit dem Wort, sondern durch die Naturkräfte, lasst Fragen offen: denn nicht nur Jona bekommt die Folgen seines Handelns zu spüren, sondern die ganze, bunt zusammengewürfelte Besatzung des Schiffes gerät mit in Lebensgefahr. Dabei allerdings verhalten sie sich vorbildlich. Sie machen das Schiff leichter, indem sie die Ladung über Bord geben, und danach widmen sie sich dem Gebet. Nur einer macht nicht mit, Jona. Tief im Bauch des Schiffes schläft er und muss zu seinem Gebet erst ermahnt werden. Nun holt ihn seine Geschichte wieder ein. Durch Losentscheid ergibt sich, dass er der Verursacher des Unheils ist. Aber anstatt ihn sich vom Leib zu schaffen, geben seine Mitreisenden ihm erst noch Gelegenheit, von seinem Glauben, von seinem Gott zu sprechen – nichts anderes hätte er in Ninive auch tun sollen. Hier, im tosenden Sturm, auf schwankenden Planken, hören sie von ihm: „Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.“ Fürchtet er ihn wirklich? Das Glaubensbekenntnis, das die anderen sichtlich beeindruckt, wartet bei ihm noch auf die Einlösung in der Tat. Und wiederum beispielhaft, nachdem alle anderen Maßnahmen vergeblich sind, wird unter Unschuldsbeteuerungen zu allerletzt der Vorschlag Jonas aufgegriffen, dass man ihn doch ins Meer werfen solle. Sie, allesamt Heiden, bitten den Gott Israels um Vergebung für das, was sie tun müssen: „Denn du, Herr, tust, wie dir's gefällt.“ Und indem sie Jona dem sicheren Tod übergeben, beruhigt sich die See, und beginnen nun, dem Gott Israels Lob und Dank abzustatten.
So gewinnt nun Gott – trotz oder gerade wegen des widerspenstigen Jona – an diesem unwahrscheinlichsten Ort weitere Gläubige hinzu. So kann man bis dahin der Geschichte durchaus positve Wirkungen abgewinnen.

Was aber sollte nun mit Jona geschehen, der so lange Zeit schon „auf dem falschen Dampfer“ war? Gott verliert ihn nicht aus den Augen. Das ist die tröstliche Botschaft der Geschichte. „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“ - wie im Lied wird Jona im Fallen, im Untergehen noch gerettet – im Bauch eines großen Fisches. Anders als in der vorigen Szene, werden nicht viele Worte darum gemacht. Der Fisch verschluckt ihn, der Fisch spuckt ihn wieder aus. Es klingt wie ein Märchen, und hat auch Vorbilder in der indischen und griechischen Literatur. Nur: Auftraggeber ist wiederum Gott, er hat den Fisch „bestellt“, er „ließ ihn kommen“., er ist dem Jona immer einen Schritt voraus. Und das macht das heiter-hintergründige der Jonageschichte aus: Der Mensch denkt, Gott lenkt – der Mensch dachte, Gott lachte, so könnte man zusammenfassen. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten“ - so heißt es im Psalm 139, so hätte es Jona lesen können, und so hat er es dann selbst erfahren müssen, um dann – und das ist die größte Ironie – noch einmal an der selben Stelle mit dem selben Auftrag ein zweites Mal zu beginnen. Gott ist großmütig, er gibt Jona unverdient eine zweite Chance. Aber er ist auch hartnäckig, wenn es um seine großen Ziele geht. Und die sind bei der Rettung des Jona noch nicht am Ende, sondern erst, wenn auch die große heidnische Stadt Ninive gerettet ist. Gott, der den Jona stets im Blick behält, sieht auch die ganze Welt, ob gläubig, ob heidnisch oder atheistisch, als seine Welt, als Handlungsfeld für die willigen und auch unwilligen Menschen, denen es auch an den unwahrscheinlichsten Orten gelingt, Menschen von Gottes Güte zu überzeugen.