Gottesdienst am 9. April 2020 - Gründonnerstag

Altar Gerolzhofen
Bildrechte: Reiner Apel

Epistel: 1. Korinther 11,23-26

23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,

24 dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis.

25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.
 

Evangelium: Johannes 13,1-15.34-35

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.

2 Und nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete;

3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging –

4 da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.

5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.

6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße?

7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.

8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.

9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!

10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; er ist vielmehr ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.

11 Denn er wusste, wer ihn verraten würde; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.

12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?

13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin's auch.

14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.

15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.

35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

 

Predigttext: 2. Mose 12,1-14

1 Der Herr aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:

2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.

3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus.

4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.

5 Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr's nehmen

6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.

7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen,

8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen.

9 Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen.

10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen.

11 So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des Herrn Passa.

12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der Herr.

13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.

14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.


Liebe Gemeinde,

gestern, am 8. April, feierten die Juden ihr Pessach-Fest. Auch in Israel galten strenge Reise- und Ausgangssperren gerade zu den Feiertagen. Pessach wird in den Familien, um den Tisch herum versammelt, gefeiert – im diesem Jahr nur im allerkleinsten Kreis. Man liest reihum die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, vom Aufbruch in die Freiheit, und was ferne Erinnerung scheint, wird im Erzählen gegenwärtig.

Unser Predigtabschnitt steht zwischen der neunten und der zehnten Plage, nach der der Pharao, immer noch widerstrebend, den Auszug der Israeliten gestattete. Es war ein Innehalten in der Gefahr, die Ruhe vor dem Sturm. Die Freiheit stand noch immer auf der Kippe, und ist doch schon zum Greifen nah: Der Pharao hätte sie schon gehen lassen, aber ohne das Vieh – ihren wertvollsten Besitz. Mose und Aaron bestehen auf der ganzen Freiheit, der Pharao dagegen auf dem eigenen Vorteil billiger Arbeitskräfte und materiellen Gewinns. Ja, noch mehr: Immer wieder wird beschrieben, wie das Herz des Pharao verstockt war, sogar, dass Gott es verstockt hat. Unter diesen Vorbedingungen ist mit einer gütlichen Einigung – wie so oft – nicht zu rechnen. So wird das Drohpotential von Plage zu Plage eskaliert, die Verhandlungen von Mose und Aaron bringen keine Lösung, sondern nur Verhärtung. So etwas endet leider oft genug im Blutvergießen – hier sind es die Schafs- oder Ziegenlämmer, deren Blut die Türen der Israeliten markiert. Das Unheil soll in dieser Nacht draußen bleiben, drinnen stärkt man sich für die Freiheit!

Heute können wir besser nachvollziehen, wie der Rückzug in den engsten Kreis scheinbar das Unheil bannt. Dabei kann die Solidarität im Moment wohl nicht zum Zuge kommen – dass nämlich auch Nachbarn einbezogen werden, damit das Fest im Teilen und Füreinander-Sorgen und nicht in sinnloser Völlerei endet. Das Fleisch, und auch die ungesäuerten Brote, von denen später die Rede ist, sind das Mahl des Aufbruchs, die letzte Stärkung auf dem Weg ins Ungewisse. Schon halb im Aufbruch, schon fertig angezogen und abmarschbereit soll gegessen werden, man will sich ja nicht niederlassen, sondern will nur noch weg! Wie viele Menschen werden auch heute alle Brücken hinter sich abbrechen und weggehen dorthin, wo ein besseres Leben winkt. Von außen betrachtet sind es Flüchtlinge, wie wohl damals auch die Israeliten; sieht man näher hin, erkennt man die Menschen, ihre Leiden und Perspektivlosigkeit, ahnt man ihre Träume und Hoffnungen. Lange, gefährliche Wege werden vor ihnen liegen, ähnlich den 40 Jahren in der Wüste.

Und welche Rolle spielt nun das Blut? Es soll die schrecklichste, wie alle Plagen völlig willkürlich Unschuldige treffende Katastrophe nicht in die Häuser lassen: Der Tod der Erstgeborenen bei Mensch und Tier, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Es ist der Herr selbst, der nachts umhergeht und die Ägypter schlägt. Das Blut scheint wie ein Abwehrzauber. Was würden viele heute dafür geben, wenn es das für Viren und andere lebensbedrohende Krankheiten gäbe! Aber es ist ein egoistischer Wunsch. Alle Menschen, ob gläubig oder nicht, sind denselben Gefahren ausgesetzt, die Frage ist nur, ob sie, gestärkt durch den Glauben, anders damit umgehen können. Und die Juden haben auf schreckliche Weise erleben müssen, wie das Bezeichnen von Häusern genau das Gegenteil bedeuten kann: der Davidsstern als Zeichen für ungehemmte Zerstörung und Gewalt an schutzlos gemachten Mitbürgern.

An der Schwelle zur Freiheit sind Brot – das ungesäuerte – und Blut Zeichen von existentieller Bedeutung, wobei Blut das emotionsgeladenere ist. Brot, das ist Nahrung, Wegzehrung. Blut – da geht es um Leben und Sterben. Beide Zeichen hat Jesus in seinem Abendmahl aufgenommen: Er macht frei von Sünde und Tod, er gibt darin sichtbar seine und Gottes Liebe. Mag es ein Passamahl gewesen sein oder nicht: Er deutet es auf seine Weise: „Für euch gegeben“ - „tut dies zu meinem Gedächtnis“. Aber die Grundsymbolik ist geblieben: „Das stärke und bewahre dich im Glauben zum ewigen Leben“ - auf dem Weg der Freiheit der Kinder Gottes. Wie lange wir noch auf diese Gaben im Gottesdienst der Gemeinde verzichten müssen, ist noch nicht abzusehen. Aber die erinnernde Vergegenwärtigung ist dennoch eine Möglichkeit, diesen Gründonnerstag zu feiern.

Wir können dankend und gedenkend aller vorangegangenen Mahlfeiern in unserem Leben, sprechen oder singen: (EG 216, Thomas Blarer um 1533/34)

 

Du hast uns Leib und Seel gespeist; nun gib uns, so zu leben,
dass unser Glaub und Lieb dich preist, die uns dein Gnad will geben;
dass durch dein Treu die Sünd uns reu,
für die dein Sohn vergossen sein teures Blut, das uns zugut
den Himmel hat erschlossen.