Gottesdienst am 8. August 2021 – Zehnter Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Römer 11,25-32

25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jes 59,20; Jer 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.


 

Evangelium: Markus 12, 28-34

28 Einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten, trat zu Jesus. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? 29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5. Mose 6,4-5). 31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.


 

Predigttext: 2. Mose 19,1-6

1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. 2 Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. 3 Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: 4 Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.


 

Liebe Gemeinde!

Es wird noch ein langer Weg werden, den das Volk Israel vor sich hat. Gerade drei Monate ist es her, dass sie Ägypten, das Land der Unterdrückung, hinter sich gelassen haben. Drei Monate banger Angst, ob denn Mose, dem sie folgen, auch weiß, was er tut. Aber – eigentlich ist es ja Gott, dem sie folgen, dem geheimnisvollen „Ich bin da“, der aus dem brennenden Dornbusch den Anstoß gab zu allem Folgenden: Fruchtlose Verhandlungen mit dem Pharao, der sich dem „lass es ziehn, mein Volk“ entgegenstemmt, dann das Passafest und der überstürzte Aufbruch, jetzt oder nie! Sie haben das Schilfmeer durchschritten, die ägyptischen Soldaten hinter sich gelassen. Bei so vielen Freiheitsbewegungen gab es anfängliche Überraschungserfolge, aber der weitere Weg ist oft mühsam. Nun kommt die Wüste, die Israeliten sind auf sich allein gestellt, so scheint es. Gott aber bleibt ihnen treu, wenn sie auch murren und sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnen. Er versorgt sie mit Wachteln und Manna, Wasser aus dem Felsen, er weist als Wolken- und Feuersäule den Weg. Aber was am Anfang vielleicht staunenswerte Bewahrung war, wird von Tag zu Tag zur neuen Normalität, zum mühsamen Vorankommen mit ungewissen Aussichten. Drei Monate schon zu Fuß unterwegs – wie gut, dass sie nicht wissen, dass am Ende vierzig Jahre daraus werden sollen.

Nun ist – ganz unspektakulär – das erste Ziel erreicht: „in der Wüste gegenüber dem Berge“. Es ist die Gegend, wo auch die Frau des Moses, eine Midianiterin, herstammt, und sein Schwiegervater hat sich als Ratgeber hinzugesellt. Der Berg ist hier namenlos, der Berg im Angesicht der Zelte, kein von Wolken umhüllter Gottesberg. Man kann kaum ahnen, dass er später der Berg der Gesetzgebung, der zehn Gebote wird. Nur Mose scheint es zu spüren: „Und Mose stieg hinauf zu Gott.“ Allein will er ihm gegenübertreten. Bringt er die Klagen des Volkes mit, seine eigenen Fragen und Beschwerden? Drängt es ihn hoch hinauf, oder fühlt er sich in seiner Führungsrolle schon zu abgehoben? Braucht er Rat oder will er sich bei Gott vergewissern?

Mose wird seine Fragen an Gott nicht los. Bevor er etwas sagen kann, hat Gott schon das Wort ergriffen. Und es ist eine Botschaft an alle, nicht nur an Mose. Der muss wieder einmal den Mittler spielen, und die lange Kette der Gottesverheißungen, die mit Abraham und seinen Nachkommen begann, um ein entscheidendes Glied verlängern. Es ist die Liebeserklärung an das Volk Israel, die Zusage: „ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern“. Eigentlich hätten sie es schon von selbst merken müssen: Ihr habt gesehen, „wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“ „Hast du nicht dieses verspüret?“ heißt es im Lied „Lobe den Herren“: „Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet...“ - über Zweifel und Not, über die Brüche des Lebens hinweggetragen, immer hin zu ihm… Gottes Rede an Mose lädt ein, nach den Spuren von Gottes Wirken im eigenen Leben zu suchen, nachzuspüren, wo Gott als tragende Kraft erlebbar wurde. Ein ganzes Volk soll danach suchen. Und dann kommt die einzig verlangte Gegengabe auch nicht so gewaltig und als Last: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten.“ Gehorsam ist zunächst das sorgfältige, genaue Hinhören, das Öffnen des Herzens für eine Botschaft, die im Guten gemeint ist: nicht Gebote, sondern Weisung, hebräisch Tora. Seit dem Mittelalter wird im Herbst, am Ende der jährlichen Tora-Verlesungen, das jüdische Fest Simchat Tora gefeiert, als Freudenfest, dass es Gottes Wort und Gebot gibt. Und der Bund ist ja zunächst die Verpflichtung, nur diesem einen Gott zu folgen und zu vertrauen. „Ihr sollt ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ Das klingt so, als ob es keine Privilegien mehr geben soll, keinen Heiligen Stand, sondern alle sollen zu Gottesgelehrten werden – so wie dies in jüdischen Gemeinden weithin der Fall ist. Luther hat sich hier zu seinem „Priestertum aller Gläubigen“ inspirieren lassen. Damit ist auch schon die Frage aufgeworfen, inwiefern wir diesen Abschnitt auch auf uns beziehen können. In erster Linie sind natürlich die Juden angeredet, ihnen die Erwählung Gottes zu gesagt. Viel Missverständnisse, Eifersucht und Misstrauen sind daraus erwachsen. Mir scheint aber, dass schon in der Gottesrede über das Volk Israel hinaus gedacht wird: mein Eigentum „vor allen Völkern“ heißt es, sie stehen voran, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass andere sich anschließen, denn auch sie gehören Gott, der sagt: „die ganze Erde ist mein“. Der Weg Gottes zu den Völkern, zu den Heiden, ist mit Jesus beschritten, auch wir sind Befreite, auch wir sind von Gott wie Mose Gerufene, auch wir können und sollen unsere Geschichten mit Gott weitererzählen, „wie ich euch getragen haben auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“