Gottesdienst am 7. Februar 2021 - 2. Sonntag vor der Passionszeit - Sexagesimä

Epistel: Hebräer 4,12-13

 

12 Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.

 

 

Evangelium, zugleich Predigttext: Lukas 8,4-15

 

4 Als eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. 8Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
 

9 Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. 10 Er aber sprach: Euch ist’s gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches Gottes, den andern aber ist’s gegeben in Gleichnissen, dass sie es sehen und doch nicht sehen und hören und nicht verstehen.


11 Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. 13 Die aber auf dem Fels sind die: Wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14 Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. 15 Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wollte Jesus uns ein Rätsel aufgeben mit seinem Gleichnis? Oder wollte er uns, Schritt für Schritt, in seine Welt hineinführen, mit einer Geschichte, die gut vorstellbar ist, aber ausgedacht und deswegen auf eine tiefere Wahrheit hinweisen will. Es ist – wie Dorothee Sölle es ausdrückt – Theo-Poesie, zärtlich umschreibende Rede von Gott. Das lässt Spielraum für die Phantasie, das sperrt sich gegen vermeintliche Eindeutigkeiten.

 

Der äußere Vorgang ist vollkommen klar. Ein Bauer bestellt sein Feld, er hat sich Samen zurückbehalten, damit auch im nächsten Jahr geerntet werden kann. Bis heute ist das Grundlage der Landwirtschaft. Aus Samen wachsen die Feldfrüchte, und diese sorgen nicht nur für die eigene Vermehrung, sondern der Überschuss ist Nahrung zum Überleben. Der Ertrag kann schwanken, er ist von den äußeren Umständen abhängig: Feuchtigkeit, Temperatur, Licht und eben der Qualität des Bodens. Was heute minutiös erforscht ist, war damals Wunder und Plage zugleich. Mit der „neolithischen Revolution“, also der Erfindung des Ackerbaus, waren Mühen und Rückschläge verbunden, bis die neue Nahrungsquelle eine wachsende Bevölkerung versorgen konnte. Das Wissen um den Ackerbau wurde damals schon systematisch gesammelt und in Lehrbüchern festgehalten. Aber die einfachen Bauern gaben ihr Erfahrungswissen sicher meistens mündlich weiter – wir kennen es als Bauernregeln.
Der Sämann im Gleichnis geht entschlossen, aber vielleicht ein wenig sorglos vor. Scheinbar ungezielt verteilt er den Samen, an erfolgversprechenden Stellen ebenso wie auf Weg, Steine und Dornengestrüpp. War das ein Kleinbauer, dessen Feld nach vielen Aufteilungen so klein war, dass man beim Säen immer gleich noch den Weg traf, und dessen Boden nur an wenigen Stellen überhaupt Ertrag bringen konnte? Jedenfalls – und bei den Gleichnissen Jesu muss man immer auf die Auffälligkeiten achten – wurde an vielen Stellen nichts aus der Ernte. Vögel pickten die Saatkörner auf, Dornen überwucherten sie, der steinige Boden trocknete zu schnell aus. Und trotzdem gibt es einen überraschend positiven Schluss: Denn auf dem guten Land trägt der Acker Frucht, hundertfach.

 

Dieser optimistische Grundzug ist typisch für Jesus, für die Erwartung des Reiches Gottes. Fülle und Erfüllung wird angesagt, die Vorstellung einer neuen Welt, die schon in unsere Zeit hineinreicht. Alles Misslingen, alle Fehlschläge werden durch den letztendlichen Erfolg aufgewogen. Das Bild ist so eindringlich, dass es haften bleibt. Das Gleichnis steht – immer wieder leicht verändert – nicht nur in drei ersten biblischen Evangelien, sondern auch noch im Thomasevangelium, einem in der ägyptischen Wüste gefundenen frühchristlichen Werk. Anscheinend aber wurde das Gleichnis schon früh als erläuterungsbedürftig, als problematisch empfunden. Denn als einziges ist ihm eine detaillierte Ausdeutung beigefügt, dazu eine Erklärung, warum die Gleichnisse nur den Jüngern vorbehalten sein sollen.

 

Woher der Zweifel? Hatte man sich in grenzenlosem Optimismus verschätzt, die nötige Geduld für die Überwindung von Widerständen nicht mehr aufgebracht? Erwartete man sich mehr Reich Gottes und weniger alltägliche Mühen? Jedenfalls scheint mir ein seelsorgerliches Anliegen hinter der Fortschreibung des Gleichnisses zu stehen. Aber dabei wird gleichzeitig die Deutung eingeengt, wie bei einem Witz, der nicht mehr lustig ist, wenn man am Ende noch eine lange Erklärung dazugeben muss. Der Zweifel hing wohl mit dem Sehen, mit dem Hören zusammen, oder dass sicht- und hörbare Fortschritte ausblieben. Wer nicht zur Jüngergemeinde gehörte, hat sich anscheinend keine Mühe gegeben, den Worten Jesu Tiefe abzugewinnen. Umso mehr war das intensive Hören, das Schmecken und Sehen seiner Worte auf das Reich Gottes den Jüngern ans Herz gelegt.

 

Und weil wohl viele sich von der Botschaft Jesu angesprochen fühlten, aber die Begeisterung schnell wieder verflog – und die angegebenen Gründe sind wohl beispielhaft zu verstehen - , weil sich ein Gefühl von Enttäuschung und Erfolglosigkeit einstellen wollte, gewann der optimistisch strahlende Schluss von Neuem Bedeutung. Was im Gleichnis der Acker war, das soll jetzt das Innere, das Gefühls- und Glaubensleben sein. Der gute Boden, auf dem das Wort bleibt und kräftig wird und wirkt. Bevor vorzeigbare, zähl- und messbare „Erfolge“ erscheinen, braucht es Zeit und Raum zum inneren Wachstum, braucht es Geduld und ein nicht müde werdendes Hinhören, Hinschauen auf die kleinen Veränderungen, mit denen Gottes Reich beginnen will.