Gottesdienst am 9. August 2020 – neunter Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Philipper 3,7-14

Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.

8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne

9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben.

10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden,

11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.

13 Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,

14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

 

Evangelium: Matthäus 13,44-46

44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.

45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte,

46 und da er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

 

Predigttext: Jeremia 1,4-10

4 Des Herrn Wort geschah zu mir:

5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

6 Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

7 Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.

9 Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

Liebe Gemeinde!

„Des HERRN Wort geschah zu mir...“ es ist hier nicht der ferne, rätselhafte Gott, mit dem es Jeremia zu tun bekommt. Er spricht ihn an, packt ihn, ergreift von ihm Besitz. Er kommt ihm nahe, vielleicht zu sehr.

Der Vater des Jeremia war Priester. Er kannte Gott von den Riten, den Gebeten, gleichförmige Übungen der Frömmigkeit. Ein Priester vollzieht sein „Amt“, achtet auf die „Ordnung“ im Gottesdienst.
Der Sohn dagegen kann nicht ausweichen in Routine. Gottes Auftrag ist seine ganz persönliche Leidenschaft und Last. Das ist eine wichtige Erfahrung, wo doch viele in ihrer Arbeit als ersetzbar oder sogar überflüssig gelten. Es ist eine tiefe Kränkung zu erfahren: du wirst hier nicht gebraucht, oder: der Ersatz steht schon bereit. Die eigene, quälende Frage heißt doch: Wer will mich? Werde ich als der eine, einzigartige Mensch gesehen?

Das ist hier nicht die Frage, ganz im Gegenteil: Gott kennt ihn schon vor seiner Geburt, er hat ihn lange zuvor schon ausgewählt. Es gibt keine Stellenbeschreibung, keine Bedenkzeit, eigentlich keinen Raum für Widerspruch – es ist schon entschieden: Du wirst Prophet!

Aber der Widerspruch kommt doch! Ist es ein Abwehrreflex, wie wir alle ihn vor einer großen Aufgabe verspüren würden: Kann ich nicht – will ich nicht – warum ich? Das Leben würde unwiderruflich außer Kontrolle geraten, all die schönen Wünsche und Pläne wären vorbei.

Wir kennen auch die Floskeln, wenn der/die Gesuchte dann gefunden ist: „Du schaffst das schon“, „einer muss es doch machen“, „man wächst mit seinen Aufgaben“ - und wird dann oft schnell damit allein gelassen. Es ist schon mutig, dass Jeremia überhaupt widerspricht. Er könnte auch Ja, ja sagen und sich dann wegducken, er könnte schicksalsergeben gehorchen, er könnte weglaufen wie Jona. Hier spürt man seine Energie und seinen Willen.

Nur: es nützt ihm nichts. Gegen Gott bleibt ihm keine Wahl. Er bleibt von Gott ergriffen, ehe er begreift, von Gott ausgewählt, bevor er die Wahl hat. Darin besteht seine Tragik.

Und dann wird er losgeschickt, ausgestattet mit einer Botschaft und einer Verheißung. Die Botschaft ist bitter, gegen die eigenen Leute gerichtet, scharfe Angriffe gegen die Scheinheiligkeit und Selbstsicherheit: sie haben die Gebote missachtet, ihr Vertrauen von Gott abgewandt. Das muss Jeremia öffentlich verkünden, wieder und wieder, nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern in aller Deutlichkeit. Klar, dass man sich so keine Freunde macht. Ein Dissident, ein Whistleblower Gottes. Einer, der die Folgen im Blick hat: „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben, bauen und pflanzen.“ Krieg und Zerstörung, Zerfall und Entzweiung werden nicht ausbleiben, bevor auf den Trümmern Neues entstehen kann. Es klingt, als ob Gott zynisch alle destruktiven sich entfesseln lässt, bevor die zarten Pflänzchen des keimenden Neuanfangs überhaupt wahrgenommen werden können. An dieser Botschaft könnte man zerbrechen, weil man in die Mühle dieser gegensätzlichen Kräfte gerät, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Jeremia am Ende ein gewaltvolles Schicksal ereilt hat.

Aber gleichzeitig wird er auch ermutigt: „Fürchte dich nicht“, „Ich bin bei dir und will dich erretten.“ Entgegenkommen und Kompromissbereitschaft bleiben Jeremia verwehrt. Gottes Worte, in der Berührung seines Mundes dorthin hineingelegt, lassen sich nicht passend zurechtbiegen, sie bleiben unbequem und sperrig, im Mund und auch im Leben. Der Bote lebt in Gefahr, für seine Botschaft geprügelt zu werden, für die er mit seinem Fleisch und Blut einsteht. Gerade darum ist das „ich bin mit dir“ so wichtig. Man könnte das Psalmwort daneben stellen (Ps 56,12) „Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht – was können mir Menschen tun? Die innere Festigkeit eines Menschen kommt daher, wenn er von seiner Sache überzeugt ist. Wer im Namen Gottes auftritt, der spricht auch im Namen der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit.

Und am Ende bekommt Jeremia nicht nur etwas zu hören – wobei Gottes schöpferisches Wort ja genügen würde – sondern etwas zu sehen: einen „erwachenden Zweig“ (V. 11). Ein Symbol für Leben aus der Erstarrung, für unaufhaltsames Aufbrechen und Wachsen, für augenscheinliche Schönheit und Blüte, die in der Knospe als Anlage schon da ist, aber auf ihre Entfaltung wartet. Jeremia soll, mit Gottes Wort im Gepäck, nicht nur standhalten, sondern dem Lebendigen, dem still Wachsenden nahe sein und bleiben.